
Bitterfotze
von Maria Sveland, Übersetzung aus dem Schwedischen: Regine Elsässer
Kiepenheuer & Witsch Verlag, 272 Seiten, 2009
ISBN-13: 978-3462040838

Liebe - kann es sie in nicht gleichberechtigten Beziehungen überhaupt geben?, fragt Maria Sveland in ihrem Roman.
Die "Normalität" macht aus jeder Frau eine Bitterfotze - zu dieser Erkenntnis gelangt die 30-jährige Sara, als sie ihre Situation als junge Mutter im Schweden der 00er rekapituliert. Die Reflexion, es ist keine freiwillige, drängt sich auf durch ihre festgefahrene Lebenssituation: 30, seit mehreren Jahren verheiratet, ein zweijähriges Kind, den Wunsch nach der Erfüllung im Beruf nicht aufgegeben. Schließlich ist der Punkt gekommen, als sich Sara eine Auszeit von Mann und Kind nimmt, um in Teneriffa Klartext zu schaffen, über ihre eigene Situation und den Konsequenzen, die sie bereithält. Da diese Auseinandersetzung nicht nur private Einsichten bringt, sondern auch die vermeintlich gleichberechtigte schwedische Gesellschaft attackiert, lässt es sich erahnen, dass "Bitterfotze" neben einem gut abgehangenen Stück Prosa auch ein feministisches Manifest ist.
Bitterfotzen überall
In der Geschichte von Sara gibt es einige Parallelen zum Leben der jungen schwedischen Autorin Maria Sveland. Auch sie ist verheiratet, Mutter zweier Kleinkinder und beruflich aktiv. Trotzdem will sie ihren Debütroman nicht als autobiographisch verstanden wissen. "Zunächst wollte ich ein Sachbuch schreiben, da ich ja auch Journalistin bin, aber ich habe schnell gemerkt, dass ich meine Standpunkte effizienter darstellen kann, wenn ich die Fiktion nutze", meint sie zur Erklärung der Form. In knappen Sätzen illustriert sie die Gedankenwelt einer Frau, die das Leben ablehnt, in dem sie spätestens seit ihrer Mutterschaft steckt: Aufgesogen zwischen den ungerechten Ansprüchen einer Gesellschaft, was die Elternschaft betrifft und den eigenen internalisierten Bildern von "idealen Müttern" und gleichberechtigten Beziehungen. Es sind die Parallelen der Erfahrungen von jungen Müttern, die die Stockholmerin in ihrem Debütroman direkt und zornig illustriert und es ist die Kraft der Fiktion, die es ermöglicht, aus einem so präsenten und unglamourösen Thema wie Vereinbarkeit von Beruf und Familie einen Bestseller-Roman zu zimmern.
Reaktion auf kranke Gesellschaft
Nicht geschadet haben dürfte ihr, die Wortkreation "Bitterfotze" als Titel des Romans zu wählen. Sveland sieht den Begriff allerdings nicht als PR-Gag, sondern als "Selbstverteidigung": "Eine Bitterfotze ist das Gegenteil einer weiblichen Märtyrerin. Sie ist jemand, die die Schnauze voll hat, die ihren Ärger ernst nimmt und ihn nutzt, um Ungerechtigkeiten konstruktiv entgegenzutreten. Sie ist eine Reaktion auf eine kranke Gesellschaft." Was liegt da näher, als die diffamierenden Beschreibung von Feministinnen als "bitter" und "Fotze" in eine Kampfansage zu packen?
