Wo sind die älteren Frauen? Es ist schon seltsam, wie wenige Bilder uns als Antwort zu diesen Fragen einfallen. Die Analyse eines traurigen Versäumnisses
Vielleicht liegt es ja daran, dass Frauen in Österreich so früh sterben. Oder daran, dass es ein Gesetz gibt, das ihnen vorschreibt, tagsüber stets zu- hause zu bleiben. Oder an einer Pille, die sie täglich nehmen, und die sie unsichtbar macht.
Wo sind ältere Frauen eigentlich? Was machen sie den ganzen Tag? Es ist seltsam, wie wenige Bilder uns als Antwort zu dieser Frage einfallen: Sie sitzen auf der Parkbank und füttern Tauben. Sie stehen, mit aller Zeit der Welt, an der Wursttheke beim Billa und lassen sich dreieinhalb Deka Extrawurst aufschneiden, aber bitte extrafein, während die gehetzten Büroleute hinter ihnen nervös von einem Bein aufs andere steigen.
Sie lassen ihren Putzi oder Hasso den Park vollscheißen und werden sehr böse, wenn man ihnen das verbieten will. Es gibt die Resi Berghammer, die Mama vom dicken bayrischen Inspektor. Dann gibt es die Frau Anni im Seniorenclub, oder ist die schon gestorben? Julia, eine ungewöhnliche Frau. Die Golden Girls. Und schließlich die zahnlosen, einsamen, vernachlässigten Alten in den Pflegeheimen.
"Älter" ist man, laut WHO-Definition, ab 60 Jahren, "alt" ab 75, "sehr alt" ab 90; wer 100 wird, darf sich schließlich "langlebig" nennen. Was die Menschen unter "alt" verstehen, ist sehr sehr stark davon gefärbt, wie alt sie selbst sind: Je älter sie werden, desto weiter verschiebt sich die Definitionsgrenze nach hinten. Fest steht, dass die "Älteren" viele sind, mehrheitlich weiblich sind sowie stetig mehr werden. Ziemlich genau eine Million Frauen in Österreich, ein Achtel der Bevölkerung, sind derzeit mehr als sechzig Jahre alt.
Dennoch gibt es, um diese Million zu beschreiben, bloß wenige, schon recht abgeschmackte Klischees in unseren Köpfen. "Unsere Bilder vom Alter sind nicht mehr zeitgemäß", sagt die Sozialwissenschafterin Rotraud Perner. Wir wissen zwar genau, wie eine Greisin aussieht - um uns "junge alte" Frauen in aller Vielfalt vorzustellen, fehlt uns hingegen das Repertoire. Zum Taubenfüttern sind sie noch nicht tatterig genug. Um sichtbare, produktive Aufgaben übertragen zu bekommen, kommen sie gleichzeitig jedoch längst nicht mehr infrage. Als gesellschaftlich relevantes Problem tauchen sie erst wieder auf, wenn sie Pflegefälle werden.
Ältere Frauen werden so zu einer Randgruppe gemacht, ohne, den Zahlen nach, eine zu sein. Sie werden in der Stadtplanung links liegen gelassen und kaum mitgezählt, wenn das Fernsehen die Einschaltquoten vom Vortag ausrechnet. Klassische Frauenpolitik fühlt sich für sie nicht mehr zuständig, sobald sie die Wechseljahre hinter sich haben. Kulturell hält man sie, egal, aus welchem Milieu sie kommen, mit einem Volksmusikabend und Hansi Hinterseer für ausreichend bedient. Und vor Wahlen werden sie mit stets demselben Mantra abgespeist: Die Pensionen sind sicher, das Gesundheitssystem ebenfalls.
Irgendwie, scheint es, hören Frauen auf, benennbare Individuen zu sein, sobald sie eine gewisse Altersschwelle überschreiten, und werden eine sprachlose, anonyme Masse. Wie kommt das? Ist es Absicht? Eine Verschwörung? Ein Versehen?
