Buchtipp

Die Erzengelmacherin

6. Februar 2008, 07:00
  • Artikelbild

Anne-Marie Rey, streitbare Kämpferin für Frauenrechte, beschreibt das 30-jährige Ringen um die Fristenlösung in der Schweiz

Im Oktober 2002 hat in der Schweiz ein 100-jähriger Kampf für das Recht von Frauen, selbst zu entscheiden, ob und wann sie ein Kind bekommen wollen, sein erfolgreiches Ende gefunden: Am 1. Oktober tritt im ganzen Land die Fristenregelung in Kraft, welche einen straflosen Schwangerschaftsabbruch in den ersten zwölf Wochen seit Beginn der letzten Periode ermöglicht. 30 Jahre davon hat Anne-Marie Rey in vorderster Reihe für das Recht mitgekämpft. Fünf Jahre danach ist die Autobiografie dieser außergewöhnlichen Frau erschienen, welche von einem konservativen Nationalrat einst geringschätzig die "Erzengelmacherin" genannt wurde. Diese Titulierung hat die heute 70-jährige Anne-Marie Rey als Titel für ihr Buch gewählt, in welchem sie den nervenaufreibenden und langwierigen Kampf um die Schweizer Fristenregelung beschreibt.

Erste Erfahrungen

Rey schildert ihre Mädchenzeit und ihre ersten Erfahrungen mit Schwangerschaftsabbrüchen, als ihr Vater, ein Frauenarzt, nach illegalen Abbrüchen mit dem Gesetz in Konflikt geraten ist. In der 68er-Zeit war sie eine "fürchterlich brave" Studentin, die keinerlei unbequeme Fragen stellte. Mit Hilfe ihrer Tante, die Reys Kinder versorgte, gelang es der Schweizerin, ihre feministisch-politische Arbeit aufzunehmen.

Von ihrem eigenen Abbruch berichtet Rey: "Damals bäumte sich in mir alles auf gegen diesen Eindringling. Was geht es den Staat an, was in meinem Bauch passiert? Ich fühlte mich im wahrsten Sinn des Wortes als 'Leibeigene', fremdbestimmt und gedemütigt von patriarchalischen Machtstrukturen. Und ich empfand eine ohnmächtige Wut." Diese Wut begleitet die Leserin durch das Buch - besonders stark ist sie bei den Konfrontationen mit der katholischen Kirche. Anne-Marie Rey empfindet die vom Papst und von anderen christlichen Würdenträgern vertretene Sexualmoral schlicht als "pervers".

Zeitgeschichte

Das vorliegende Buch ist nicht nur eine Autobiografie, sondern auch eine zeitgeschichtliche Betrachtung einer sehr mutigen Frau: Vom ungleichen Kampf gegen Staat und die Kirche, von den vielen Etappen der Meinungsbildungsarbeit und von den verschiedenen Abstimmungskämpfen erzählt Anne-Marie Rey lebendig und überzeugend - so, als wäre dies alles erst gestern passiert.

Die Autorin schildert erschütternde Schicksale von Frauen, die in der Illegalität abtreiben mussten und dafür verurteilt wurden. Diesen Frauen, aber auch ihrem Vater, setzt Rey mit diesem Buch ein bedeutendes Denkmal. Eine aufschlussreiche Chronologie der Ereignisse rundet diese lebendige Autobiografie ab, die auch als Mutmacherin für engagierte Frauen auf anderen Gebieten gedacht ist. Aufgezeigt wird nämlich, dass frau gemeinsam mit anderen Frauen politisch viel bewirken kann, vorausgesetzt frau hat einen langen Atem und noch viel mehr Zivilcourage.

