Abrechnung mit dem Schlankheitswahn

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Claudia Maria Traint analysiert in ihrem Buch "Im Wendekreis der Waage" das gesellschaftlich tabuisierte Thema Dicksein-Adipositas-Esssucht

"'Jetzt iss nicht so viel - iss lieber einen Apfel!' Wie oft habe ich selbst diese gut gemeinten Appelle gehört. In der Schule von KollegInnen wegen des Übergewichts gehänselt zu werden, hat sich tief in meine Seele eingegraben. Abnehmen wurde zum lebensbestimmenden Auftrag", beginnt Claudia Maria Traint ihr Buch "Im Wendekreis der Waage".

Sie beschreibt, wie sie ab ihrem 13. Lebensjahr mit der ersten Diät in den Teufelskreis von strengem Fasten, Abnehmen, folgenden Heißhungerattacken und erneutem Zunehmen geraten ist: "Ich wurde immer frustrierter, mein Selbstbewusstsein konnte ich nur mehr an meinem Gewicht messen: je niedriger, umso höher".

Nach Jahren enormen Leidensdruckes hat sie sich an eine Ambulanz für Essstörungen gewandt, wo ihr die Symptome klar gemacht worden sind. Es folgten sechs Wochen stationärer Aufenthalt im Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern in Wien und unzählige Sitzungen bei einer Psychotherapeutin.

14 Jahre lang hat sich die Autorin durchs Leben geschleppt, mit dem Ziel, ihr Übergewicht zu verlieren. Dass sie an einer Essstörung, also an einem Problem der Seele, gelitten hatte, konnte sie bis zum Zeitpunkt der Therapie nicht wissen. Denn mit Essstörungen werden allgemein dünne bzw. normalgewichtige Mädchen und Frauen, die extrem fasten und / oder selbst induziert erbrechen, assoziiert. Aber sicher nicht Übergewichtige.

Dass dem so ist, verwundert nicht anhand der Tatsache, dass Adipositas in den medizinischen Diagnosekriterien für Essstörungen nicht einmal als eigenständige Diagnose erwähnt wird. Aus seelischen Hintergründen resultierendes Übergewicht wurde als Störung bisher kaum ernst genommen, sondern ganz salopp als Disziplinlosigkeit betrachtet.

Dabei gilt es mittlerweile als erwiesen, dass "Esssüchtige versuchen, durch übermäßiges Essen mit ihren Ängsten, ihrer Trauer, Wut und Einsamkeit fertig zu werden", wie es im Folder "Ich liebe mich - Ich hasse mich. Magersucht, Bulimie, Esssucht", Wien 2000, heißt. Besonders das Übergewicht von Frauen könne als sichtbares Nein-Sagen gegen das herrschende Männer- und Modediktat verstanden werden. Ein "abstoßender Fettpanzer" ein Signal sexueller Distanz sein, eine Frustschicht oder ein Schutzpanzer, jedenfalls eine Form des Protests. Und Essen als Kompensation von mangelnden psychischen und / oder physischen Streicheleinheiten gesehen werden.

Claudia Maria Traint hat ihre eigene Betroffenheit zum Anlass genommen, ihre Diplomarbeit diesem Thema zu widmen. Im vorliegenden Buch liegt die Überarbeitung vor. Neben einer umfassenden Analyse von Schlankheitswahn und Schönheitsindustrie besticht dieses Werk vor allem durch die Beschäftigung mit dem gesellschaftlich tabuisierten Thema Übergewicht, das nur selten in Büchern über Essstörungen anzutreffen ist. (dabu/dieStandard.at, 22.01.2009)

 

Claudia M. Traint:
Im Wendekreis der Waage
Eine Abrechnung mit Schlankheitswahn & Schönheitsindustrie
Milena Verlag 2008
ISBN 978-3-85286-171-5
Euro 14,50

Buchpräsentation: 03.03.2009, 19:00 Uhr
Ort: Rathaus, Stiege 8, "Grauer Salon" - Raum 319, Eingang Rathaus über Lichtenfelsgasse
Austausch- und Kennenlernen beim anschließenden Buffet.

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