Nachlese

"Der Schleier ist wieder auf dem Vormarsch"

18. Dezember 2008, 18:36
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    foto: matthias cremer

    Die Tunesierin Lilia Labidi bei der Dialogkonferenz in Wien.

Die meisten arabischen Frauen verhüllen sich heute freiwillig - Um die arabische Welt zu verstehen, müssen die Europäer Geschichte lernen, so die Frauenrechtlerin Lilia Labidi

Standard: Ihre Kernthese auf der Dialogkonferenz war, dass Europäer und Araber keine Ahnung von der Geschichte des anderen haben und das Verhältnis deswegen so schwierig ist. Als Beleg dafür nahmen Sie ausgerechnet den Kampf der Frauen für ihre Rechte.

Labidi: Ich wollte zeigen, dass wir immer nur die eigene Perspektive kennen und deswegen die falschen Fragen gestellt werden. Besonders bei den Frauenrechten: Da sollte es nicht darum gehen, wer in der Entwicklung weiter ist und wer hinterherhinkt. Die Frauenbewegung begann im arabischen Raum und in Europa zur selben Zeit. Die ersten Bewegungen in arabischen Staaten entstanden 1915. Die erste Frauendemonstration fand 1919 in Kairo statt: Frauen demonstrierten für ihr Recht, zur Schule zu gehen, gegen Zwangsverheiratungen, gegen die britische Kolonisation. Die Proteste breiteten sich in die Türkei, nach Tunesien, viel später nach Marokko aus. Zur gleichen Zeit bekamen die Frauen in Europa, in den USA und Kanada ihr Wahlrecht. In manchen Ländern früher, in manchen später. Aber der Punkt ist, dass Frauen dieselben Ideale zur selben Zeit verfolgten.

Standard: Warum ist das für den Dialog wichtig?

Labidi: Weil sonst immer die gleichen Klischees mitschwingen. Die Europäer sagen über arabische Frauen, dass sie ausgeschlossen, dominiert und verschleiert werden. Aber betrachten Sie einen Punkt, etwa die Schleier, näher. In den 1920er-Jahren waren so gut wie alle arabischen Frauen verschleiert, viele sogar vollständig. Zugleich waren sie ausgeschlossen, ungebildet und nur über ihre Rollen als Mütter definiert. Dagegen wehrten sie sich: Ab den 50erJahren verzichteten immer mehr auf die Verhüllung. In den 70er-Jahren kam eine neue Trendwende, der Schleier ist wieder auf dem Vormarsch. Aber nun ist es etwas anderes: Heute sehen viele Frauen den Schleier als Mittel an, um sich selbst zu definieren, sie tragen ihn freiwillig. Daneben sind sie gut ausgebildet, sie arbeiten. Das verändert doch das Bild der Europäer von der unterdrückten Frau.

Standard: Aber Frauenrechte werden doch in weiten Teilen der arabischen Welt eingeschränkt. Beim Frauenwahlrecht allein schon deswegen, weil viele arabische Staaten Diktaturen sind.

Labidi: Das stimmt nicht: In zahlreichen arabischen Staaten steht das Frauenwahlrecht in der Verfassung. In Ägypten, im Libanon, Syrien, im Irak und im Maghreb-Raum.

Standard: Aber diese Wahlen sind in den meisten Fällen nicht frei, während Frauen sich in Europa politisch frei beteiligen können.

Labidi: Wenn Sie das sagen, antworte ich: In Tunesien sind 30 Prozent der Parlamentarier weiblich, in vielen europäischen Staaten ist der Prozentsatz weit niedriger. Ich will nicht leugnen, dass es im arabischen Raum Spannungen gibt und Politiker die Rechte der Menschen einschränken. Aber wir sollten keine Vergleiche anstellen, das bringt niemanden weiter.

Standard: Was schlagen Sie vor?

Labidi: Als die USA in Afghanistan einmarschiert sind, gaben sie an, das auch im Namen der Frauenrechte zu tun. Aber viele afghanische Frauen wollten nicht aufseiten der USA stehen, das hat ihr Leben nur verkompliziert, das war kein guter Weg, um ihre Rechte zu schützen. Was wir stattdessen brauchen ist mehr Dialog, wir müssen uns die aktuellen Entwicklungen ansehen und welche Probleme daraus entstehen. Ein Beispiel: 2007 haben 6000 marokkanische Frauen europäische Männer geheiratet und sind nach Europa gegangen. Zugleich kommen immer mehr Europäer in die arabischen Staaten, sie werden auch irgendwann heiraten wollen. Welche Konsequenzen wird die zunehmende Zahl der Mischehen für unsere Gesellschaften haben? Wie können wir eine Einheit in der Vielfalt herstellen? Das sind die Fragen, die wir uns stellen müssen.

(András Szigetvari, DER STANDARD, Print, 19.12.1008)

ZUR PERSON:

Die Tunesierin Lilia Labidi unterrichtet Anthropologie und Psychologie an der Universität Tunis. Die Autorin zahlreicher Bücher ist in ihrer Forschung auf Frauenbewegungen im arabischen Raum und Feminismus spezialisiert.

