Wohnungslosigkeit ist kein Männerproblem: Ein Projekt in Wiener Neustadt richtet sich mit Wohnraumangebot samt psychosozialer Begleitung an junge Mütter und obdachlose Frauen
VerliererInnen wirtschaftlicher Krisenzeiten und sozialen Abbaus werden medial durchgereicht, als kritische Masse, als Zahl, als die Anderen adressiert: Es geht ihnen schlechter. Sie werden immer mehr. Gelesen, womöglich betroffen gemacht, nächstes Thema. Die schonungslosen Lebenswirklichkeiten hinter den Statistiken spüren derweil soziale Einrichtungen, die mit dieser negativen Entwicklung - auch in Österreich als einem der reichsten Länder der Welt - unmittelbar umgehen müssen, gleich nach den Betroffenen selber.
Wohnungslosigkeit kein Männerproblem
Beim Verein Soziale Betreuung Niederösterreich Süd hat sich in den letzten Jahren verstärkt gezeigt, dass es zu wenige Hilfsangebote für Frauen generell und im Speziellen für junge Mütter gibt. Denn Armut ist weiblicher geworden, belegen Statistiken wie auch die Erfahrungen der SozialarbeiterInnen des Vereins. Und
dennoch wird Wohnungslosigkeit in der Öffentlichkeit primär als ein
Problem von Männern gesehen und sichtbar.
Lücke schließen
In Wiener Neustadt gab es
2004 35 stationäre Schlafplätze für Männer, für Frauen und deren Kinder
standen nur zehn Plätze im Frauenhaus zur Verfügung - selbstredend eingeschränkt auf
Frauen mit Gewalterfahrung. "Es besteht eine Lücke, die wir konkret schließen wollen", so Eva Eigner. Sie kümmert sich als Leiterin des Vereins neben ihrer Arbeit als Psychotherapeutin vor allem um die organisatorische Seite der
Einrichtung, was immer mehr heißt: Gelder lukrieren. Und das ist nicht ganz
so einfach, seit der Staat sich immer mehr zurückzieht. Andererseits veschlechtert sich zudem auch die Lage auf
dem Arbeitsmarkt, stellt Eigner fest. Wohnraum zu leistbaren
Preisen sei ein immer
schwerer erreichbares Gut geworden - und letztendlich lassen auch die
Sparbudgets der "Öffentlichen Hand" kaum mehr Spielraum für eine aktive
Sozialpolitik.
Vom Männerwohnheim zur Weiberwirtschaft
Der Verein Soziale Betreuung Niederösterreich Süd arbeitet bereits seit 1980 im "vielschichtigen Feld sozialer Benachteiligung": Zunächst wurde ein Wohnheim für Männer, die "Männer WG", gegründet, um Betroffenen nach Haft, Obdachlosigkeit, Drogenkonsum wieder Zugang zu stabileren Lebensverhältnissen zu
ermöglichen. Da der soziale Wohnraum dort immer knapper wurde, ist der "Wohnhof für Menschen mit Zukunft" ins Leben gerufen worden. Wie sehr jedoch eine "Weiberwirtschaft" von Nöten ist, hat sich schon in diesem ebenfalls anfangs für Männer angedachten Folgeprojekt gezeigt: "Unser Wohnhof wurde ursprünglich zu zwei Drittel mit
Männern besiedelt. Mittlerweile sind bereits mehr als zwei Drittel der Wohnungen
an Frauen - großteils mit Kindern - vermietet."
Alleingelassen
Letztes Jahr wurde mit dem Bau begonnen, am Mittwoch wurde die Dachgleiche der "Weiberwirtschaft" gefeiert. Bezugsfertig soll die Wohngemeinschaft im Herbst 2009 sein. Sie sieht Plätze für insgesamt 20 Frauen vor, für obdachlose Frauen acht, den Rest für Frauen und ihre Kinder. "Die Erfahrungen im Wohnhof für Menschen mit Zukunft zeigen uns
deutlich, dass die Situation von Frauen und Frauen mit Kindern, die von
direkter oder verdeckter Wohnungslosigkeit bedroht oder betroffen sind,
eine sehr schwere und alleingelassene Lage darstellt", führt Eigner aus. "Wir mussten handeln." Es gibt für die Betroffenen in der Region
Wiener Neustadt, Neunkirchen, Baden, Berndorf und Mödling nämlich nach wie vor keine
Möglichkeit der Begleitung und Unterstützung. Die "Weiberwirtschaft" will dies mit Wohnraumangebot samt dem Konzept psychosozialer Begleitung ändern.
Erster Schritt zur Selbstständigkeit
Aufnahmekriterium ist die Bereitschaft, ihr Leben in den Griff
bekommen zu wollen, hält die ehrenamtliche Mitarbeiterin Martina
Hajdusich fest: "Die Motivation der Frauen muss klar sein: 'Ich will was tun, ich will etwas verändern'." Und sie müssen sich an eine strikte Regel halten: In den Einrichtungen des Projekts herrscht absolutes Alkohol- und Drogenverbot. Sind die Voraussetzungen erfüllt, gilt: Wer es dringender nötig hat, kommt zuerst. Zwanzig Plätze sind ob des gestiegenen Bedarfs marginal - aber für diejenigen, die aufgenommen werden, ist die vorübergehende Unterkunft eine vorbereitende Möglichkeit, wieder - oder überhaupt einmal - in ein selbstständiges, stabiles Leben zu finden. Viele - vor allem - junge Mütter müssten nämlich erst Grundlegendes nachholen, so Hajdusich.
Notschlafstelle
Für Frauen mit akuten Suchtproblemen oder akuter Obdachlosigkeit, die kurzfristig Unterkunft brauchen, sieht die "Weiberwirtschaft" zudem eine Notschlafstelle vor, die eine Übergangslösung für Frauen sein kann, die auf
einen Platz für den Entzug oder auf einen geeigneten Therapieplatz
warten. Die Notschlafstelle soll einen separaten Eingang haben, und wird
ein Zimmer mit vier Betten sowie der dazugehörigen Infrastruktur umfassen.
Gemeinschaft
Damit sich die in der "Weiberwirtschaft" längerfristig Betreuten dann doch nicht allzu lange so wohl fühlen, dass die Motivation zur Selbstständigkeit wieder verloren geht, sind die Wohneinheiten nicht "so heimelig" geplant. Zweibettzimmer samt Kinderbettchen, pro Stock ein Gemeinschaftsbad. Apropos Gemeinschaft: "Die ist ganz, ganz wichtig", so Hajdusich. Nicht nur Mutter und Kind sollen sich als Einheit begreifen, die Wohngemeinschaft als Ganze soll wie eine Familie funktionieren: Es wird gemeinsam gekocht, gemeinsam gegessen.
Gegensteuern
Und für die darüber hinaus gehenden Bedürfnisse von Armut betroffener Frauen hat das SozialarbeiterInnen-Team um Eva Eigner ein offenes Ohr. Leider hat die Politik aber keines für beide Gruppen. Was sich Eigner wünscht, ist die Einführung der steuerlichen Absetzbarkeit von Spenden an soziale Einrichtungen, was in den letzten Regierungsperioden nie umgesetzt wurde: "Unser Klientel bleibt sonst immer mehr auf der Strecke." (bto/dieStandard.at, 23.10.2008)
Link
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Kontakt: 0676/407 48 56, E-Mail
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