Die Steinsammlerin

22. Juli 2008, 19:15
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    Gerlinde Habler analysiert die Geschichte von "08/15-Kristallingesteinen".

Die Wiener Geologin Gerlinde Habler erforscht die Erdgeschichte und behandelt "08/15-Kristallingesteine wie Glimmerschiefer"

Im unwegsamen Gelände der südlichen Ötztaler- und Stubaier Alpen und der Texel-Gruppe - zwischen Nord- und Südtirol - bearbeitet Gerlinde Habler "08/15-Kristallingesteine wie Glimmerschiefer oder Gneise", wie sie sagt. Die Geologin an der Uni Wien liebt Bergsteigen, die Geländetätigkeit ist in dem Gebiet aber nicht immer ein Vergnügen.

Die an der Oberfläche herumliegenden, auf den ersten Blick gewöhnlich aussehenden Steine haben eine lange "Wanderung" hinter sich, die sie zu Unikaten macht: Rund 65 Millionen Jahre vor der Bildung der Alpen - die begann vor rund 30 Millionen Jahren - hatten die harten Brocken eine Konsistenz wie Plastilin und befanden sich in etwa 50 Kilometer Tiefe in der Erdkruste. Vergleichbar mit Zahnpasta in einer Tube wurden die sogenannten Hochdruckgesteine keilförmig nach oben gedrückt. Die Hertha-Firnberg-Stipendiatin Habler interessiert sich besonders für Vorgänge, die während der "Extrusion" in den überlagernden Gesteinseinheiten abgelaufen sind.

Diese Gesteine haben in der Erdgeschichte schon viele Verformungsstadien durchgemacht, wurden erhitzt, verschoben, gedrückt oder gezogen. Mit einem schwarzen Filzstift hat sie seit 2006 rund 500 Proben und deren Orientierung verortet. Einige wenige liegen geschnitten, geschliffen und gemahlen in ihrem Büro: "Es ist wie ein Puzzle, bei dem die Teile ihre Form ständig verändern. Um ein Gesamtbild der vergangenen Jahrmillionen zu erstellen und am Computer simulierte Modelle der Erdkrustenentwicklung mit der Realität abzugleichen, muss ich viele Einzelteile zusammensetzen," beschreibt Habler ihre Arbeit.

An den Departments für Lithosphärenforschung sowie Geodynamik und Sedimentologie fügt die Wienerin erstmals Daten zu Temperatur- und Druckbedingungen, Alter und Verformung während der Gesteinsentwicklung zusammen. Im Labor rückt sie den Brocken mit hauchdünnen Schliffen und einer Elektronenstrahl-Mikrosonde zu Leibe. Die Sonde misst, welche Elemente in welcher Menge die Minerale des Gesteins aufbauen. Für die Altersbestimmung mittels Isotopenanalyse werden einige wenige Stücke fein zermahlen und die Kristalle unter dem Mikroskop sortenrein sortiert.

So will sie grundlegende Kristallisations- und Verformungsprozesse in metamorphen Gesteinen aufklären, die - einen entsprechend langen Zeithorizont vorausgesetzt - durchaus beweglich sind.

"Ich finde es spannend zu wissen, was unter unseren Füßen vorgeht. Der Boden, auf dem wir stehen, verändert sich ständig. Steinschlag, Erdbeben oder Erosion führen uns das vor Augen", so die 37-Jährige. Außerdem fließen die Ergebnisse in geologische Karten ein, die in der Bau-, Forst- und Wasserwirtschaft verwendet werden.

Ihre Diplomarbeit finanzierte sie durch die Mitarbeit an der Erstellung der ersten Navigationssysteme.

Von Vorteil mit zwei kleinen Kindern zu Hause war damals die freie Zeiteinteilung. "Hochdruck" gehört für Gerlinde Habler zum Alltag. (DER STANDARD, Printausgabe 23.07.2008)

 

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