 

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Posting 1 bis 25 von 83
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SeZ54
00
14.7.2010, 04:58
beeindruckend....

wie viele Leser etwas aus dem Artikel entnehmen konnten :))

Spartaner13
00
12.5.2010, 23:49
hin und her

Man kann darüber ewig weiter reden. Fakt ist: wenn man nichts anderes kennt, hat man eine eingeschräkte Sicht. Wenn östliche Frauen nichts anderes als die Einschränkungen kennen, können sie nicht wirklich sagen, dass sie so frei wie europäische Frauen sind.

eba
00
5.12.2009, 16:28
"Die Frauenbewegung begann im arabischen Raum und in Europa zur selben Zeit. Die ersten Bewegungen in arabischen Staaten entstanden 1915. Die erste Frauendemonstration fand 1919 in Kairo statt"

zeitgleich mit der europäischen frauenbewegung ist das nicht.

bildschirmkrankheit
21
der schleier ist einfach seit generationen tief verankert

die betroffenen selbst finden ihren jeweiligen zugang, ihre kreative auseinandersetzung damit, der schleier wird weiter mit denen "wachsen", die ihn tragen - ich stimme aber einem posting gefühlsmäßig zu, nämlich die kritik, sofern nicht bösartig, gehört zu diesem weg dazu. es gibt tage, an denen mir die psychologie des schleiers fremd und schleierhaft ist und tage, an denen ich das ein stück weit verstehe. wichtig ist, dass man sich nicht wechselseitig diskriminiert.

MiNeum71
28
27.12.2008, 23:44
Wozu?


Europäer müssen die arabische Welt nicht verstehen. Wozu auch? Müssen wir verstehen, warum 50% der Menschen in deren Gesellschaften unterdrückt werden? Müssen wir verstehen, warum Sklaven gehalten werden dürfen? Müssen wir verstehen, warum die Todesstrafe weiterhin praktiziert wird?

Den Fortschritt einer Gesellschaft kann man anhand folgender Indikatoren bewerten:
1) Umgang mit Frauen und Minderheiten,
2) Behandlung der Gefängnisinsassen,
3) Definition von Tierrechten,
4) Verhalten im Strassenverkehr.

Der Leserschaft steht es frei selbst zu entscheiden, wie fortschrittlich die arabischen Gesellschaften zu sehen sind.

Spartaner13
00
12.5.2010, 23:50

In all diesen Punkten (Straßenverkehr ausgelassen) ist Europa wesentlich voraus.

eba
00
5.12.2009, 16:26
Wozu?

man urteilt besser, wenn man ahnung hat, wovon man spricht.

edgar einstein
19
26.12.2008, 18:37
ha ha

keiner braucht hier in der geschichte herumwühlen, vorschläge hierzu sind nur ablenkungsmanöver. was wirklich zu tun ist, ist die arabischen männer zum psychiater zu schicken. die haben angst vor den frauen -weil die einfach klüger sind- und versuchen dies mit exorbitanter unterdrückung der frauen zu kompensieren. das ist ein mentales problem von leuten aus dem 16.jhd. die halt mit der neuzeit nicht zurechtkommen und die religion vorschieben um ihren wahn zu kompensieren.

Der Berserker
01
12.1.2009, 17:58

Und die europäischen von drei Bier aufwärtssaufenden Übermänner, welche ihre Frauen bei jedem Alm-Rausch so zünftig verprügeln, haben KEINE Angst vor gebildeter Weiblichkeit ?

Lady Prudence of Fairfax
01
15.1.2009, 00:39

almrauschiges verprügeln ist aber weder pflicht, noch kulturelle oder religiöse tradition und auch gott sei dank nicht (mehr) rechtens.

Susi Stattnam
01
Sie brauchen hier nur einige der posts in diversen Artikeln

durchlesen, wobei ich zwar nicht weiss, welche Nationalitaet die post Verfasser haben, ich jedoch tippe auf Rein oesterreichisch in dritter Generation, um festzustellen, dass die von Ihnen gestellten Vorwuerfe auch auf oesterreichische Population zutrifft.

Okzitanien
40
23.12.2008, 01:46

Danke für die Veröffentlichung des Interviews.

Ein durchaus interessanter Beitrag zu einer hysterisch anmutenden Debatte.

thanks again

Karl Bergerle
00
22.12.2008, 15:40
der Mann muß sein Haupt bedecken

die Frau darf wählen ob sie ihr Haupt bedecken will oder nicht!

Lady Prudence of Fairfax
00
15.1.2009, 00:35

wirklich? ich habe bei uns noch nie einen mann, mit kopfbedeckung gesehen, abgesehen von hauben, hüten (mit gamsbärten) oder motorradhelmen...

frank&fay
310
21.12.2008, 15:32
Gegen Frauenrechte!

