Als Hertha Kräftner beschlossen hatte, ihr Leben zu beenden, war sie gerade dreiundzwanzig. Diese Tatsache ihres vorzeitigen und extrem frühen Todes hat ihr mit der posthumen Publikation ihrer Werke eine Flut an Spekulationen über die Gründe ihres Selbstmordes eingebracht.
Mitleidbehaftete und nicht selten überhebliche Vor- und Nachwörter, wie beispielsweise von Hans Weigel: "Vielleicht ist es so gewesen, dass sie starb, weil sie in diesen Wochen des Herbstes 1951 sehr glücklich gewesen ist. Konnte sie das Glück nicht ertragen?"
Hertha Kräftner hat Derartiges vorausgesehen. In einem kurzen Prosatext, den sie in ihrem Todesjahr verfasst hat, schrieb sie unter dem Tiel "Wenn ich mich getötet haben werde": "... Dieses Mädchen stand am Anfang ihres Lebens, sie war weder gefährlich krank noch hässlich oder verunstaltet; sie war gescheit und gebildet, ihr Professor nannte sie fähig und namhafte Literaten fanden sie begabt. Sie hatte bereits schriftstellerische Erfolge. Wo immer sie hinkam, war sie den Leuten sympathisch, sie konnte sich ihren Mitmenschen anpassen. Sie hatte einen Freund, der sie liebte, wenn sie aber neben ihm nicht glücklich war, so hatte sie Gelegenheit genug, einen anderen zu wählen. Sie hatte eine sorgende Familie und bekam nicht nur, was sie brauchte, sondern auch was sie sich wünschte. Hatte dieses Mädchen also Grund, sich zu töten? Nein, antworten die Philister...".
Biografische Notizen
Geboren am 26. April 1928 in Wien, verbringt sie ihre ersten acht Jahre in der Großstadt, bis die Familie ins burgenländische Mattersburg übersiedelt. Hier beendet sie die Volksschule und absolviert das Realgymnasium. Mit achtzehn zieht sie nach Wien und studiert Germanistik, Anglistik und Psychologie. Und verliebt sich in einen jungen Bibliothekar. "... Sie nennt ihn bezeichnenderweise Anatol, in den sie Unerfüllbares projiziert und von dem sie sich wiederholt zu trennen versucht, treibt sie in selbstzerstörerische, narzistische Selbstbeobachtung und Depression", analysiert Hertha Kratzer in einer Kurz-Biografie ihres Buches "Die größen Österreicherinnen" (Ueberreuter 2001) etwas gewagt.
Herha Kräftner selbst hielt fest: "Das Leben mit Anatol ist eine fortwährende Anstrengung. Bleiben oder gehen, beides heißt leiden. Sterben! Da könnte er nicht mit".
Aufgrund ihres Interesses für Philosophie, Psychologie und Soziologie kommt sie mit Viktor Frankl in Berührung, der sie dem Kulturkritiker Hans Weigel vorstellt. Dieser nimmt sie in seinen LiteratInnenkreis auf. Es folgen Publikationen in verschiedenen Zeitschriften und Zeitungen wie beispielsweise in "Lynkeus", "Neue Wege" und "Publikationen der Gegenwart". 1963 wurde zudem eine Sammlung ihrer Gedichte, Skizzen und Tagebuchaufzeichnungen aus ihrem Nachlass veröffentlicht. Immer wiederkehrende Themen sowohl ihrer Lyrik als auch ihrer Prosa sind Einsamkeit, Versagen, Liebe und der Tod.
Im Abschiedsbrief an ihre Mutter schrieb sie: "Es ist einfach so, dass ich viel zu traurig und zu müde bin, um noch leben zu wollen".
Hertha Kräftner starb am 13. November 1951 an einer Überdosis Schlaftabletten.
Buchtipps
Hertha Kräftner: "Warum hier, warum heute?"
hg. Otto Breicha und Andreas Okopenko
Dies.: "Kühle Sterne. Aus dem Nachlass"
hg. Gerhard Altmann und Max Bläulich
Dine Petriks: "Der Hügel nach der Flut.
Was geschah wirklich mit Hertha K.?"
(dabu/dieStandard.at 24.04.2008)
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