Anhand der jüngsten Entwicklungen in den Vereinigten Staaten, in Teilen Osteuropas und Lateinamerikas, wo fundamentalistische ChristInnen die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs zunehmend schärfer attackieren, sind diese Memoiren - auch als Anleitung zur politischen Arbeit - ein wichtiges Buch; schließlich müssen die Rechte von Frauen auf Selbstbestimmung immer wieder aufs Neue verteidigt werden. (Ruth Devime, dieStandard.at, 6. Februar 2008)

Anne-Marie Rey.
Die Erzengelmacherin.
Das 30-jährige Ringen um die Fristenregelung. Memoiren.
Verlag Xanthippe, Zürich 2007.
400 Seiten / 19,60 Euro.
ISBN 978-3-905795-02-8.

Zur Person
Anne-Marie Rey, geboren 1937 in Burgdorf/Schweiz. Studium an der Dolmetscherschule der Universität Genf. Von 1962 bis 1965 absolvierte sie eine Tanzakademie. 1973 Mitbegründerin der Schweizerischen Vereinigung für Straflosigkeit des Schwangerschaftsabbruchs (SVSS). Sie ist verheiratet und Mutter von drei erwachsenen Kindern.

 

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 123
1 2 3
Aill
00
15.2.2008, 11:38
Erzengel kann man nicht machen...

die gibt es außerhalb von Zeit und Raum...

Immer das Prolife-Gesabbere
 
13
schon gelesen? ein sehr interessanter Artikel über den Wahnsinn von HLI und so

http://wolfsmutter.com/artikel69... 4a48b2da8f

Schöne Naive
00
14.2.2008, 21:39
Nur weil es eine ganze Menge ziemlich widerlicher Abtreibungsgegner gibt...

... heißt das aber noch lang nicht, dass Abtreibung gut ist.

Das ist schon wieder der Kardinalfehler des menschlichen Denkens: Der Feind meines Feindes (im übertragenen Sinn) ist mein Freund.

NEIN. Ist er NICHT!!!

Anne-Marie Rey
10
10.4.2009, 17:40

Abtreibung ist weder gut noch schlecht. Es ist ganz einfach der einzige Ausweg, wenn frau ungewollt schwanger geworden ist und nicht Mutter werden will. Gleich wie eine Scheidung der Ausweg ist, wenn die Ehe nicht mehr funktioniert.

Freigeistin1
10
28.10.2011, 10:04

Wenn sie nicht schwanger werden will (zu 100%) dann darf sie halt nicht die Beine breit machen. Sorry, ist aber wohl ein Fakt.
Oder sie muss auf "alternative" Sexualpraktiken zurückgreifen wo eine SS unmöglich ist.

presonic
10
20.2.2008, 16:25

es hat keiner gesagt, die abtreibung sei gut oder schlecht.
die freiheit zu haben, für sich selbst zu entscheiden, ist gut. frau kann nur für sich selber wissen, was richtig oder falsch ist. in österreich hat sie die freiheit. und für diese freiheit zu kämpfen, ist gut.

lucretia_1981
 
00
17.6.2008, 18:35

ich finde halt, nur 2 wahlmöglichkeiten zu haben: abbruch ja oder nein, ist für unsere heutige, komplexe Gesellschaft ein bisserl wenig und eigentlich auch arm!

presonic
00
18.6.2008, 09:09

naja, es gibt keine anderen möglichkeiten als "austragen" oder "abtreiben".

presonic
02
10.2.2008, 14:18
hier sind übrigens interessante berichte von frauen, die die abtreibung befürworten.

http://www.svss-uspda.ch/de/berich... richte.htm

wenn man das liest, weiß man, warum frauen, die sich für eine abtreibung entscheiden, oft die verantwortungsvolleren sind.

a.jones
00
10.2.2008, 21:15

danke für den link - sehr beeindruckend.

presonic
00
11.2.2008, 10:22
mich haben übrigens die berichte über adoption seh schockiert

ich selbst habe darüber nie nachgedacht, weil es für mich keine alternative ist. wenn ich ein kind bekomme, will ich es auch selber aufziehen. wenn ich kein kind bekommen will, verhüte ich oder treibe im zweifelsfall ab. für mich ist das mit dem kinderbekommen so klar, wie´s auch im österreichischen gesetz steht.

presonic
01
bitte

da kommt mir jetzt noch das mittagessen hoch.
warum wird ein verein, der aktiv stalking betreibt, nicht verboten? wenn ich ein foto von jemandem schieße und es irgendwo veröffentliche, kann ich horrenden ärger bekommen, wie kann es sein, dass diese organisation so etwas macht?

das traurige: es wird immer menschenverachtung geben, die als menschenfreundlichkeit getarnt ist, es wird immer den "gerechten" krieg geben.

wir müssen uns wehren und für die freiheit einstehen!