Solche Konferenzen begnügen sich in diversen Erklärungen, warum eben die islamischen Frauen gerne den Schleier tragen, als persönliches Kleidungsstück, Zurschautragen der Religion etc. und verschweigen den wahren Zweck dieses Symbols:

"Das Symbol der Unterwerfung der Frau unter das Patriarchat der Männer!!!"

emanze c
22
27.12.2008, 19:18

Ja - Unterwerfung unter die Wünsche u Begehrlichkeiten des Mannes. Einerseits der Exklusivitätsanspruch des Ehemanns (die Erotik des "nur für seine Augen.."), andererseits der "Schutz" der Männer vor "Reizung" (umgekehrt die bequeme Entschuldigung für Übergriffe, wenn frau einen kurzen Rock oder auch nur offene Haare trug).

Letztlich ist auch das Gottesbild in den Monotheismen das eines "Mannes" (Herr, Vater etc)

Spartaner13
00
12.5.2010, 23:54

Korrekt - dies ist immer wieder gerne eine tolle Ausrede. Der Reiz war zu stark, Mann konnte nicht anders.

lebowsky1
11
19.12.2008, 16:00
Dialog, Toleranz, Geschichte

Wie wärs zur Abwechslung mal mit konkreten Vorschlägen? Dieses gefasel von Dialog, Toleranz und Integration kann ich nicht mehr hören. WER soll da mit WEM worüber reden? Was kann der Einzelne tun.
Welche Maßnahmen helfen den Migranten sich besser zu inegrieren?

Jambala Magdalena
00
19.12.2008, 15:26

Vielleicht bekommen Frauen nur mit Kopftuch eine Arbeitsstelle in den Behörden, weil im Tourismus bzw. Dienstleistungsbereich wird kaum eine arabische Frau tätig sein. Und wenn Mischehen in der arabischen Welt zunehmen, warum will man statt der Vielfalt eine Einheit herstellen? Ein Christ heiratet in einem arabischen Land eine Muslima und die tritt vielleicht zum Glauben ihres Mannes über, derzeit ist das ja noch strafbar, das wird man ändern müssen.

JonBut
23
19.12.2008, 14:27
Verschleierte Gesten

Es geht beim Thema nicht um Frauenrechte und auch nicht um die Freiheit der Frau.
Es geht allein darum, wie weit jene Frauen bereit, fähig und mutig in ihrem Selbstbewusstsein sind, dieses strikte, diskriminierende Gebot des Islam infrage zu stellen.
Wäre in dieser Religion eine zentrale Instanz, zB wie der Papst im Vatikan, dann würden sie losstürmen, um dessen Instanz niederzuwalzen. So aber befinden sie sich im Schlamassel und vagen den Spagat, der nicht und nicht gelingen will.
Was ausser eigenständigem Nichtbegreifenwollen des Unsinns ist es, sich das Haar verschleiern zu müssen,um somit die Untertänigstheit offen und immer unter Beweis zu stellen?
Da ist auch nicht verwunderlich, dass Hände/Röcke der Oberen weiter geküsst werden.

Spartaner13
00
12.5.2010, 23:58

Richtig, es sind einfach zu viele und nicht 1 Ansprechperson wie der Papst. So schnell wird sich für diese Damen aber auch nix ändern, da die Gesellschaft einfach noch ca. 100 Jahre zurück ist.

Es ist übrigends schön zu sehen, dass unsere Gesellschaft sich immer weiter von den alten Ansichten der Kirche loslöst. Letztens war sogar im ORF ein Bericht über Maria Magdalena - die keine "Schlampe" gewesen sein soll, sondern die rechte Hand von Jesus ... oder gar mehr? Jedenfalls spielte sie eine wichtige Rolle und wurde von der Kirche als "Freudenfrau" hingestellt und somit diskreditiert.

Wildhüter John
03
19.12.2008, 14:17
Ich will nicht leugnen, dass es im arabischen Raum Spannungen gibt und Politiker die Rechte der Menschen einschränken. Aber wir sollten keine Vergleiche anstellen, das bringt niemanden weiter.

Jaja das glaub ich schon. Dort wo's haarig wird, stell ma lieber keine Vergleiche an...

Rechte einschränken ist ja schon gut definiert. Ihnen werden einfach keine Rechte zugestanden. Was heisst Isl+m noch mal - "Unterwerfung". Genau das will man von der Gesellschaft. Keine Rechte. OK - ein paar halt für die Männer.

Mac Smith
59
19.12.2008, 14:12
Es ist "beeindruckend"..

..wie frei man hier seine rassistischen Resentiments pflegen und propagieren darf, wenn man nur vorgibt, gegen die Diskriminierung von Frauen zu sein.

Rassismus, Imperialismus, beleidigende Pauschalisierungen - ist das hier ein Nazi- oder ein Feministenforum?

bista
00
19.12.2008, 14:08
na dann ...

... ist ja alles in wunderbarer ordnung.

che_guevara
00
19.12.2008, 14:05
Sie sagt aber nicht warum der Schleier auf dem Vormarsch ist.

Die Frauen definieren sich über den Schleier? Warum sie das tun steht auch nicht.

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