Rezension

"Eher King Kong als Kate Moss"

24. Februar 2009, 17:50
  • Artikelbild

    Virginie Despentes: "Man muss sich mal klarmachen, was eine Frau sich alles anhören muss, sobald sie nur ein kleines bisschen den Mund aufmacht."

"Ich empfinde nicht die Bohne von Schamgefühl, dass ich nicht der arschgeile Fegerscharf bin" - Virginies Despentes Essay-Sammlung "King Kong Theorie"

"Ich schreibe aus der Ecke der Hässlichen" beginnt Virginie Despentes ihr aktuelles Buch "King Kong Theorie". Die "Ecke" aus der Despentes schreibt, ist aber auch die der Sexarbeiterin, der Vergewaltigten, der Feministin, der Schriftstellerin, der Arbeiterin, der Regisseurin und vor allem die der wütenden Frauen. Vor einem autobiographischen Hintergrund behandelt sie in ihren feministischen Essays Vergewaltigung, Sexarbeit, "Schönsein" oder was es heißt, es nicht zu sein, Geld und Sexualität. Den roten Faden für diese Themen liefert Despentes Leben: Mit siebzehn von drei Männern vergewaltigt, worüber sie lange schwieg. Ihr Leben als Sexarbeiterin und schließlich als "Skandalautorin" und öffentliche Person. Ihr Debütroman "Baise-moi - Fick mich" (1994) wurde 2000 verfilmt. Despentes selbst führte Regie bei dem Film, der in Österreich im Programmkino lief und in Frankreich nur im Pornokino gezeigt werden durfte. Begleitet von expliziter Sprache und Sexszenen morden sich darin die Hauptfiguren Manu und Nadin sexhungrig, kaltblütig und grausam durch den Film.

Nicht lange abwägen

Auch in ihrem Buch "King Kong Theorie" hält sich Despentes nicht damit auf, Begriffe abzuwägen und Vorsicht bei Themen wie Vergewaltigung oder Sexarbeit walten zu lassen. In einem Interview mit Tim Stüttgen meinte Despentes, sie wollte eine Sprache finden, die direkt ansprechen soll. Beim Lesen der Essays erscheint es aber schier unmöglich, dass es überhaupt eine andere Sprache für Despentes "King Kong Theorie" geben kann. Die feministischen Anliegen Despentes sind zwar nicht neu, die Geschichten, mit denen sie aber den Status quo beschreibt, machen eine derart sauer, dass sich auch ihre schnörkellose Sprache ("keine Leuchte", "dumme Nuss") genau als die Richtige erweist. So berichtet "King Kong Theorie" etwa von einer Journalistin, die ein Buch über eine Vergewaltigung wegen ihrer "würdevollen Wortwahl" lobt. Die Journalistin wollte damit einen Vergleich mit Despentes lauter, gewalttätiger filmischer Abrechnung in "Baise-moi" ziehen. "Ich komme als Opfer eben nicht unauffällig genug rüber", so Despentes Reaktion auf die Anspielung  der Journalistin, wie frau als Opfer sein sollte.

"Mehr Frau sein"

So unerschrocken Virginie Despentes meist daherkam, in ihren Essays erfahren wir, dass selbst sie irgendwann mehr "wie eine Frau sein wollte". Für Despentes bedeutet das: "Ein Kind haben wollen. Alles so wie die anderen machen. Nach dem Filmskandal. Etwas mehr in den Kulissen verschwinden. Erst einmal abwarten. Zu trinken aufhören." Oder: "Nicht mit jedem x-Beliebigen in die Kiste steigen. Meinem Nebenmann den Arm um die Schulter legen, Lärm machen, zu laut lachen." All das, was sie auch "Zwangsmaskeraden" nennt. Maskeraden, denen sie auch Männer ausgesetzt sieht, Mitleid gibt es aber dennoch keines: "Jeder dahergelaufene Schwachkopf, vor lauter Alkohol rot angelaufen, glatzköpfig, Fettwanst und ungepflegtes Äußeres, darf sich über das Aussehen von Frauen alle möglichen Bemerkungen herausnehmen, äußerst unangenehme Bemerkungen, wenn er sie nicht sexy genug findet, oder völlig widerliche Bemerkungen, sofern er unzufrieden ist, weil er sie nicht in die Kiste kriegt."

Um ihre Essays auch theoretisch zu verorten, leitet sie sie mit kurzen Textabschnitten berühmter Feministinnen ein: Simone de Beauvoir, Annie Sprinkle, Angela Davis oder Virginia Woolf. Den Rat von Woolf nahm sich Despentes besonders zu Herzen: "Die oberste Pflicht einer Schriftstellerin ist es, die Hausmütterchenseele in ihr zu töten." (beaha, dieStandard.at, 24.2.2009)

Info:

"King Kong Theorie", Berlin Verlag, 2007, ISBN 3827007550, 9,20 EUR

Bücher von Virginie Despentes:
- Baise-moi - Fick mich. Rowohlt, 2002, ISBN 3499231352.
- Die Unberührte. Rowohlt, 1999, ISBN 3499229110.
- Pauline und Claudine. Rowohlt, 2001, ISBN 3499226472.
- Teen spirit. Rowohlt, 2003, ISBN 3499234068.
- Bye bye Blondie. Rowohlt, 2006, ISBN 3499241625.