Schöne Naive
00
14.2.2008, 21:38
Was heißt hier "für die Freiheit einstehen"?

Ich bin sicher nicht für Stalking, aber bitte sparen Sie sich doch diese Parolen!

Wofür Sie hier einstehen, das ist doch letztlich nichts anderes als die "Freiheit", Embryonen bis zur 12. Woche einfach wegzukratzen. Da wüsst ich mir doch bessere Freiheiten...

High Fidelity
00
28.2.2008, 15:30

Nomen es omen!

presonic
00
15.2.2008, 20:16
ja

und das halte ich für besser, als in einer schwierigen situation ein ungeliebtes kind zur welt zu bringen, das dann den rest seines lebens beim psychodoktor verbringen muss, weil es seine kindheit aufarbeiten muss. - ums mal so zu sagen.

keine mutter will nicht überlebensfähige kinder haben. und das bezieht sich nicht nur körperlich. in der natur beißen mütter ihre tiere einfach tot, wenn sie auf der welt sind. da wir das auf eine weniger brutale art lösen können, bin ich für diese lösung sehr dankbar.

presonic
02
zu den abtreibungszahlen:

in österreich gibt es keine meldepflicht für abtreibungen, die schätzungen gehen da weit auseinander.
allerdings haben wir ein gutes vergleichsland, nämlich die schweiz. hier gibt es ebenfalls die fristenlösung, allerdings eine meldepflicht für abtreibungen und daher so gut wie keine illegalen abtreibungen mehr.
von 1000 frauen treiben im jahr 7 ab (alter: 15 bis 44) , wären 0,7 %.
rechnet man das um auf österreich, wären es im jahr ca. 24.000 abtreibungen.

24.000 frauen sterben also hier jährlich nicht, weil ihnen geholfen wird. ein toller erfolg für alle, die menschenleben schützen.

hermannar
43

wenn die frauen nicht abtreiben würden, täten sie aber auch nicht sterben oder? und wir hätten auch keine 24.000 tote kinder

Rote Zecke
14
Abgetriebene Embryonen sind keine "toten Kinder".

Schöne Naive
00
14.2.2008, 21:36
Aber sehr lebendig...

... sind sie meines Wissens nach der Abtreibung auch nicht mehr.

Rote Zecke
00
15.2.2008, 14:19
Nochmals: *Kinder* können nicht abgetrieben werden,

da sie bereits geboren sind.

hermannar
00

was dann? schon mal ein früchen gesehen? auch kein kind -

presonic
01
ein embryo bis zur 12. woche

ist definitiv kein kind.
genauso wie eine raupe kein schmetterling ist und ein spross keine pflanze.

Schöne Naive
00
14.2.2008, 21:36
Eben genauso wie.

Genauso viel. Oder genauso wenig. Wissen Sie's?

Ich nicht.

presonic
01
15.2.2008, 20:14
ja, diese entscheidung liegt bei der jeweiligen mutter

da sie die volle verantwortung zu tragen hat, ist es gut, wenn sie sich die entscheidung gut überlegt und danach handelt. das kann von fall zu fall verschieden sein. es ist gut, dass unsere gesetze hier alle fälle (von der abtreibung bis zur adoption) zulassen, da nur die größtmögliche freiheit, die größtmögliche anzahl an richtigen entscheidungen hervorbringen kann.

hermannar
10

es hat alle anlagen, ein solches zu werden. es ist ein lebewesen, das bereits alles empfindet udn spürt

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 123
1 2 3

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.