Installation "Früchte der Venus" im Rahmen des Projekts "Muschis on Tour" von einer Bäuerin abgehängt - Die Künstlerin Monika Herschberger im Gespräch mit dieStandard.at über den "Skandal" im Mostviertel
"Des g'hört vor an Puff, des is ka Kunst!". Die Empörung von Maria Stehr, Besitzerin jenes Grundstücks, auf dem ein Baum als Objekt der Installation "Früchte der Venus" Verwendung gefunden hatte, war groß. So groß, dass sie einen Tag nach der Eröffnung am 23. Mai - dieStandard.at berichtete - die fünfzig Objekte einfach abgeschnitten hat. Und dies trotz vorheriger Einwilligung, ihren Baum, der sich in Peutenburg bei Scheibbs befindet, zur Verfügung zu stellen.
Die Künstlerin Monika Herschberger erfuhr von dieser Aktion erst tags darauf und sucht nun dringend einen neuen Baum im Mostviertel, der die "Früchte der Venus" bis Ende August beherbergen möchte. Angebote gerne an unser Postfach: dieredaktion@diestandard.at.
Im Gespräch mit Dagmar Buchta erzählt Monika Herschberger von ihren Vermutungen, wie es dazu kommen konnte sowie von der Symbolik des weiblichen Genitale, ihre Intentionen und Wünsche.
dieStandard.at: Sie sind von der Bäuerin nicht informiert worden, dass sie die Objekte entfernen wird?
Herschberger: Ich nicht, die Frau Stehr hat die Organisatorin Heidemarie Just-Bauer angerufen und von ihr erfuhr ich es dann.
dieStandard.at: War Frau Stehr nicht ausreichend informiert? Wusste sie nicht, wie die Installation aussehen wird?
Herschberger: Natürlich wurde sie genau aufgeklärt, wie die Objekte ausschauen und was sie darstellen. Sogar Begriffe wie Vulva, Vagina, Muschi sind gefallen.
dieStandard.at: Wie erklären Sie sich dann die Aufregung?
Herschberger: Ich habe scheinbar unterschätzt, dass es am Land schwieriger ist. Die Tabus größer. Die Bäuerin sagte auch, dass die Schulkinder vom "Muschi-Baum" reden und das ginge nicht. Und viele andere Anrainer bezeichneten meine Installation als pornografisch.
dieStandard.at: Obwohl die Objekte total harmlos aussehen?
Herschberger: Ja, es ist wirklich verrückt. Aber anscheinend reicht allein die Vorstellung schon aus. Sexualität wird nur in ein bestimmtes Eck gestellt, seien es pornografische Seiten im Internet, die Seite 3 in der Krone oder die Omnipräsenz des (weiblichen) Körpers in der Werbung. Wenn man das verlässt, stößt man anscheinend auf Widerstand.
dieStandard.at: Glauben Sie, dass dabei die vaginalen Termini das Problem bilden?
Herschberger: Der Begriff "Muschi" ist ja eine Porno-Domäne. Ich wollte ihn mir aneignen, liebevoller, mit einem eigenen Zugang zum eigenen Geschlechtsorgan. Es geht darum, den Frauen ein positives Körper-Selbst-Bild zu vermitteln.
dieStandard.at: Tabus aufheben bzw. von patriarchalen Konnotationen wegführen?
Herschberger: Ich beschäftige mich schon lange mit der Symbolik der Vagina in Geschichte, Religion und Kunst. Und jetzt hab' ich gesehen, dass sie mit den Design-Vaginas aktuelle Relevanz hat, erschreckend. Das hängt mit dem Schönheitswahn zusammen, überall wird geschnipselt, ein natürliches Schönheitsempfinden gibt es nicht. Auf der anderen Seite die Genitalverstümmelungen. Auch die Menstruation darf ja nicht sein, Frauen müssen immer perfekt, immer sauber sein.
dieStandard.at: Also ist das weibliche Genitale auf der einen Seite tabuisiert, auf der anderen Seite pornografisiert?
Herschberger: Ja, so etwas wie ein Mysterium, weil es ja von außen nicht sichtbar ist. Da fällt mir das Buch ein "Unten rum, die Scham ist nicht vorbei". Männer dagegen wachsen damit auf, nehmen beim Pinkeln den Penis in die Hand, vergleichen sich. Bei Mädchen regiert nach wie vor die Scham.
dieStandard.at: Die so genannte "sexuelle Revolution" im Zuge der 68er hat also nichts gebracht.
Herschberger: Nur den Männern. Die Mädchen sind zwar alle früh aufgeklärt, aber extrem unter Druck. Sie haben den Eindruck, dass sie so früh wie möglich mit jemandem schlafen müssen und auch immer einen Orgasmus haben. Das sagen ja alle Zeitschriften. Die Mädchen sind extrem unter Druck.
dieStandard.at: Und die weibliche Eigenmacht und Lust bleiben dabei auf der Strecke. Was war der Einstieg für Ihre Beschäftigung mit der vaginalen Symbolik?
Herschberger: Ich hab' die Geschichte über die Baubo gelesen. Baubo kann mit ihrer Vagina sprechen, sie erzählt Witze und bringt Demeter damit zum Lachen. Mir gefällt diese sinnliche Lebensbejahung voller Witz.
dieStandard.at: Sie möchten mit Ihren Muschi-Objekten ein starkes weibliches Körperbild transportieren, den Mädchen und Frauen zum eigenen Körper Mut machen. Ein Spruch zum Abschluss?
Herschberger: Liebe deine Vagina wie dich selbst! Lerne, den Körper zu lieben und seine Grenzen zu setzen!