  • Richtig bitterfotzig

    TitelbildIhr subjektiver Aufschrei aus der Kleinfamilien-Hölle ließ in Schweden kaum jemand kalt: Nun ist die "Bitterfotze" von Maria Sveland auch auf Deutsch erschienen

  • Die Maus in der Hand

    Dorfeskälte: Evelyn Grills neu aufgelegter Roman über eine problematische Zweisamkeit und menschliche Abgründe

  • Kurzer Abriss meines Lebens

    TitelbildDie schicksalhafte Geschichte dreier Frauen zwischen der mongolischen Steppe und der modernen Stadt Ulan Bator

  • "Eher King Kong als Kate Moss"

  • Der Abend danach

    TitelbildMarlene Streeruwitz beschreibt in ihrem neuesten Buch Gedanken und Gefühle nach dem Begräbnis der besten Freundin

  • Istanbul sehen und sterben

    Ein tragikomischer Fiktion-Roman der Autorin Hülya Özkan

  • "Niederungen"

    TitelbildHerta Müllers Buch mit grauenhaften, bizarren und doch so wahren Geschichten aus dem dörflichen Leben wieder gelesen

  • Mutter Tochter Unglück

    "Das Leben meiner Mutter": Die Kindheits- und Jugenderinnerungen von Doris Lessing sind soeben als Hörbuch erschienen

  • "Warum hast du geweint"

    TitelbildDace Ruksanes erster übersetzter Roman handelt vom Leben einer jungen Frau in Lettland

  • Überleben ohne Kompass

    Marlene Streeruwitz schickt in ihrem Roman eine Arbeitslose nach London

  • Die Unbehüteten

    TitelbildAgnes Gergely erzählt in ihrem Roman eine ungewöhnliche Geschichte in bemerkenswerter Sprachmelodie

  • Verfall und Verrat

    Die indische Autorin Kiran Desai über Identität, Würde und Konflikte auf dem Dach der Welt

  • Die Zeit und Hannah

    TitelbildJutta Treiber erzählt in ihrem Roman die Lebensgeschichte einer Frau in drei Jahrzehnteblöcken

  • Großformatige Frauenbilder

    Fotoband über 48 Europäerinnen aus Politik, Kultur und Wirtschaft von Bettina Flitner

  • Vom Wüten, Fürchten und Rechthaben

    TitelbildMargit Schreiner schont in ihrem neuen Roman "Haus, Friedens, Bruch" niemanden - auch sich selbst nicht

  • Was ist "deutsche Lebensart"?

    "Eines Dienstags beschloss meine Mutter Deutsche zu werden" ist ein satirischer Einbürgerungsroman

  • Die schmutzige Frau

    TitelbildEin fiktiver Roman von Claudia Redlhammer, der auf irreal scheinenden, jedoch ganz und gar realen Geschichten basiert

  • Jenseits der eigenen Hände

    In ihrem Debüt-Roman erzählt Gerda Sengstbratl die Geschichte von Lene zwischen Tag- und Traumbewusstsein

  • Fragen an Paula Modersohn-Becker

    Titelbild"Warum leuchten deine Farben so": Das informative und wunderschöne Mädchenbuch beleuchtet das Leben der Künstlerin

  • Große Frauen Afrikas

    Königinnen, Kriegerinnen, Amazonen, religiöse und widerständige Frauen - Sylvia Serbin stellt große Frauen der Weltgeschichte vor

  • Nicht immer ist weniger mehr

    TitelbildMehrere Empfehlungen: Gespräche mit österreichischen Autorinnen, Bauhaus-Photomontagen von Marianne Brandt, Gendertronics, Reise durch Musikgeschichte und zeitlose Autorinnen-Porträts

  • Das Haar der Berenice

    Die polnische Autorin Olga Tokarczuk bewegt sich mit ihren "Letzten Geschichten" im Grenzland zwischen Leben und Tod

  • Vorhang auf und raus ins Licht

    TitelbildBühnenfrauen, die Geschichte schrieben: ein Buch mit 15 Porträts markanter Theatermacherinnen von gestern bis heute

  • Im Namen der Tochter

    Isabella Rossellini erinnert sich an ihren Vater Roberto Rossellini und ihre Mutter Ingrid Bergmann

  • Leidenschaft im Dienste ihrer Majestät

    TitelbildKöniginnen, die sich Liebhaber nahmen, riskierten dafür nicht selten Kopf und Kragen - ein Streifzug durch die höfische Geschichte

  • Mord, Tee und Gärten

    Mit "Karneval der Toten" legt die amerikanische Autorin Martha Grimes ein - nicht allzu spannendes - Werk auf hohem Niveau vor

  • "Mrs. Medina" in Leidenschaft

    TitelbildDer Roman von Ann Wadsworth um eine ältere Frau ist aus mehreren Gründen bemerkenswert

  • Amerikanische Albträume

    Judy Budnitz erzählt vom unheimlichen Fremden und düsteren Fantasien

  • Laut leben

    Neue Biografie "Die göttliche Marchesa" gibt Einblick in das glamouröse Leben der Marchesa Luisa Casati (1881-1957)

  • Fremde Riesen auf Durchreise

    In ihrem Roman "Zwei Leben und ein Tag" verknüpft Anna Mitgutsch die Lebensläufe dreier Menschen mit der Biografie von Herman Melville

  • Einen Platz finden in der Welt

    Anna Mitgutschs Suche nach einem Ort zum Bleiben und der Schatten Herman Melvilles

  • Leben und Tod sind Zufälle

    Sabine Grubers neuer Roman verknüpft kunstvoll zwei Frauenleben

  • Buchtipp

    In den Schoß gelegtes Kunstereignis

    TitelbildEin neuer Bildband von Ulrike Müller ruft die Bauhaus-Frauen - Meisterinnen in Kunst, Handwerk und Design - in Erinnerung

  • Ansichtssache

    "Jedes Gesicht ist unser Gesicht"

    TitelbildUnsere - noch - unbekannten Nachbarinnen - Eine Porträt-Galerie ungarischer Frauen

druckenweitersagen: