In einem versteckten Dorf in Kolumbien entsteht unter weiblicher Führung unbemerkt eine unabhängige Parallelwelt
Der Plot ist gut: Eine Guerilla-Truppe überfällt ein kleines kolumbianisches Dorf und nimmt alle Männer mit. Die zurückbleibenden Frauen organisieren das Zusammenleben nach neuen Prinzipien. Mariquita, das Dorf, liegt so versteckt, dass unter weiblicher Führung unbemerkt eine komplett unabhängige Parallelwelt entsteht. Im Roman des 1968 in Kolumbien geborenen Autors und Werbetexters James Cañón der in New York lebt und auf Englisch schreibt, geht es fortan nicht um besser oder schlechter, nicht um Klischees von Frauen, die die besseren Herrscher wären: sowieso friedliebend und sanftmütig, fair und trotzdem schlau.
Cañón erzählt vielmehr konsequent die Umwandlung einer kapitalistischen in eine kommunistische Gesellschaft - vor dem Hintergrund des kolumbianischen Bürgerkrieges. Denn die Guerillas haben jene Männer, die sich wehrten, mit ihnen zu gehen, ermordet, die amüsanten, anschaulichen Lageberichte aus dem Dorf wechseln mit fiktiven Interviews eines amerikanischen Journalisten mit den Männern, die den Krieg führen. Der bewaffnete Konflikt, der in Kolumbien, mit erstaunlich wenig Beachtung durch internationale Medien, seit mehr als vierzig Jahren ausgetragen wird, schwelt als lebensbestimmende Bedrohung, an die man sich schon gewöhnt hat, über der Erzählung - dennoch ist Der Tag, an dem die Männer verschwanden zuvörderst eine unterhaltsame Lektüre über Frauen, denen der Verlust ihrer Männer sehr entgegenkommt. (Isabella Hager, DER STANDARD, Print, 10.5.2008)
James Cañón
"Der Tag, an dem die Männer verschwanden"
Ullstein, Berlin 2008
ISBN: 3-550-08729-2
EUR 20,50