"Am entblößten Frauenkörper zeigt der Westen sein Gesicht"

10. September 2008, 18:38
  • Artikelbild

Geschlechterordnungen, Religionen und blinde Flecken in den Debatten - Das Buch "Verschleierte Wirklichkeit" will entschleiern - Eine Buchbesprechung mit Interview

Religion ist in feministischen Zusammenhängen ein häufig diskutiertes Thema. Abtreibung, Verhütung oder Strukturen, die Frauen innerhalb von Glaubensgemeinschaften für bestimmte Positionen nicht zulassen, berühren unter anderem laufend frauenpolitisches Terrain. Großen Stellenwert in der feministischen Debatte haben mittlerweile auch Praktiken des Islams, die oftmals mit einem "rückständigen" Frauenbild in Verbindung gebracht werden.

Die beiden Wissenschaftlerinnen Bettina Mathes und Christina von Braun beschäftigten sich in ihrem Buch "Verschleierte Wirklichkeit. Die Frau, der Islam und der Westen" - ausgezeichnet zum besten Wissenschaftsbuch 2008 - mit der Geschlechterordnung und deren Auswirkungen im Christentum, Judentum und dem Islam.

Der historische, kulturwissenschaftliche und auch politische Blick, den der Buchtitel vorerst nur auf den Islam ankündigt, wird auf das Christentum und das Judentum ausgeweitet, um zeigen zu können, "wie sich Annahmen der einen Seite mit denen der anderen verbinden oder zur gegenseitigen Abgrenzung führen", so schreiben die Autorinnen in der Einleitung. "Es ist eine Frage ethischer und moralischer Redlichkeit, die Bedeutungen der Geschlechterordnung der eigenen Kultur zu kennen, bevor man über die andere Kultur oder Religion urteilt", so die Autorin Bettina Mathes im Gespräch mit dieStandard.at.

Aufgeheizte Debatten

Die emotionalisierten, aufgeheizten Debatten um die Integration von MuslimInnen, die die Autorinnen vor allem in Deutschland beobachten, müssten dringend um sachliche Dimensionen erweitert werden, schreiben Mathes und Braun.
Nach der Lektüre des Buches "Verschleierte Wirklichkeit" sollte dies kein Problem sein. Braun und Mathes bearbeiteten sehr detailliert Themen wie die Einflussnahme der Religionen auf die jeweiligen Konstruktionen der Geschlechterordnungen oder die psychoanalytischen Aspekte, die den Diskurs ebenso mitformen. Sie betonen dabei immer wieder besonders den abendländischen Blick auf den Orient, ein Blick, der das eigene Verborgene oder Verdrängte auf den Orient als "das Andere" projiziert. "Die Selbstbefragung ist ein schwieriger Prozess. Obwohl wir es nicht gerne zugeben, spüren wir sehr genau, dass die im Grundgesetz verbürgte gesetzliche Gleichheit von Mann und Frau noch lange nicht eingelöst ist. Aber wir können es nicht zugeben, weil die symbolische Basis unserer Gesellschaft auf dem Glauben an die Emanzipation der Frau beruht, die wir am Grad ihrer Entblößung messen. Da ist es bequemer, meine Frustrationen über den Emanzipationsprozess an der Muslima abzuladen. Gleichzeitig fühle ich mich als westliche Frau damit automatisch der angeblich so rückständigen islamischen Kultur überlegen. Es ist also überhaupt nicht einfach, mir über die eigenen Unterdrückungsmechanismen Rechenschaft abzulegen. Es ist aber notwendig, damit ich lerne, zwischen dem Bild, das ich mir vom Islam mache, und den muslimischen Frauen und Männern, mit denen ich spreche, zu unterscheiden", erklärt Mathes.

Konkrete Beispiele für diese Überlegenheit sind im Buch die Ausführungen von Braun und Mathes über westliche Forscherinnen, die sich oftmals selbst in die patriarchale Position eines "universellen Subjektes" versetzen, um sich so ein Objekt zu konstruieren, das "das Andere", "das Fremde" ist - jene Position also, die ansonsten Männern vorbehalten ist.
"Wir plädieren in unserem Buch sehr deutlich dafür, sich von solchen patriarchalen Rastern zu verabschieden, unter anderem deshalb, weil es sich nicht für eine differenzierte interkulturelle Analyse eignet", meint Mathes.
Die "Verschleierung" - aber auch die von Mathes angesprochene westliche "Entblößung" - ist im Buch ein zentrales Thema. Allerdings geht es nicht nur um das Tragen des Kopftuches als eine Praktik, die Muslimas vorbehalten ist, die Autorinnen behandeln auch die Tradition der Verschleierung im Christentum oder die Verschleierung aus modischen Gründen, man denke nur an Stars wie Birgitte Bardot oder Grace Kelly.

Natürlich - Unnatürlich

Einen Grund, warum in westlichen Diskursen über den Orient Stereotypen eine große Rolle spielen, sehen die Autorinnen in den Vorstellungen, was "natürlich" ist und was "unnatürlich". Mathes und Braun erinnern an die "eigenen" kulturellen Kodierungen, wie etwa die "Entschleierung" im Westen, "wir müssen die eigenen Karten offen legen", so Mathes. "Bei der Entschleierung handelt es sich um einen Prozess, der in viele historische, kulturelle, religiöse und nationale Entwicklungen eingebunden ist. Am entblößten Frauenkörper zeigt der Westen sein Gesicht und zugleich eine kulturelle Norm. Auch die Verschleierung ist Teil eines Prozesses kulturellen Wandels. Eine aus dem Iran stammende Doktorandin hat mir erzählt, dass dort die Regierung Maßnahmen plane, die 'Übermacht' der Frauen an den Universitäten zu unterbinden. Im Iran nehmen mehr Frauen als Männer ein Universitätsstudium auf - das Verhältnis liegt bei 60 Prozent / 40 Prozent - und dies soll nun mit einer Männerquote korrigiert werden. Ich führe das Beispiel deshalb an, weil es zeigt, dass die Verschleierung nicht als Maßstab für den Grad der Emanzipation in einer Gesellschaft taugt. Das heißt nicht, dass ich den Zwang zur Verschleierung befürworte, aber wir sollten uns davor hüten, die Verschleierung mit Stagnation gleichzusetzen", meint Mathes.

Westliche Unterwerfungsgesten

Auf die Frage, ob in westlichen Unterwerfungsgesten, wie etwa den gängigen Schönheitsidealen, letztlich nicht doch mehr Spielraum liegt als bei religiösen Vorschriften, entgegnet Mathes: "Westliche Frauen sind einem rigiden Körperregiment unterworfen, dem die einzelne Frau sich nur schwer, und wenn überhaupt, nur unter der Preisgabe ihrer 'Weiblichkeit', entziehen kann. Um ein Beispiel zu geben: Ich lebe seit einigen Jahren in den USA. Dort ist es inzwischen vollkommen normal, dass junge Frauen, bevor sie aufs College gehen, ihre Nase oder Brüste 'richten' lassen. Und das ist erst der Anfang eines lebenslangen Prozesses von schmerzhaften 'Schönheitsoperationen', die den Frauenkörper einem Idealbild von Weiblichkeit anverwandeln. Daneben treten Fitness, Frisur, Kleidung, Körperhaltung. Wir betrachten das als Ausdruck von Freiheit. Aber wenn man sich die operierten Gesichter und 'optimierten' Körper anschaut, dann stellt man fest, dass sie sehr viel an Individualität verloren haben. Wie stichhaltig ist also das Argument, der Schleier nehme der Muslima ihre Individualität und sei deshalb als frauenfeindlich zu betrachten?"

Kritik?

Beim Lesen stellt sich einer angesichts dieser umfangreichen Analysen die Frage, wie Kritik an religiösen Praktiken aussehen könnte, oder ob eine solche Kritik überhaupt geübt werden darf? "Aber natürlich. Das ist es ja gerade, wozu wir mit unserem Buch beitragen wollen. Aber zur Kritik gehört Wissen - über sich selbst und über den anderen. Ich kann nur was kritisieren, was ich verstanden habe", so Mathes, "im Übrigen ist der Islam feministischer Kritik durchaus zugänglich. In vielen islamischen Ländern gibt es sehr differenziert argumentierende Frauen, die eine feministische Re-Interpretation des Koran und der religiösen Gesetze vorgelegt haben, wie Fatima Mernissi, Leila Ahmed, Valentine Moghadam, Nilüfer Göle, die wir in unserem Buch zitiert haben. Daneben gibt es eine große Zahl von Wissenschaftlerinnen, die sich um eine feministische Reform der Gesellschaft bemühen, von denen wir hier im Westen noch nie etwas gehört haben. Wir sollten den Austausch mit ihnen stärken, um von ihnen zu lernen und sie an unseren Diskussionen teilhaben zu lassen."

