Auch im neuen Gesundheitsministerium sieht man zu viele ungeklärte Fragen, um eine Aufnahme ins Kinderimpfprogramm zu befürworten - Dafür soll das Screening forciert werden
Gebärmutterhalskrebs ist kein sonderlich aggressiver Vertreter seiner Art. ExpertInnen nehmen einen Zeitraum von zehn bis zwanzig Jahren an, was seine Letalitätsentwicklung anbelangt. Zehn Jahre braucht es etwa, bis sich eine HPV-Infektion zur Krebsvorstufe auswachsen kann, zehn weitere, bis diese invasiv wird. Was bedeutet, dass mittels regelmäßiger Vorsorge das HPV-Gefährdungslevel einer Frau gut festzustellen ist - und nebenbei auch etwaige weitere Erkrankungen im Unterleib erkannt werden können. Auf 1000 Befunde beim PAP-Abstrich kommen etwa zehn Fehldiagnosen, was auch heißen kann, dass einer Patientin ein Krebsbefund mitgeteilt wurde, obwohl sie gesund war.
Hoffnungsträger - zurecht?
Die rückläufigen Zahlen bei der Sterblichkeit durch Gebärmutterhalskrebs bestätigen die Wirksamkeit der regelmäßig durchgeführten Abstrichuntersuchung. Aber schon der Einführung der einmal im Jahr von der Kassa übernommenen Früherkennungsmethode in den 80er Jahren wurde ein Rückgang der Erkrankung hierzulande wie generell in den Industrieländern Europas festgestellt, was auch auf die vermehrte Bereitschaft, Kondome zu verwenden, zurückgeführt werden kann. 2007 starben in Österreich 170 Frauen an Gebärmutterhalskrebs; zum Vergleich: über 1.100 an Lungenkrebs.
Dass ein Impfstoff, der diese vereinzelten schweren Erkrankungen erst gar nicht auftreten lässt, mehr als wünschenswert ist, steht außer Frage. Ob die schon seit 2007 erhältlichen Seren diese Hoffnung auch einlösen können, wird von immer mehr ExpertInnen in Zweifel gezogen.
Empfehlung ohne vorliegende Ergebnisse
So verabschiedeten erst kürzlich dreizehn deutsche Forscherinnen eine Erklärung, in der sie darauf hinweisen, dass "die entscheidende Frage der Wirksamkeit im Sinne einer Senkung der Neuerkrankungen
an Gebärmutterhalskrebs bisher nicht ausreichend geklärt und Gegenstand unzutreffender
Informationen" ist. In Deutschland ist im Gegensatz zu Österreich der HPV-Impfstoff, der von zwei führenden Pharmaunternehmen hergestellt und verkauft wird, bereits 2007 durch die Ständige Impfkommission empfohlen worden, und die Impfkosten werden zurückerstattet. Im Manifest weisen die WissenschafterInnen auf die irritierende Tatsache hin, dass zum Zeitpunkt der Empfehlung die Ergebnisse der entscheidenden Studien noch nicht publiziert waren.
Langfristige Gesundheitsrisken nicht absehbar
Bereits im Sommer haben zwei US-ForscherInnen im Fachmagazin "Science" auf die lückenhafte und nicht valide Ergebnislage bei den Studien zur Zulassung in den USA hingewiesen. Auch von Seiten österreichischer Forschungseinrichtungen wie dem Ludwig Boltzmann Instituts für Health Technology Assessment wurden kritische Stellungnahmen publiziert, die auch auf die Häufigkeit von Nebenwirkungen hinweisen, nicht zuletzt auf die im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung aufgetretenen Todesfälle junger Frauen - auch in Österreich. Es sei nicht gewiss, ob die Impfung längerfristige
Gesundheitsrisiken in sich berge, so Brigitte Piso, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Boltzmann Institut.