Es wird, zunächst einmal, mit Macht zu tun haben. "Junge alte" Frauen haben, im Gegensatz zu "jungen alten" Männern, nicht viel zu melden in Wirtschaft, Politik, Medien und Öffentlichkeit. Sie sind normalerweise nicht mehr Teil des Arbeitslebens; sie gehören, wie man so schön sagt, nicht zum "produktiven Teil" der Bevölkerung. Unter anderem deswegen, weil man sie nicht lässt: Mit 40 gelten Frauen, die zum Arbeitsmarktservice kommen, schon als Problem, mit 45 sind sie in den Augen der meisten Personalchefs längst zu alt für neue Aufgaben, und mit durchschnittlich 56 Jahren gehen sie hierzulande in Pension. In den letzten zehn Berufsjahren geht, im Gegensatz zum Durchschnittsmann, karrieretechnisch meist nicht mehr viel weiter.
Während Männer am Ende ihrer Berufslaufbahn oft noch schnell eine Hierarchiebene vorrücken, um die Früchte eines langen, kontinuierlichen Aufstiegs in den Ruhestand hinüberzuretten, sammeln Frauen im selben Alter eher die letzten Teilchen ihrer Teilzeit-Patchwork-Biografien auf. Die Gehaltsschere zwischen den Geschlechtern öffnet sich gerade in den letzten Erwerbsjahren dramatisch. Das schlägt sich direkt in der Pensionshöhe nieder, die im Durchschnitt nur halb so hoch ist wie die durchschnittliche Männerpension. 40 Prozent der heutigen Pensionistinnen haben überhaupt keinen eigenen Pensionsanspruch. Sie leben vom Geld ihres Mannes, von der Pension ihres verstorbenen Mannes oder vom Staat.
Die materielle Machtlosigkeit spiegelt sich auf abstrakter Ebene. Macht hat kein weibliches Gesicht. Weder in den Medien noch in unserer Vorstellungskraft. Mit grauen Schläfen, Falten und einem Bauchansatz ist ein älterer Mann, rein äußerlich, die ideale optische Besetzung für einen Vorstandsvorsitzenden, Professor, Sektionschef oder Minister. Eine mächtige Frau mit sechzig hingegen ... kennen Sie eine? Dass eine 70-Jährige wie Maria Schaumayer, als Restitutionsbeauftragte der Regierung, noch ein öffentliches Amt ausfüllt, ist die absolute Ausnahme.
Mächtige, erfolgreiche, sichtbare Frauen, können heutzutage jung sein - das passt noch halbwegs zusammen; und wird dann "erfrischend", "frech" oder "unkonventionell" genannt. Wenn sie in der Kultur- und Popbranche erfolgreich sind, dürfen sie sogar jenseits der vierzig sein - vorausgesetzt, sie haben sich körperlich gut genug gehalten und bringen ausreichend Glamour mit. Auch die Kombination aus „alter Frau" und Reichtum kann durchaus funktionieren - solange die alte Frau eine reiche, verwöhnte Gattin, eine geheimnisvolle Erbin, eine dekadente Aristokratin oder eine Milliardärswitwe ist.
Bloß eines funktioniert nie und nimmer: machtbewusste, satte Distinguiertheit, die auf eigenem Geld und eigenen Leistungen beruht. Das ist eine Attitüde, für die es jede Menge männliche - aber so gut wie keine weiblichen Rollenvorbilder gibt.
Sattsein ist ohnehin ein Zustand, der Frauen kaum jemals zugestanden wird. Sie dürfen sich, wenn sie ihr berufliches und kleinfamiliäres Lebenswerk vollendet haben, bescheiden lächelnd zurückziehen, auf die Enkel aufpassen, andere Familienangehörige pflegen, sich eine Schürze umbinden, Apfelkuchen backen und möglichst still ins Greisinnenalter hinübergleiten. Sich darüber freuen, dass man immer noch am Leben ist, muss doch eigentlich reichen fürs kleine Glück, oder?
