Liebe (verhasste) Bulimie!

1. August 2008, 18:43
  • "Jeden Tag tragt ihr immer und immer wieder einen Kampf in meinem Inneren aus. Es ist ein wilder Kampf, der mich erschöpft."
    foto: ap/steve helber
    "Jeden Tag tragt ihr immer und immer wieder einen Kampf in meinem Inneren aus. Es ist ein wilder Kampf, der mich erschöpft."

Gastautorin Bettina F. verarbeitet ihre ambivalenten Gefühle ihrem Symptom gegenüber literarisch

Liebe (verhasste) Bulimie!

Dass ich meinen Brief an dich mit "Liebe" beginne, erfordert lediglich die Form, denn lieb bist du ganz gewiss nicht. Ich hasse dich, denn du machst mich kaputt und raubst mir mein Leben. Ich wünschte, ich hätte dich niemals kennen gelernt. Doch ich habe immer nach jemandem wie dir gesucht. Jemanden, auf den ich mich verlassen konnte. Jemanden, der immer für mich da war, wenn ich ihn brauchte. Ich fühlte mich einsam und ungeliebt, hässlich und wertlos. Mein Leben lag brach. Du versprachst mir deine Hilfe und ich nahm sie bereitwillig an - ohne mir der Folgen bewusst zu sein. Doch dein Versprechen hast du nie gehalten, nicht damals und auch nicht jetzt. Du hast dich mir heimtückisch genähert und meine seelische Not benutzt, um mir dein Gift zu injizieren. Mit der Zeit hast du mich immer mehr vereinnahmt, bis du schließlich die uneingeschränkte Kontrolle über mich errungen hattest. Du lähmst mich in all meinem Tun und Lassen. Du entziehst meiner Welt die Farben und tunkst sie in tiefes Grau. Du hast mein gesamtes Denken und Handeln unter deine Herrschaft gebracht und ich bin deinem Walten machtlos ausgeliefert. Ich bin zu deiner stimm- und rechtlosen Sklavin geworden und fühle mich wie ein getriebenes Tier - fremdbestimmt. Ich möchte dich abschütteln, dir davonlaufen, dich vergessen, dich anschreien, dich ertränken, dich vernichten - doch du lässt mich nicht los und ich stehe dir macht- und kraftlos gegenüber. Du machst mich zugleich wütend und traurig, einsam und hilflos, verzweifelt und leer.
Du beherrschst meine Sinne. Sie sind blind vor der Schönheit der Welt geworden und nehmen nur noch eines wahr: Essen.
Ganz egal wo ich bin, egal wohin ich gehe, ich höre überall deine Stimme, die mir immerzu dasselbe ins Ohr flüstert.

 

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Kontakt

Für Betroffene und Interessierte hat Bettina F. eine eigene Kontakt-E-Mail-Adresse eingerichtet: awan-awan@gmx.at

(Der Name der Autorin wurde geändert und ist der Redaktion bekannt.)

Literaturtipps

  • Johnston, Anita: Die Frau, die im Mondlicht aß. Verlag Droemer/Knaur 2007 (Neuauflage). Euro 9,20. ISBN 978-3-426-87376-2.
  • Wardetzki, Bärbel: Weiblicher Narzissmus. Der Hunger nach Anerkennung. Kösel Verlag 2007. Euro 18,50. ISBN 978-3-466-30765-4.