Dass im Rahmen der Zulassung Studienresultate über nur sechs Jahre vorliegen sowie die Alterdifferenz der Probandinnen und der Zielgruppe, an die die Seren primär verabreicht werden sollen, sind weitere Punkte, die die Forscherin alarmiert haben: So wurden die letzten Jahre 20.000 Frauen zwischen 16
und 25 getestet, 9- bis 14-Jährige stellen jedoch die eigentliche Immuniserungsgruppe, da die Impfung bestmöglich vor dem ersten Geschlechtsverkehr passieren soll. Bei den Jüngeren sei nur die Bildung von Antikörpern nach der Impfung, nicht aber die Schutzwirkung untersucht wurden, verwies Piso auf ein weiteres Datenmanko.
Alternative Vorsorge
Angesichts der unschlüssigen Situation haben sich Frauengesundheitsnetzwerke und -zentren mittlerweile zur Aufgabe gemacht, Mädchen und Frauen verstärkt über das Thema HPV und in diesem Zusammenhang über Vorsorge weniger als unterstützende Maßnahme zur Impfung denn als sicherere Alternative zu informieren - auch als Gegenpol zu den medialen Impf-Offensiven, die meist verkürzte und mitunter irreführende Inhalte böten. So kursierten zuletzt Angaben, was die Schutzwirkung der Seren anbelangt: Die Virentypen 16 und 18, gegen die beide Impfstoffe immunisieren, wurden in 70 Prozent der untersuchten krankhaften Gewebeproben von Probandinnen gefunden - woraus aber nicht sicher zu schließen ist, dass, wie es hieß, ein sicherer Schutz von 70 Prozent vorliegt. Alle etwaigen krebsauslösenden Faktoren sind noch nicht identifiziert, aber bekannt ist, dass neben den beiden Virentypen auch ein weiteres Dutzend krebserregend sein kann.
Keine Aufnahme ins Kinderimpfprogramm
Dass die HPV-Impfung demnächst auch wieder Thema der österreichischen Politik sein wird, hat dieStandard.at aus dem Gesundheitsministerium erfahren: Der Gesundheitsausschuss hat die Impfung auf die Agenda reklamiert. Das Ergebnis wird abzuwarten sein, aber aus jetziger Sicht soll die Impfung nicht ins Kinderimpfprogramm aufgenommen werden. Von anderen Impfungen wäre man schon überzeugter gewesen, da der derzeitige Stand der Forschung zu viele offene Fragen aufwerfe, so der zuständige Sprecher Dr. Klein gegenüber dieStandard.at.
Eine individuell gute Verträglichkeit würde keine allgemeine Impfpflicht rechtfertigen, vor allem, da erst in 30 Jahren valide Ergebnisse zur Wirksamkeit der Impfung zu erwarten seien, so Klein, der auch auf die Umstrittenheit des Themas in der Bevölkerung hinwies und glaubt, dass die Beteiligung am Impfprogramm keine 60 Prozent erreichen würde. Knaben nicht mitzuimpfen sei ein weiterer Punkt, der noch zu klären sei. Auch punkto Budget sieht Klein ein großes Hindernis: 90 Euro pro Dosis im Großeinkauf seien zu viel - und die Herstellerfirma rühre keinen Finger beim Preis. In Deutschland war eines der beiden HPV-Seren 2007 bereits der zweitstärkste Posten bei Kosten für Arzneimittel. Auch aus diesem Grund werde man eher Prioritäten bei anderen Impfungen setzen, wie gegen Pneumokokken. Was jedoch passieren soll, ist die Ausweitung des Screeningprogramms für die Krebsfrüherkennung - womit das Gesundheitsministerium weiterhin auf der Linie der Ex-Chefin Kdolsky fährt. (bto/dieStandard.at, 29.12.2008)
Hintergrund
Die Pharmakonzerne Sanofi Pasteur MSD und GlaxoSmithKline haben mit Gardasil bzw. Cervarix zwei Impfstoffe gegen vier bzw. zwei Humanpapilloma-Virenstämme entwickelt und nach den Zulassungsverfahren auf den Markt geworfen. Die Virentypen 16 und 18, bei welchen beide Seren Immunantworten hervorgerufen haben, wurden in 70 Prozent der untersuchten Gewebeproben von Krebspatientinnen gefunden. Gardasil schützt außerdem gegen zwei weitere HPV-Typen, die Genitalwarzen verursachen können. Beide Impfstoffe zeigen sich nur dann wirksam, wenn noch keine Infektion vorliegt.