Die Sozialwissenschafterin Aga Kwiecinski hat dieser Leerstelle in der öffentlichen Wahrnehmung nachgespürt. Frauen. Alter. Medien heißt ihre Studie. Zwei Monate lang hat sie Zeitungen ausgewertet, mit dem Ergebnis, dass der oberflächliche erste Eindruck nicht täuscht: Ältere Frauen sind auch in den Medien kaum da. Selbst in der Kronen Zeitung, einem Blatt, das ältere Leserschichten offensiv umwirbt, sind Tierfotos häufiger als Abbildungen älterer Frauen.
Außerdem screente Kwiecinski sämtliche Nachrichtenagentur-Meldungen in demselben Zeitraum - und fand riesige Unterschiede, in welchen Zusammenhängen ältere Frauen und ältere Männer Gegenstand der Berichterstattung werden. Eine Frau ist zuerst und vor allem eine anonyme "Betroffene" irgendwelcher Maßnahmen, die nicht sie selbst, sondern andere setzen, sei es in der Pflegedebatte oder bei der Pensionsreform. Ein Mann hingegen wird, wenn er erwähnt wird, "im gleichen Atemzug meist jünger gemacht, durch das Herausstreichen einer besonderen Tätigkeit, die er verrichtet, oder einer Leistung, die er erbracht hat", schreibt die Forscherin.
Um einen Mann zu beschreiben, gehört nämlich untrennbar dazu, zu beschreiben, was er tut. Bei einer Frau reicht es zu sagen, dass sie einfach da ist. Hier ist er wieder, der alte Antagonismus, der das gesamte Geschlechterverhältnis prägt: Der Mann handelt, die Frau duldet. Handeln sieht man, dulden ahnt man bloß. Handeln, der aktive Part, ist mit Jugend konnotiert. Dulden, der Passive, mit dem Alter. Und ist Dulden nicht beinahe schon dasselbe wie das Warten auf dem Tod?
Wahrscheinlich macht das Altern allen Menschen gleichermaßen Angst, Männern wie Frauen. Aber wenn man versucht, den Begriff „Alter" bildlich darzustellen, merkt man, wie stark er weiblich konnotiert ist. Das entspricht zum Teil den empirischen Tatsachen - schließlich gibt es bei den 85-Jährigen dreimal mehr Frauen als Männer. Ähnlich hoch wird der Frauenanteil unter den Dementen, Pflegebedürftigen, Alzheimerkranken, Bettlägrigen sein.
Die lächelnde Kukident-Omi
Doch jenseits der Zahlen findet hier auch eine inhaltlich-assoziative Verknüpfung statt, die fatale Folgen für unseren alltäglichen Umgang mit älteren Frauen hat. Die alte Frau verkörpert das Alter an und für sich. Sie steht für all die Unannehmlichkeiten, von denen wir hoffen, sie mögen uns nie, niemals selbst begegnen. Man könnte daraus ableiten: Indem wir ältere Frauen aus unserer Wahrnehmung verbannen, bannen wir unsere Angst.
Es gibt aber noch eine zweite Möglichkeit - dass die Angst umschlägt in Aggression. Indizien dafür hat Kwiecinski in der Werbung gefunden, wo es in den vergangenen Jahren interessante neue Entwicklungen gab. Die kleine, bescheidene öffentliche Rolle der über 60-Jährigen war bis vor kurzem noch die lächelnde Kukident-Omi mit dem Wanderrucksack, die Vitaminpräparate, Gebiss-Haftcremes oder sonstige altersspezifische Produkte anpries („rüstig", „agil" und „junggeblieben" hießen die Codeworte).
Die neue Version hingegen ist die dekadente Grauhaarige, spaßsüchtig und konsumgeil wie ein aufgekratzter Teenager - nur dass sie, im Gegensatz zum Teenager, über unendlich viel Zeit und Geld verfügt. Diese glamouröse Alte bucht lieber einen Tauchkurs auf den Malediven, statt sich strickend auf die Ofenbank zurückzuziehen, und nimmt sich gleich einen jugendlichen Lover mit. Sie ist schrill, sie ist laut, sie behängt sich mit Klunker und nimmt sich schamlos mehr, als ihr zusteht.
