
Mary Daly wurde am 16. Oktober 1928 in Schenectady/New York geboren.
Seit den 1970er-Jahren gilt die Philosophin und Theologin als die umstrittenste feministische Denkerin der USA. Ihre radikalen - also die Wurzeln patriarchaler Herrschaft aufdeckenden - Analysen, die sie in ihren wissenschaftlichen Werken dargelegt hat, brachten ihr - außerhalb einer kleinen intellektuellen Elite - mehr FeindInnen als FreundInnen ein. Breiten gesellschaftlichen Einfluss hatten sie dennoch. Als beispielsweise Waris Dirries Bestseller "Wüstenblume" die westliche Welt über die weibliche Genitalverstümmelung aufklärte, hatte Mary Daly bereits zwanzig Jahre zuvor eine gründliche Recherche über die "unaussprechlichen Gräuel", wie sie FGM nannte, publiziert. Schon damals hatte die Veröffentlichung weltweite Protestaktionen ausgelöst.
Sadistische Verbrechen an den Frauen
In "Gyn/Ökologie" (1978), wahrscheinlich ihrem bedeutensten Werk, benennt - mehr noch seziert - sie neben der Genitalverstümmelung in Afrika auch all die anderen "systematischen, sadistischen Verbrechen des Patriarchats an den Frauen": die Witwenverbrennung in Indien, das Füßeeinbinden in China, die Hexenverbrennung in Europa und die Gynäkologie in den USA im Gefolge der Nazimedizin. Während in der ersten Passage des Buches die als harmlos und legal verkauften Mechanismen der Unterdrückung von Frauen entmythologisiert werden, die sie in der zweiten Passage als Frauen zerstörende Praktiken aus verschiedenen Kulturkreisen aufdeckt, beschreibt sie in der dritten Passage die Gegenkräfte, die Frauen gegen diese Ungeheuerlichkeiten entwickeln können.
Nicht zuletzt aufgrund ihres eigenen Studiums der Theologie erörterte Mary Daly die Grundlagen der christlichen Theorie und Praxis und zog daraus äußerst kritische Schlüsse, die sie später als dreifache Doktorin in ihren Büchern publizierte. In "Kirche, Frau und Sexus" (1970) und "Jenseits von Gottvater, Sohn & Co" (1980) enttarnte sie die fatale Frauenfeindlichkeit der christlichen Theologie als gesellschaftlich und politisch fundamental und forderte die Frauen auf, den Kirchen ihre Rücken zu kehren. Der Skandal in theologischen Kreisen war vorprogrammiert. Ihr Arbeitgeber, das von Jesuiten geleitete Boston College, hätte sie am liebsten gefeuert. Doch die Proteste der Studierenden waren stärker und sie konnte weiterhin unterrichten.
Biografische Notizen
Geboren am 16. Oktober 1928 als einziges Kind einer ArbeiterInnenfamilie, wuchs Mary Daly während der Wirtschaftsdepression in Schenectady im Staat New York auf. Nach dem Besuch einer katholischen High School studierte sie am St. Mary's College der Notre Dame University. 1954 erhielt sie ihr erstes Doktorat in Theologie. Daraufhin lehrte sie Philosophie und Theologie am Cardinal Cushing College in Brookline und an der Universität Fribourg in der Schweiz. In beiden Disziplinen erwarb sie weitere Doktorate.
Mary Dalys Begabung liegt neben der die Wurzeln von Herrschaft und deren oft widersprüchliche Faktoren verknüpfenden Analyse ebenso in der Entwicklung einer Sprache, "die Frauen hymnisch feiert und frei von Patriarchalismen" ist, wie es Luise F. Pusch im "Berühmte Frauen Kalender 2008" ausdrückt. Anders gesagt: es sind Wortschöpfungen, die "normale" Sprache als Herrschaftsinstrument aufdecken. So benennt sie beispielsweise den Therapeuten als "the-rapist", der somit zum "Vergewaltiger" wird. Und das Wörterbuch - dictionary - heißt bei Daly "dickionary", abgeleitet von "dick", um nur einige sprachliche Daly-Kreationen zu nennen. (dabu/diestandard.at, 15.10.2008)
Wichtige Bücher:
Kirche, Frau und Sexus [=The Curch and the Second Sex]. Übs. aus d. Engl. Dietgard Erb. Olten; Freiburg, Br. Walter, 1970 [1968]
Jenseits von Gottvater Sohn & Co.: Aufbruch zu einer Philosophie der Frauenbefreiung [=Beyond God the Father: Toward a Philosophy of Women’s Liberation]. Übs. aus d. Engl. Marianne Reppekus, Barbara Henninges und Erika Wisselinck. München. Frauenoffensive, 1980 [1973]; 4. erw. Aufl. 1986
Gyn/ökologie: Eine Meta-Ethik des radikalen Feminismus [= Gyn/ecology: The meta-ethics of radical feminism]. Aus dem am. Englisch von Erika Wisselinck. München. Frauenoffensive, 1981 [1978].
Reine Lust: Elementale Feministische Philosophie. Übs. Erika Wisselinck. München. Frauenoffensive, 1986 [1984]
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