"Beige und ruhig durchs Leben gehen"

4. Jänner 2008, 19:03

Dagmar L. ist 66 Jahre alt und hat drei erwachsene Töchter. Sie unterrichtete Deutsch an einem Wiener Gymnasium.

Ich habe mit 55 Jahren darüber nachzudenken begonnen, dass ich älter werde, zuvor überhaupt nicht. Ich denke, ab 55 ist das Alter schon egal. Man schaut jeden Tag in den Spiegel und sieht aus wie am Tag zuvor. Mit 39 habe ich noch ein Kind bekommen, das wirkt verjüngend. Doch 60 ist schon eine blöde Zahl, das ist ein Schreck, vor allem wegen der Pensionierung. Nach einem fremdbestimmten und geregelten Tagesablauf ist man auf einmal wieder Herr seiner Zeit. Bei mir war der Übergang nicht schwierig, da mir meine Töchter einen Hund geschenkt haben. So war ich wieder fremdbestimmt und mein Tagesablauf reglementiert.
Glücklicherweise habe ich, statt dem Lehrer-Konferenzzimmer, wo man sich trifft, eine Gruppe von Hundebesitzern im Türkenschanzpark gefunden, die ich täglich treffe. Das ist natürlich auch wieder ein Klischee: die alte Frau mit dem Hund. Aber er befriedigt den Pflegetrieb und füllt eine gewisse Lücke, die man als Frau doch empfindet, wenn sich familiäre Dinge auflösen. Auch zwingt mich der Hund, an die frische Luft zu gehen und mich zu bewegen. Sonst würde ich vermutlich den ganzen Tag am Sofa liegen und lesen.
Als mein Mann in Pension gegangen ist, habe ich das Zusammenleben nicht mehr als reibungslos empfunden. Er ist nächtens spazieren gegangen und hat um zwei Uhr früh zu kochen begonnen. Ich bin dann ausgezogen. Wir haben aber ein freundschaftliches Verhältnis. Wenn man älter wird, werden die Eigenschaften immer ausgeprägter, und man will nicht dauernd in seinen Gewohnheiten unterbrochen werden. Ich sehe meinen Mann groteskerweise öfter als vorher. Auch meine Töchter sehe ich oft, sie wohnen nah bei mir, wie die Frösche um einen Teich.


Nach der Pensionierung fallen manche in ein schwarzes Loch. Man muss schauen, wo man neue Impulse her bekommt. Im Alter bekommt man selten neue Freunde. Ich habe mit den Hunde-Leuten welche gefunden, und das ist ein Impuls, der mir viel Spaß macht. Frauen definieren sich bereits in der Jugend oft über äußerliche Dinge. Ich habe mich nie in dem Sinn als Frau gefühlt, dass ich durch Aussehen und Koketterie jemanden gewinnen konnte. Wenn dir das aber ein Wert ist, dann geht was verloren, wenn man nicht mehr hübsch und jung ist.


Es gibt eine Million Frauen über 60 in Österreich. Wo sind die alle? Sie sind gesellschaftlich und als Zielgruppe ignoriert, dabei wäre das eine Nische. Wahrscheinlich, weil die Menschen, die Wirtschaft betreiben, Männer sind, und froh, wenn sie keine alten Weiber sehen. Wenn das aber so viele sind, sollten sie eigentlich eine Lobby sein, die etwas durchsetzen kann. Aber eine Altweiberpartei, wer will die schon anführen? Per definitionem würden sich alle lustig machen, und das wäre schon an der Grenze der Peinlichkeit.

Wenn alte Frauen nicht hilflos auf der Straße zappeln, bemerkst du sie nicht. Sie sind beige gekleidet und gehen beige durch die Welt und fallen nicht weiter auf. Sie könnten natürlich wehklagen, aber sie sind von jung an gewohnt, ihre Kinder aufzuziehen und Dinge zu tun, die sie überfordern. Darum hauen sie auch nicht auf den Tisch und sagen, was sie brauchen.

