Das Wiener Institut "pro:woman" präsentierte fragwürdige Zahlen zu Abbrüchen in Österreich - Geschäftsleiterin Graf fordert mehr Aufklärung, Gynäkologe verweist auf "schwedisches Paradox"
"Immer mehr jugendliche Frauen führen eine Abtreibung durch". Mit dieser aufrüttelnden Meldung schlug das Institut "pro:woman" am Mittwoch in einer Pressekonferenz Alarm und ein bisschen wohl auch die Werbetrommel für ihre eigene Einrichtung. Unter dem provokanten Titel "Schwangerschaftsabbruch - die neue Verhütungsmethode?!" versammelte das Ambulatorium für Sexualmedizin und Schwangerenhilfe am Wiener Fleischmarkt den Sexualpädagogen Wolfgang Kostenwein und den Gynäkologen Peter Bistoletti, um über Verhütungsverhalten von Jugendlichen, Präventionsmaßnahmen und die Situation in anderen europäischen Ländern zu informieren.
Geschäftsführerin Elke Graf präsentierte Zahlen, wonach im Zeitraum von 2005 bis 2007 der Anteil der 14 bis 19-jährigen Mädchen, die im Institut einen Schwangerschaftsabbruch durchführen ließen, von vier auf elf Prozent gestiegen ist. "Dies entspricht einer Verdreifachung", so Graf, die seit 2006 dem Institut vorsteht.
Mangelhafte Datenlage
Über die Repräsentativität dieser Zahlen lässt sich allerdings streiten, denn die Datenlage über Abbrüche in Österreich ist äußerst mangelhaft. Es gibt keine österreichweite Erhebung, deshalb werden auch nur freiwillige Aufzeichnungen von einzelnen Instituten zu Hochrechnungen herangezogen. Laut solchen Schätzungen liegt die jährliche Zahl der Abbrüche in Österreich zwischen 30.000 und 35.000. Bei den 15- bis 19-Jährigen werden die Abtreibungen auf 17,5 pro 1.000 Frauen geschätzt.
Was den dreifachen Anstieg betrifft, so kann dieser also nur für "pro:woman" behauptet werden. Zudem weigerte sich Graf, den Umstand mit absoluten Zahlen zu bestätigen. Auf Anfrage von dieStandard.at betonte die Geschäftsführerin lediglich, dass die Abbrüche im Institut in den letzten drei Jahren in etwa konstant geblieben seien. Konkrete Zahlen seien nicht zur Veröffentlichung vorgesehen.
Mangelhaftes Verhütungsverhalten
Graf präsentierte weiters Ergebnisse aus der Befragung mit den betroffenen Mädchen: So hätten nur 46 Prozent der befragten Mädchen verhütet. 38 Prozent jener, die auf Verhütung verzichtet haben, gaben an, sicher gewesen zu sein, dass sie zum Zeitpunkt des ungeschützten Geschlechtsverkehrs nicht fruchtbar gewesen wären. Weitere 22 Prozent hatten ungeplanten Sex und daher keine Verhütungsmethode eingeplant. Acht Prozent der Frauen wollten nicht verhüten, bei weiteren drei Prozent wollte der Sexualpartner auf ein Kondom verzichten. Um diesem "mangelnden Bewusstsein" entgegenzutreten fordert das Institut mehr Geld aus der öffentlichen Hand, um das Aufklärungssystem auf eine "nachhaltige und zeitgemäße Basis zu stellen."
Genügend Information
Wolfgang Kostenwein vom Institut für Sexualpädagogik verwies darauf, dass es bei Aufklärung nicht um reine Information ginge, schließlich wüssten die allermeisten Jugendlichen über die verschiedenen Möglichkeiten der Verhütung bescheid. Allerdings würde dieses Wissen oft nicht auf den eigenen Körper angewendet werden können: "Die Informations- und Handlungsebene bei Jugendliche laufen oft parallel. Als SexualpädagogInnen müssen wir erreichen, dass es hier Verbindungspunkte gibt", so Kostenwein, der seit vielen Jahren in der Sexualpädagogik tätig ist. Er verwies zudem auf die mangelnde gesellschaftliche Unterstützung, was den barriere- und kostengünstigen Zugang zu Verhütungsmitteln für Jugendliche betrifft.
Peter Bistoletti, der jahrzehntelang in Schweden als Gynäkologe praktiziert hat, gab zu bedenken, dass ein relativ liberales Abtreibungsgesetz und die kostenfreie Abgabe von Verhütungsmitteln an Jugendliche nicht unbedingt zu einer geringeren Abtreibungsrate führen würde. So liegt in Schweden die Jugendlichen-Rate bei 25 (von 1000 Mädchen), was wesentlich mehr ist als die in Österreich geschätzten 17,5.
Zielführender Vorstoß?
Fraglich bleibt, ob der Vorstoß bei Jugendlichen tatsächlich zu einer niedrigeren Abtreibungsrate führen kann, beläuft sich ihr Anteil an Abbrüchen bei "pro:woman" doch auf niedrigen elf Prozent. Auch im Landeskrankenhaus Salzburg, wo seit 2005 Abtreibungen geführt werden, ist die Zahl der betroffenen Jugendlichen vergleichsweise niedrig: Dort lag er 2006 bei 16 Prozent. "Auch für 2007 ist nicht erkennbar, dass zunehmend mehr junge Frauen in Salzburg oder anderen Einrichtungen in Wien, Linz oder Vorarlberg einen Schwangerschaftsabbruch durchführen lassen", betont Petra Schweiger vom Salzburger Frauengesundheitszentrum ISIS und der GynmedAmbulanz am Salzburger Landeskrankenhaus gegenüber dieStandard.at
Jene Bevölkerungsschicht, die hingegen am meisten Abtreibungen durchführen lässt, sind Frauen über 20 Jahre, über 50 Prozent davon haben bereits ein oder mehrere Kinder, wie aus der Statistik des Landeskrankenhauses Salzburg hervorgeht. "Bessere Aufklärung", wie von "pro:woman" gefordert, würde sich demnach vor allem in diesem Segment mit einer Senkung der Abtreibungsrate bezahlt machen. (Ina Freudenschuß, dieStandard.at, 11.6.2008)