Entführt, verhaftet, angeklagt

9. Mai 2008, 20:51
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    foto: ap
    Lydia Cacho Ribeiro, mit Anhängerinnen vor dem Gerichts-gebäude in Puebla Mexiko im Dezember 2005, nach dem sie bedroht und angeklagt wurde wegen ihres Buches über Kinderpornografie

Lydia Cacho Ribeiro schreibt in Mexiko gegen Kinderpornografie und Korruption an - und setzt dafür ihr Leben aufs Spiel

"Die Behörden haben tadellos gearbeitet": Dieser Stehsatz ist nach Kinderporno-Skandalen, Missbrauchsfällen und Vergewaltigungen auch in Mexiko beliebt. Lydia Cacho Ribeira (43), Preisträgerin des Unesco-Preises für Pressefreiheit 2008, hat ihn nie geglaubt - wie viele. Aber als eine der wenigen hat sie es nicht dabei belassen - und nachgebohrt. Seit sie im Jahr 2003 einen Kinderporno-Skandal in ihrer Heimatstadt, dem Badeort Cancún, aufgedeckt hat, hat sich ihr Leben in eine Hölle verwandelt: Sie wurde entführt, verhaftet, der üblen Nachrede angeklagt und verlor einen Prozess gegen die involvierten Politiker vor dem Obersten Gerichtshof. Sie lebt mit ständigen Morddrohungen gegen sich und ihre Familie.

Nie aufgehört zu schreiben

Aufgehört zu schreiben und aufzutreten hat sie jedoch keinen Tag lang. "Sie wollten sie zum Schweigen bringen, aber sie haben das Gegenteil erreicht", schreibt ein Kollege in der Tageszeitung Universal. "Ihr konntet mich nicht zerstören", schreibt sie selbst trotzig und stolz. Lydia Cacho glaubt an die Macht der Öffentlichkeit. "Dieser Preis kann mich wohl nicht vor Morddrohungen oder dem Tod selbst schützen. Aber er hilft sicherlich, mein geschriebenes Werk zu schützen und einer breiten Öffentlichkeit die Auswirkungen von Menschenhandel und Kinderpornographie näherzubringen", begann sie ihre Dankesrede bei der Preisverleihung am 3. Mai in Mozambique.

Lydia Cacho hat ihr soziales Engagement von der Mutter, einer deklarierten Feministin, die sie schon als Kind in die Elendsviertel von Mexiko-Stadt mitnahm. "Wenn du Zeugin von etwas wirst, dann hast du Verantwortung dafür übernommen", schärft die Psychologin ihrer Tochter ein. Mit Mitte 20 übersiedelt Cacho in die Tourismus-Metropole Cancún, wo sie eigentlich beschaulich malen und Romane schreiben wollte. Doch sie kann den Blick hinter die Fassade nicht vermeiden. Sie schreibt in Lokalzeitungen über AnwohnerInnen, die für Hotelprojekte vertrieben wurden und deren Kinder an Hunger sterben. Sie erzählt die Geschichten der Prostituierten im Nobel-Badeort, schreibt über Aids. Der Gouverneur interveniert und sagt: "Es gibt kein Aids in meiner Provinz." "In meiner schon", antwortet sie trotzig und schreibt weiter gegen Korruption und Gewalt an. Ihre KollegInnen verstehen nicht, warum sie sich öffentlich gegen die Machthaber stellt. "JournalistInnen sind leider leicht zu kaufen in meinem Land", sagt Cacho.

Cacho bekommt Polizeischutz

1998, nach mehreren Drohungen, wird Cacho an einer Bushaltestelle niedergeschlagen und vergewaltigt. Ob der Überfall mit ihrer Arbeit zu tun hatte, weiß sie bis heute nicht - aber er schärfte ihr Bewusstsein für Gewalt gegen Frauen weiter. Neben ihrem Job baut Cacho ein Frauenhaus auf. "Ich habe mich jahrelang zwischen zwei Welten bewegt", sagte Cacho bei der Preisverleihung in Mozambique: "Als feministische Aktivistin gegen Gewalt aufzutreten ist meine Art, Bürgerin zu sein, als Journalistin zu arbeiten ist mein Beruf." Cacho gibt keine von beiden Welten auf und beginnt, über Kinderpornografie zu recherchieren. 2005 erscheint ihr Buch Los Demonios del Eden, in dem sie anhand der Aussagen von Opfern einen Kinderporno-Ring in ihrer Heimatstadt aufdeckt und Namen involvierter Geschäftsleute nennt. Die Drohungen vervielfältigen sich, Cacho bekommt Polizeischutz.

Doch im Dezember 2005 wird sie am Weg zur Arbeit entführt - von der Polizei eines anderen Bundesstaates. "Pass auf, Journalisten sterben durch verirrte Kugeln", sagt einer der zehn Beamten, die sie 20 Stunden lang im Auto in den Staat Puebla ins Gefängnis bringen. Sie erzählen von Plänen, sie zu vergewaltigen. Cacho weiß die ganze Zeit über nicht, ob es sich um Killer handelt. Doch die Polizei ist echt, Cacho wurde vom Geschäftsmann Kamel Nacif, der in ihrem Buch vorkommt, wegen übler Nachrede geklagt. Sie kommt ins Gefängnis, zahlt eine Strafe und kommt frei. Rechtmäßig war die Verhaftung nicht, so viel ist klar. Warum sie so entführt wurde, erfährt Cacho aber erst ein paar Monate später.

Im Februar 2006 werden einem Radio und einer Zeitung Tonbänder mit Mitschnitten von Telefongesprächen zugespielt. Darauf ist der Geschäftsmann Kamel Nacif im trauten Gespräch mit dem Gouverneur des Bundesstaates Puebla, Mario Marin, zu hören. Es geht um Lydia Cacho. Kamel bedankt sich bei Marin dafür, die Verhaftung in die Wege geleitet zu haben, und will dafür ein paar Flaschen Cognac schicken. Er erzählt, dass er drei Insassen des Gefängnisses dafür gezahlt habe, Cacho in der Haft zu vergewaltigen und zu schlagen, um sie zum Schweigen zu bringen.

Cacho erstattet Anzeige gegen den Gouverneur

Doch wenn hohe Politiker involviert sind, mahlen die Mühlen der Justiz besonders langsam. Bis zu den ersten Vernehmungen vergehen Monate. Cacho verliert fast alle Zeugen im Staat Puebla - vielen wurde gedroht, dass sie ihren Arbeitsplatz verlieren würden, wenn sie aussagen. Die Orte, an denen sie festgehalten wurde, werden nachträglich verändert, um ihre Aussagen in Zweifel zu ziehen. Während Tausende zur Unterstützung von Lydia Cacho demonstrieren, startet eine Diffamierungskampagne gegen die Journalistin. "Es ist ein außergewöhnliches Beispiel für Korruption und Machtmissbrauch, aber vor allem für die Frechheit, mit der sie es tun", sagt Cacho. Am 29. November 2007 entscheidet der Oberste Gerichtshof, dass die Anklage gegen Gouverneur Mario Marin fallengelassen wird. Der Menschenrechtsrat der UNO empfiehlt Lydia Cacho, das Land zu verlassen und um politisches Asyl anzusuchen.

Cacho bleibt - und schreibt

Doch Cacho bleibt - und schreibt. Noch vor ihrer Entführung hatte sie sich den nächsten Skandal vorgenommen, der sich bis in höchste Justiz-, Polizei- und Politikkreise zieht: die Morde an Hunderten von Frauen rund um die Ciudad Juarez, deren Opfer verstümmelt auftauchen oder verschwinden. Dann widmet sie sich ihrem nächsten Buch: Der Erzählung des Falles Cacho. In Memoria de una Infamia - Erinnerung an eine Infamie - arbeitet sie die Geschehnisse seit der Aufdeckung des Kinderpornoringes auf.

Im April, kurz bevor Cacho den Preis für Pressefreiheit bekam, sollte ihr Buch in Puebla vorgestellt werden. Mario Marin, den sie angeklagt hatte, ist dort immer noch Gouverneur. Das große Plakat, das die Buchpräsentation ankündigte, wurde nach wenigen Stunden von der Baupolizei entfernt und durch ein anderes ersetzt. Angestellte im öffentlichen Dienst bekamen Rundschreiben, die den Besuch der Buchpräsentation unter Androhung von Kündigung verboten - versehen mit dem Hinweis, dass Kameras installiert seien. Lydia Cacho wird mit dem Tod bedroht. Sie tritt trotzdem auf.

"Soll ich weiter Journalistin sein in einem Land, das von 300 mächtigen reichen Männern kontrolliert wird?", fragte Cacho in Mozambique. "War es wert, mein Leben für meine Prinzipien zu riskieren? Die Antwort ist natürlich: ja. Wir Journalisten glauben, dass der Schock, der von unseren Geschichten ausgelöst ist, Menschen guten Willens zusammenbringen muss. Das ist einer der Gründe, warum wir weitermachen, gegen alle Widerstände. Wir kennen die Macht des Mitleids." (Corinna Milborn, DER STANDARD, Print, 10.5.2008)

 

 

 

 

Kommentar posten
13 Postings
Joel Martinez
00
15.5.2008, 01:00

Mutige Frau !

Ich hoffe, dass sie noch recht lange lebt und noch recht viele Ungerechtigkeiten aufdeckt und immer mehr Unterstützung dabei bekommt.

marillenstrudel
05
11.5.2008, 13:48

Tolle Frau, danke für den Hinweis. Solche Journalistinnen bräuchten wir auch hierzulande dringend.

(Wobei die Autorin des Artikels, Corinna Milborn, mit ihren Büchern auf einem gutem Weg dazu ist - vor allem ihr letztes Buch "Ware Frau" ist absolut und unbedingt lesenswert. ein sehr mutiges Buch.)

razor blade
03
11.5.2008, 11:01

Ich bin um ein Vorbild reicher. Danke.

Belibaste
03
10.5.2008, 16:49
bemerkenswerter Mensch

Ja, das ist ein bemerkenswerter Mensch. Bemerkenswert ist auch, dass es hier nur drei Kommentare dazu gibt. Ist es wichtig, ob es eine Frau, oder ein Mann ist? Ja? Hier beginnt schon das Vorurteil. Diese Frau kämpft gegen eine Männergesellschaft, die ganz typisch funktioniert, ebenso wie auch die kleinen Tyrannen bei uns. Totschweigen, wenn das nicht geht lächerlich machen, unglaubwürdig machen, terrorisieren, zum Schluß töten. So arbeiten Einzelpersonen, meist Männer, mafiöse Organisationen, Geheimdienste, korrupte Polizei, Militär. Das beginnt bei "mischt euch nicht ein, das geht keinen etwas an" und endet beim Corpsgeist. Sollten nicht gerade Männer dagegen auftreten? Sie müssen ihre Einstellung als Mann ändern und andere überzeugen.

Josef Handt
00
12.5.2008, 12:15

Noja, die geringe Anzahl an postings hat meiner Meinung nach eher den Grund dass der Artikel nicht kontrovers ist. Es sind eh alle einer Meinung, sich das gegenseitig zu bestaetigen macht dann wenig Spass. Vergl dazu die sinnlosen Raucher/Nichtraucher Foren.

Und zum Thema: Ja, natuerlich: schreckliche politische und gesellschaftliche Situation, bemerkenswerter, mutiger Mensch, waere schoen wenn es mehr davon gaebe.

Alter Knacker
00
12.5.2008, 17:30

Mir ist es in meinem ganzen Leben nie in den Sinn gekommen, eine Frau zu vergewaltigen. Daher brauche ich mich auch nicht jahrelang mit diesem Thema zu beschäftigen und kann dadurch viele andere Dinge tun. Darauf beruht ja der Fortschritt der ganzen Menschheit, daß sich nicht alle mit ein und derselben Sache beschäftigen müssen. Wer allerdings dafür sorgt, daß Frauen nicht vergewaltigt werden, das weiß ich nicht und ich kann es so wenig ändern, wie den Gang der Gestirne.

Alter Knacker
72

ich persönlich würde es als einen Hoffnunsschimmer erblicken, wenn sich eine Frau hier gegen die Pornographie engagieren würde. Damals dieser Pornojäger ist ja gescheitert, aber es wäre ja eine Sache der Frauen und ohne die Frauen geht ja das nicht.

Chefermittler
 
30
13.5.2008, 00:22
Wieso, was stimmt nicht mit Pornographie?

Alter Knacker
00
12.5.2008, 17:11

nackt ist nicht gleich böse, aber ich empfinde es halt oft als ein unnötiges Aufgeilen über Jahrzehnte, aber ich habe weniger ein moralisches als ein philosophisches Interesse an der Frage, warum sich die Menschen so oder so benehmen. Jedenfalls hat man ja die völlige Zusammenhanglosigkeit zwischen der aufreizenden Kleidung der Frauen und dem Begehren der Männer hinreichend festgestellt. Aber es ist halt höchst merkwürdig, wieso man in etwas Zusammenhangloses soviel Mühe hineinsteckt.

Keli Orange
 
00
12.5.2008, 16:08

Also die Frau Cacho auch nur irgendwie in Zusammenhang mit dem Irren Humer zu bringen ...

Die Wahnvorstellung: Nackt = böse und der Kampf gegen Vergewaltigung und Unterdrückung unter Einsatz des eigenen Lebens ist mMn schon etwas anderes.

Armin Delacher
018
toll, daß es solche menschen gibt!

hintermoser obersepp
 
07
10.5.2008, 01:31

bei so ner geschichte ziehts mir ne gänsehaut auf. wirklich bemerkenswerte frau!!

Edith.D
00
16.7.2008, 17:01
info sollte man an frau kampusch mailen

denn sie hat ja seinerzeit verlautbart, dass sie kinder und frauen in mexiko helfen will.....(was wurde daraus, weiß jemand etwas darueber ?)

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