(Beate Hausbichler, dieStandard.at, 10.9.2008)

Christina von Braun
Bettina Mathes

"Verschleierte Wirklichkeit. Die Frau, der Islam und er Westen"
Aufbau Verlag, Berlin 2007 / EUR 25,70
ISBN: 978-3-351-02643-1

Das Buch wurde im März 2008 als "Das beste Wissenschaftsbuch 2008" vom österreichischen Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung ausgezeichnet.

Bettina Mathes ist Associate Professor an der Pennslyvania State University.

Christina von Braun ist Professorin am kulturwissenschaftlichen Institut der Humboldt-Universität zu Berlin.

Termin

Am Dienstag, 22. Oktober um 18.30 Uhr spricht Christina von Braun in Wien über den Ehrbegriff im Spannungsfeld von Orient und Okzident - mehr dazu hier.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 158
1 2 3 4
Surge
 
00
Bin ich als Mann auch "entblößt", wenn ich keinen Gesichtsschleier trage?

Oder gilt das nur für Frauen?

goldener_drache_spielt_mit_phoenix
00
die verhüllung der frau mit ihrer

entblössung gleichzusetzen ist zwar auf den ersten blick eine geschickte herangehensweise, zu behaupten, dass der schleier nichts über die emanzipiertheit der frau aussagt, ist aber ein trugschluss.

der schleier ist nur ein kleiner teil eines großen maßnahmenpakets mit dem einzigen ziel, die frau vollständig aus der öffentlichkeit auszublenden. der öffentliche raum ist im islam ein männlicher raum, der platz der frau ist hinter den (traditionellerweise fensterlosen) mauern der häuser. ich frage mich, wie man emanzipiert sein kann, wenn man unsichtbar ist. vor allem - wem gegenüber?

Brigitta Pasch
00
23.3.2009, 17:39
Mehr Freiheit

"ich frage mich, wie man emanzipiert sein kann, wenn man unsichtbar ist. vor allem - wem gegenüber? "

Wenn man sich nicht gerade im Fokus der Ideoligie stellt, kann man in deren Schatten Dinge machen, die sonst nicht möglich wären. Dies bedeutet mehr Freiheit für die einzelne, und somit Emanzipation vom der herkömmlichen Frauenrolle.

Gluck
20
8.11.2008, 23:52
Endlich

ein Forum ohne Grün und Rot - eine Wohltat für Leute, die unvoreingenommen eine Meinung lesen wollen. Bitte generell so!!!!!!

Fritz Wunderlich
02
20.12.2008, 19:22

Ich will Ihnen ja nicht zu nahe treten, aber leiden Sie an der Rot-Grün-Blindheit?

Timagoras
 
04
7.11.2008, 18:07
"Am verhüllten Frauenkörper zeigt der Osten sein Gesicht"


was ist an dieser ausage falsch bzw unsinnig?

das selbe wie am einleitungssatz ...




Omega
01
6.11.2008, 17:18
Ganz glaube ich die Entblößung nur im Westen nicht!

Sicher machen viele das Licht aus - manchmal aus Scham manchmal aus Angst vor dem Anblick.

Aber in Kleidung Sex - das ist sicher eine fernöstliche, erotische Paxis - wie geht das?

GiordanoB
02
30.9.2008, 19:32

Freiheit bedeutet nicht, zu tun was man will.
Sondern nicht tun zu müssen, was man nicht will.

nemo sander
11
1.10.2008, 04:33
...wie das zu entblößen was man nicht

will...

GiordanoB
07
30.9.2008, 19:29

Der Unterschied ist nur eben, dass im Westen jede Frau die Wahl hat, ob sie sich entblößt oder nicht.
Keine Frau wird geschlagen oder inhaftiert, wenn sie auf eine Schönheitsoperation verzichtet.

http://i36.tinypic.com/ap8jki.jpg
http://i36.tinypic.com/1z1qpdv.jpg

Manchmal ist es besser das Gehirn anzuwerfen, bevor man halbgescheites Zeugs von sich gibt.

Reaction Path
00
18.8.2011, 13:56

sie meinen mit "halbgescheites Zeugs von sich geben" Bücher zu schreiben? ;)

ein kaetzchen
50
30.9.2008, 22:39

genau.

also, anwerfen!

GiordanoB
02
30.9.2008, 23:06

Genau, nur leider klappt das eben nicht bei jeder oder jedem.
Wie man sieht, vor allem wenn die Argumente fehlen.

Chien de Pique
04
19.9.2008, 17:24
ad rigides Körperregiment: 10 Tipps für die erfolgreiche Ehefrau:

"Alle Frauen haben den Schmuck, mit dem All+h sie segnete. Benutze die Schönheit, die All+h (Der Erhabene und Majestätische) Dir geschenkt hat, um das Herz Deines Mannes zu gewinnen.

2. Wenn Dein Mann nach Hause kommt, grüße ihn mit einem wundervollen Gruß. Stell Dir Deinen Mann Vor, wenn er nach Hause kommt und ein sauberes Haus, eine vorzüglich gekleidete Frau, ein Mittagessen, das mit Sorgfalt zubereitet wurde, saubere und wohlriechende Kinder und ein sauberes Schlafzimmer vorfindet – was für Auswirkungen hätte dies auf seine Liebe Dir gegenüber? Nun stell Dir vor, was das Gegenteil bei ihm bewirkt."

Stussi Funkmasten
12
24.9.2008, 19:00

Und genau so ist man auch heute als Frau erfolgreich. Leider!!

Gefräßige Gebärmutter
00
22.9.2008, 15:52
Erinnert irgendwie an Christine Vranitzky:

"Man kann dem Mann das Kind auch nett präsentieren und auch die Familie nett präsentieren."

http://tinyurl.com/4pqm3y

Chien de Pique
05
19.9.2008, 17:24
Weiter:

"Finde die Eigenschaften der Hûr al-Ayn heraus und versuche, sie zu imitieren. Der Qur’ân und die Sunnah beschreiben die Frauen des Paradieses mit bestimmten Eigenschaften, wie z.B. die Seide, die sie tragen, ihre großen dunklen Augen, ihr Singen für ihren Mann usw. Probiere es aus! Trag Seide für Deinen Mann, trage Kohl auf Deine Augen auf, um sie zu “vergrößern” und singe für Deinen Mann!"
" Trage zuhause immer Schmuck und ziehe Dich schick an
Schon kleine Mädchen schmücken sich mit Ohrringen und Armbändern und tragen hübsche Kleider – so wie es im Qur’ân beschrieben wird. Fahre als Ehefrau damit fort, den Schmuck und die hübschen Kleider, die Du hast, für Deinen Mann zu tragen."

Nick Tameer
00
Macho, Macho kannst noch werden ...

Geht runter wie Öl. Wo kann man hier konvertieren?

Chien de Pique
06
19.9.2008, 17:24
Nicht zuletzt:

"Höre und gehorche!
Das Gehorchen Deines Ehemannes ist Fard (Pflicht)! Dein Mann ist der Amîr des Haushalts. Gib ihm dieses Recht und bringe ihm den nötigen Respekt entgegen."

Quelle:
http://islam.forenking.com/viewtopic... ess=123456

Hier wird ganz unverblümt als religiöse Pflicht definiert, was im hedonistischen Westen in sehr abgeschwächter Form als sozialer Druck vorhanden ist!

RS69
 
00
19.12.2008, 12:19

Damit passen's dann gut in unser christlich-konservatives Weltbild.

Cass
51
18.9.2008, 14:47
Heuchelei hoch zehn!

Warum wird hier schon wieder ununterbrochen auf den Islam eingedroschen und komplett ignoriert, dass das Judentum nahezu identische Kleidungsvorschriften für Frauen kennt (die - entgegen anderslautenden Behauptungen - SEHR WOHL von einer großen Zahl jüdischer Frauen eingehalten werden - oder wart ihr alle noch nie im 2. Wiener Gemeindebezirk?)?

Reaction Path
00
18.8.2011, 13:59
Mein Vorschlag:

Auf beide eindreschen! Und die orthodoxen Katholiken gleich dazu...

el puño rojo
 
11
1.10.2008, 12:52
Also die JüdInnen die ich kenne

sehen das anders.
Im Gegenteil habe im 2.bez. schon öfters offensichtlich jüdische Paare gesehen und sie nur an der Gewandung des Mannes (Kipa oder Hut mit "Zöpfen") als jüdisches Paar erkannt.

Cass
10
3.10.2008, 10:11

Die Kopftücher, Perücken, Hauben, Haarnetze oder Hüte der Frauen sind Ihnen NICHT aufgefallen???

GiordanoB
11
30.9.2008, 19:31

Weil Jüdinnen id Regel nichts passiert, wenn sie sich von der orthodoxen Lebensweise abwenden, was sehr viele tun.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 158
1 2 3 4

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.