Frauen werden immer unauffälliger, je älter sie werden. Die schrillen Alten will auch keiner. Wenn man alt wird, hat man den Mund zu halten, beige und ruhig in der Ecke zu sein. Mir fällt gar kein Beispiel einer ältlichen Dame ein, die überzeugt. Es muss doch vorbildhafte ältere Damen geben. Hillary Clinton ist zu jung. Christiane Hörbiger ist schon eine Spur zu schrill und klischeehaft. Barbara Frischmuth könnte man bewundern. Würde sie sich als Bürgermeisterin aufstellen, würde man sie wählen, aber sie ist ein sehr zurückgezogener Mensch, niemand, der sich hineindrängt. Sonst fällt mir niemand ein. Eigentlich erschreckend. Barbara Rett muss sich beeilen, älter zu werden. Sie wäre ein Typ dafür.

Wenn ältere Frauen toll sind, werden sie gleich beneidet, und die Leute werden ekelhaft zu ihnen. Bei graumelierten erfolgreichen Männer sagt man, ‚Oh der ist arm, der hat so viel zu tun und ist überlastet‘, bei Frauen sagt man, 'die muss sich in den Mittelpunkt stellen'. In dem Moment, in dem sich eine Frau nicht ruhig in der zweiten Reihe aufhält, wird sie als komische Figur dargestellt.

In dem Moment, wo ich frage, wo ich meine Schlüssel hab liegenlassen, sagen meine Töchter: „Mutter, du bist nicht 90." Da muss ich mich zusammenreißen. Die Kinder wollen nicht, dass man alt wird, weil sie Angst haben, Verantwortung für einen übernehmen zu müssen. Sie werden rasend, wenn ich sage, dass ich etwas nicht mehr kann. Die Mutter hat immer zu können. Und man will auch nicht, dass die hilflose Alte dann übrigbleibt. Das verstehe ich.

Ich habe immer vorgehabt, mich im Altersheim anzumelden. Ich stelle mir das lustig vor. Man spielt Karten, und es ist wie in einer Kuranstalt. Früher war das ein Abschiebgleis für Gagagreise, das ist es lange nicht mehr. Andererseits, solange man sich selbst versorgen kann, hat man eine gewisse Selbstbestätigung. Ich glaube, wenn man die abgibt, wird man schneller alt. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr merke ich, dass ich zufrieden bin mit meinem Leben. Es ist schon lustig, wenn man nicht mehr so gehetzt durchs Leben taumelt. Im Februar werden ich Großmutter, darauf freue ich mich. Dafür muss ich mich jetzt fit halten. (Julia Grillmayr, DER STANDARD, ALBUM, 5./6.1.2008)

 

  • "Beige und ruhig durchs Leben gehen" [9]

  • Die Unsichtbaren [93]

    Wo sind die älteren Frauen? Es ist schon seltsam, wie wenige Bilder uns als Antwort zu diesen Fragen einfallen. Die Analyse eines traurigen Versäumnisses

  • Porträt: Der Löwe und die Frau Magister [57]

    TitelbildDie Diplomarbeit der Seniorin Mary Hoschek hat bereits die dritte Auflage erfahren - Der Titel hilft zur Selbst-Behauptung

  • "Drumherum beim Sex wird wichtiger" [3]

    Sex nach der Meno­pause kann so gut wie im Hollywoodfilm "Was das Herz begehrt" sein, sagen Sexual­wissenschafter Aigner und Pflegedienstleiterin Backer - Diskussion

  • Der weise Leichtsinn [22]

    Was in frühen Jahren nicht gelebt werden konnte, kommt spätestens ab fünfzig - Wiedergelesen und noch immer gut - Buchtipp

  • Buchtipps

    Die Weise Alte [3]

    Warum alte Frauen degradiert werden, zeigt Barbara G. Walker mit einer Spurensuche durch die Kulturgeschichte

  • Böse, blöde, unbrauchbar? [135]

    TitelbildAbwertung prägt Bilder alter Frauen in der Öffentlichkeit – wenn sie überhaupt auftauchen: Elisabeth Hellmichs Buch "forever young"

  • Wie kluge Frauen alt werden [2]

    TitelbildHeidi Witzig hat Feministinnen im Alter zwischen 63 und 90 Jahren zu Erfolgen, Misserfolgen und zum Älterwerden befragt

lästig denkend
30
kann mich dem nicht anschliessen...

