Archaische Bilder von Weiblichkeit und Männlichkeit feiern in Kriegszeiten fröhliche Urstände in den Medien, ergab eine Tagung in Salzburg
Salzburg - Die Medienberichterstattung über Kriege scheint ein Feld zu sein, auf dem Geschlechterstereotype besonders gut gedeihen. Das zeigte sich bei einer Tagung zum Zusammenhang von Medien, Krieg und Geschlecht an der Universität Salzburg am 2. und 3. Oktober. Die Konferenz stand unter dem Motto „Das erste Opfer des Krieges ist ... die Emanzipation". "Gerade im Kriegsfall kehren archaische Bilder zurück", konstatierte etwa die Medienwissenschaftlerin Tanja Maier von der Universität Siegen.
Frauen als Opfer, Männer als Beschützer
Maier war in ihrer Analyse von Titelbildern der deutschen Nachrichtenmagazine Spiegel, Focus und Stern im Zusammenhang mit dem „Krieg gegen den Terror" auf besonders traditionalistische Rollenzuschreibungen gestoßen: Frauen wurden primär als Terroropfer, Männer als deren Beschützer. Auch das Thema Burka und Verschleierung sei beliebt: Dem Schleier hafte etwas Bedrohliches an; Bilder von Frauen wiederum, die den Schleier ablegten, "repräsentieren das eingenommene Territorium" in Afghanistan und im Irak.
"Das Wort des Mannes hören"
Dass im Umfeld militärischer Konflikte traditionelle Geschlechterordnungen wieder mehr Bedeutung zugeschrieben wird, bestätigte auch Rubina Möhring, Vizepräsidentin der internationalen Organisation "Reporter ohne Grenzen". Das äußere sich etwa darin, dass politische Fernsehdiskussionen nach den Anschlägen vom 11. September wieder reine Männerrunden waren: "Da galt es, das Wort des Mannes zu hören als Garant der Seriosität - vielleicht auch wegen der tiefen Stimme. Es hat dann lange gedauert, bis wenigstens wieder die berühmte Alibifrau dabei war"
Geschlechterarrangements in Bewegung
Auf einer ganz anderen Ebene gerieten in der Geschichte in Kriegszeiten faktisch aber "traditionelle Geschlechterarrangements in Bewegung", sagte die Lüneburger Kommunikationswissenschaftlerin Tanja Thomas - etwa durch das Vorstoßen von Frauen in ganz neue Berufsfelder während der beiden Weltkriege. Das zeigt sich etwa auch in Theaterstücken während des Ersten Weltkriegs. Typische Handlung dabei: Ein junges Liebespaar werde durch die Einberufung getrennt, die junge Frau will mit in den Krieg ziehen, wird aber dann darauf hingewiesen, dass sie an der "Heimatfront" dem Vaterland weit besser dienen könne, resümiert die Wiener Theaterwissenschaftlerin Eva Krivanec.
"Helferinnen" gegen "Flintenweiber"
Die Widersprüche zwischen traditioneller Rollenaufteilung und den Zwängen der Kriegswirtschaft seien von PropagandistInnen immer wieder übertüncht worden: Etwa indem während des Zweiten Weltkriegs zwar eine halbe Million Frauen in der deutschen Wehrmacht dienten, aber formal nur als "Helferinnen" gewertet wurden. Dem habe die NS-Propaganda das Feindbild des entweiblichten sowjetischen "Flintenweibs" gegenüber gestellt, berichtet die Kommunikationswissenschaftlerin Martina Thiele von der Universität Salzburg.
"Soldatinnen machen immer etwas falsch"
Solche Bilder wirkten in Mitteleuropa bis heute nach: Noch immer hätten weibliche Armeeangehörige damit zu kämpfen, dass ihre "Weiblichkeit" diskursiv in Frage gestellt werde, sagte Christine Eifler vom Zentrum Gender Studies der Universität Bremen. "Soldatinnen machen immer etwas falsch", beklagt auch die Salzburger Kommunikationswissenschaftlerin Susanne Kassel, "entweder als Soldat oder als Frau."
"Sexuell verfügbare" Soldatinnen
Wie Soldatinnen von der Öffentlichkeitsarbeit des Militärs dargestellt werden, und damit auch, wie ihr Bild in der Öffentlichkeit aussieht, hänge wesentlich davon ab, ob die Armee gerade unter einem Personalmangel leide, lautet die These der Wiener Politikwissenschaftlerin Saskia Stachowitsch. Selbst bei der einzigen Armee der Welt, für die Frauen und Männer gleichermaßen als Wehrpflichtige herangezogen werden, der israelischen, klafften Anspruch und Wirklichkeit der Geschlechterintegration weit auseinander, berichtet die Berliner Soziologin Susanne Friedel: Die Rolle der Frauen dort sei es eher, "die raue Männerwelt des Militärs durch ihre Anwesenheit angenehmer zu gestalten", indem sie "sexuelle Verfügbarkeit" signalisierten.
"Krieg der Mütter"
Mit einer anderen, traditionellen Rolle von Frauen in Kriegen hat sich die Düsseldorfer Historikerin Silke Fehlemann beschäftigt: mit der Soldatenmutter. Eine "Peace Mom" wie die Friedensaktivistin Cindy Sheehan habe für die US-Regierung Bush während des Irakkriegs "eine erhebliche mediale Bedrohung" dargestellt; Bush schickte mit der "stolzen" Soladtenmutter und "glühenden Patriotin" Tammy Pruett daher auch eine "mediale Gegenwaffe" in den "Krieg der Mütter".
Beziehungsprobleme statt Politik
Auch als "Bösewichtinnen" haben Frauen in den letzten Jahren eine Rolle in den Nachrichten über Irak- und Afghanistankrieg gespielt: Dort und im Israel-Palästina-Konflikt sind sie als Selbstmordattentäterinnen in Erscheinung getreten. Dabei werden ihnen in den Medien systematisch andere Motive zugeschrieben als männlichen Attentätern, berichtet Tanja Thomas: Beziehungsprobleme, die Wiederherstellung der persönlichen Ehre, Vergeltung von Todesopfern in der Familie oder männlicher Zwang stünden im Vordergrund; politisch-ideologische Motive würden dagegen ausgeblendet.
Keine Verbesserung in Afghanistan
Auch wenn die Stärkung der Rechte von Frauen in Afghanistan einer der Gründe war, die den Krieg rechtfertigen sollten, habe sich dort im Endeffekt nichts verbessert, bilanziert die deutsche Journalistin und Frauenfriedensaktivistin Ute Scheub. Ein anfänglicher Aufbruch habe nur kurz angehalten, weil lokale Machthaber keines und die internationale Gemeinschaft nur geringes Interesse an mehr Frauenrechten gezeigt hätten. Man habe unterschätzt, dass die Stellung der Frau seit 150 Jahren Kernpunkt politischer Konflikte zwischen zentralen und regionalen Autoritäten Afghanistans sei, ergänzte Andrea Böhm, Redakteurin der Wochenzeitung Die Zeit.
Kein Zugang zu Frauen für Männer
Gerade in Ländern wie dem Irak oder Afghanistan biete sich für Frauen als Journalistinnen ein chancenreiches Betätigungsfeld, berichtet die Wiener Journalistin Sibylle Hamann: „Kein männlicher Kollege, mit dem ich unterwegs war, war dort je in der Lage, mit einer Frau auch nur zwei Sätze zu wechseln." Für Frauen dagegen sei es kein Problem, sowohl mit Männern als auch mit Frauen ins Gespräch zu kommen. Dass Männer zur Hälfte der Bevölkerung keinen Zugang hätten, bleibe in ihrer Berichterstattung völlig unerwähnt, bemängelte Hamann. (Markus Peherstorfer, dieStandard.at, 5.10.2008)