Dieses Bild kollidiert stark mit der Unsichtbarkeit, die wir von älteren Frauen sonst gewöhnt sind. Das steigert den Tabubruch, was es nach dem Willen der Werbeleute wohl auch soll: Denn die „geile Alte" dient dann, aufgeladen mit Neid, Missgunst und Ressentiments, bestens als Symbolfigur im Generationenkonflikt. Verjubelt die verantwortungslose Oma mit dem schicken Lover nicht etwa das Erbe ihrer Enkerln, die womöglich der armen, arbeitslosen „Generation Praktikum" angehören? Was ist das für eine Freiheit, die sie sich da anmaßt? Wer hat ihr das erlaubt?
Die „geile Alte" ist selbstverständlich ein Fantasieprodukt ebenso wie die böse Schwiegermutter oder die Hexe aus dem Märchen. Werbung taugt zwar - ähnlich wie das Märchen - zur Entlarvung gesellschaftlicher Sehnsüchte und Ängste. Doch zur Beschreibung der Wirklichkeit taugt sie nicht. Sehr wahrscheinlich ist die Zahl jener Pensionistinnen, die auf den Malediven tauchen gehen, ähnlich klein ist wie die Zahl jener, die tatsächlich im Park Tauben füttern; und die überwiegende Mehrheit der real existierenden Frauen über sechzig wird sich in keinem der beiden Klischeebilder wieder finden.
Was als Instrument bleibt, um ihr Leben sichtbarer, anschaulicher und verstehbarer zu machen, ist schließlich noch die amtliche Statistik. Die verrät uns zum Beispiel, dass 61 von hundert Frauen im Lauf ihres Lebens Witwe werden, und dass mehr als die Hälfte der über 70-Jährigen in einem Ein-Personen-Haushalt lebt. Sie verrät, dass Alleinleben nicht zwangsläufig Einsamkeit und Isolation bedeutet. Ältere Frauen haben deutlich mehr soziale Kontakte, als man ihnen nachsagt, und auch das Verhältnis der Generationen ist besser als sein Ruf. Drei Viertel der älteren Frauen haben zumindest ein Enkelkind, ein Viertel sogar ein Urenkelkind, und fast die Häfte hilft regelmäßig bei der Kinderbetreuung, jede zehnte sogar mehr als zehn Stunden pro Woche.
Aus Umfragen wissen wir weiters, dass Frauen über 60 treue Anhängerinnen der beiden Großparteien sind. Dass sie, dem Vorurteil entsprechend, im Fernsehen am liebsten „Bundesland heute", „Schlosshotel Orth" und „Klingendes Österreich" schauen. Dass nur 51 Prozent noch Geschlechtsverkehr haben. Dass nur jede zehnte ein eigenes Auto hat, und jede zehnte Alleinstehende in einer Substandardwohnung wohnt. Im Vergleich zum Durchschnittskonsumenten geben sie doppelt so viel Geld für Gesundheit aus. Sie treiben mehr Sport als früher, und sie haben, im Vergleich zu Männern, konstitutionelle und immunbiologische Vorteile, die sie besser gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützen.
Aber kann das alles gewesen sein? Nein. Der österreichische Seniorenbericht liefert noch einen entscheidenden Hinweis nach: Das Selbstwertgefühl älterer Frauen sei "gedämpft", heißt es da. "Wenn man weiß, dass man keinen Einfluss hat, steckt man die eigenen Bedürfnisse zurück, um trotzdem zufrieden sein zu können." Frauen fühlen sich, wenn man sie nach ihrem "gefühlten Alter" fragt, signifikant älter als gleichaltrige Männer. Mit dem objektiven Gesundheitszustand hat das ebenso wenig zu tun wie mit der realen Entfernung vom Sterben. Im Gegenteil: Die Selbsteinschätzung von Frauen ist deutlich realistischer.
Es gibt nur eine mögliche Erklärung für dieses Paradox. Achtung und Beachtung zu bekommen macht deutlich jünger. Unsichtbar zu sein macht alt. (Sibylle Hamann, DER STANDARD, Album, 5./6.1.2008)