..den Grannies geht's gut - und zwar auf unsere Kosten, wie diese Doku-Ausschnitte beweisen:

http://www.youtube.com/watch?v=q2A6UJEj81k
http://www.youtube.com/watch?v=MyTWrWxf9GY

peter j.k.
01
obwohl ein Mann...

...sprechen, genauer gesagt schreiben Sie mir aus der Seele, ja aus dem Herzen.
Weil vergleichbares Alter, weil fast idente Ansichten.
Warum die meisten Männer "unseres" Alters Frauen "unseres" Alters nicht "wollen" ist mir ein Rätsel. Aber doch Tatsache. Leider!

Eines interessiert mich:
Warum gerade Barbara Rett? Ich kenne Barbara Rett ein wenig. Und ich schätze sie vor allem. Aber WIE sie ihr Älterwerden (er)leben wird, "steht" noch nicht fest.
Mir imponiert u.a. eine andere, bereits 80 Jahre alte Barbara. Rütting heißt sie.

Ingeborg Hofbauer
00
Graue Haare

Ich bin 47 Jahre und es zeigen sich die ersten grauen Haare. Sie spiegeln mein Leben.Ich bin stolz auf den silbernen Hauch auf meinem Kopf. Jeden Tag Weihnachten mit Silberfäden.Jedoch mein Friseur meint, Grau macht alt. Wenn, dann ganz kurz, dann ist es schick. Unter dem Motto. Wenn Wechseljahre kommen, dann Haare weg, Eierstöcke raus....nix mehr Frau. Hab meinen Friseur gegen eine Friseuse getauscht.

Therimon
00
Also ich bin Mann ...

... und 45, im Grunde schneeweiß und meine Freundin ist 54 ... so what..? In diesem Sinne: das Alter entsteht im Kopf. Ein Tag älter, ein anderer jünger. Aber wieder 18, 28 sein..? Gott behüte..! ;-))

wonderbrass
00

Ich bin nicht stolz auf meine grauen Haare. Ich war auch nicht stolz auf meine Haare, als sie noch nicht grau waren. Ich war nicht stolz auf mein jugendliches Aussehen, aber ich sehe auch nicht ein, warum ich stolz sein soll auf die Anzeichen des Alters. Alles kein Verdienst. Aber ich seh mich lieber fesch als grau und alt, also versuch ich, mich fesch zu machen. Und, okay, das hat auch was damit zu tun, dass ich anderen gefallen will, und den anderen gefallen nun einmal die Anzeichen des Alters nur mäßig. Heißt was? Heißt, dass es verdammt arrogant und ahnungslos ist, von anderen zu verlagen, sie sollen "stolz" zu ihrer nachlassenden physischen Attraktivität stehen, solange man selber attraktiv ist. Silberhauch ist kein Problem, farblos ja

presonic
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wie schön, wenn man dann wenigstens im kino

frauen wie maryl streep sieht. die ist im vergleich zu früheren jahren sehr viel schöner jetzt. farbenfroher. lebendiger.
alt und farblos ist nicht zwangsläufig etwas, das hand in hand geht. ich erinnere mich da an meine volksschullehrerin. selbst als sie weit über 70 war, trug sie grellen lidschatten und hatte viele freundinnen, mit denen sie im kaffehaus tratschte oder sonstige hobbys machte. es gibt sie, die lebefrauen und ich werde sie mir zum vorbild nehmen.

fibiundchillie
00

lebefrau gefällt mir!
muß ich dran arbeiten:))

anders and
 
01
ich kenne viele Frauen um die 30

die schwarz gekleidet in depressiver Stimmung herumhängen und darüber jammern, dass sie jetzt wirklich alt geworden sind.

Diese Attitüde ist wirklich kein Vorrecht des Alters.

presonic
03
schwarz?

das wär ja noch aufregend. es gibt schon genug 30-jährige beige.

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