Und in der Tat kreisen die fast 300 Seiten des Romans um diesen Begriff, um einen bestimmten Typus Mensch, der sich dahinter verbirgt: Frauen, die verbittert sind, aber es nicht sein wollen, Frauen, die aber auch nicht mehr über die vielen persönlichen und strukturellen Benachteiligungen und Demütigungen hinwegsehen wollen, die ein Frauenleben beinhaltet und meist in der Geburt eines Kindes gipfelt: Spätestens dann wird klar, dass die Gesellschaft für Männer und Frauen unterschiedliche Rollen vorgesehen hat:
Das fängt bei der Still-Frage an und endet mit der Bereitschaft, die Fassade einer gleichberechtigten Beziehung aufrechtzuerhalten, auch wenn klar ist, dass das Leben des Vaters mehr oder weniger gleich weitergeht, während sich das der Mutter vollkommen ändert. Sveland schildert diese schleichende Veränderung mit einer derart druckvollen und meinungsstarken Sprache, dass es der Leserin schwerfällt, nicht Stellung zu beziehen zu den Rollenverteilungen und Ansprüchen, die sich im eigenen Beziehungs-, Familien- und Berufsalltag zeigen. Ihre Analysen zu Liebe, Elternschaft und Ehe stellt sie gekonnt in Beziehung zu Modellen aus den 1970ern, als "Selbstbestimmung" und "Emanzipation" für Frauen noch weitaus offenere und wohl auch kraftvollere Begriffe waren.
Kniefall vor Vätern
Als ob ein Agitationsroman wie "Bitterfotze" noch nicht reichen würde lässt Sveland auch in Interviews keine Gelegenheit aus, den Ruf Schwedens als Vorzeigeland der Gleichberechtigung zu berichtigen: Natürlich sei ihr Land im Vergleich zu anderen fortschrittlich, doch diese Selbstwahrnehmung würde bei den Mächtigen oft auch als Ausrede dazu benützt, keine weiteren Anstrengungen für tatsächliche Gleichberechtigung zu unternehmen, lautet ihr Urteil. Sie beanstandet, dass die schwedische Gesellschaft einen Kniefall vor Vätern macht, die zwei Monate in Karenz gehen, während Frauen nach wie vor die gesamte Verantwortung für die Erziehung zugeschoben wird. Und sie wünscht sich, dass die Gesellschaft endlich anfange "über Elternschaft anstatt immer nur über Mutterschaft zu reden".
In Deutschland hat man für Svelands Bestseller schon ein Etikett gefunden, das aufgrund seiner Aussagelosigkeit eigentlich für alle Bücher von Frauen herangezogen werden könnte: "Neue Weiblichkeit" nennt beispielsweise der "Stern" Svelands bitterfotzige Abrechnung und stellt es in eine Reihe mit Charlotte Roches "Feuchtgebiete" oder auch Rebecca Martins Überraschungserfolg "Frühling und so". Fraglich, was Roches Anal-Beschau und Martins Teenie-Erotik-Prosa mit einer profunden Gesellschaftsanalyse zu tun hat, wie Sveland sie hier trotz der streng subjektiven Zugangsweise vorlegt.
Letztere macht gerade den Reiz der Lektüre von "Bitterfotze" aus, weil sie permanent die Frage ermöglicht, inwieweit sich ihre Eindrücke verallgemeinern ließen. Svelands Darstellungen ihrer Schuldgefühle gegenüber dem Neugeborenen, es auch nur eine Nacht in der Obhut des Vaters zu lassen, gäben etwa Anlass für den Einwand, inwieweit sich Mütter diesen Stress, unersetzlich zu sein, nicht auch selbst machen. An solchen Stellen wir deutlich, dass der emanzipatorisch-feministische Impetus von "Bitterfotze" einer aus der gesellschaftlichen Mitte ist. Aber dort sind Diskussionen dieser Art bekanntlich auch besonders wichtig. (freu, dieStandard.at, 22.3.2009)
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Ich habe "Bitterfotze" kürzlich gelesen und bin hoch begeistert. Eine lebensnahe klarsichtige Analyse welche die gesellschaftlichen Rollenzuschreibungen bezüglich Elternschaft hinterfragt und auch mit Selbstkritik und Ironie besticht. Gleichzeitig ist in den Schilderungen auch viel an feministischer Theorieerkenntnis enthalten. Absolut empfehlenswert und bereichernd!
So, ich als Vater sag Euch jetzt wie's ist: Wenn man Kinder hat ist's für Frauen UND Männer, welche das Kinder haben ernst nehmen, mit der Freiheit mal für ein Zeitel vorbei. Überlegt es euch also gut, ob ihr damit leben könnt, aber jammerts dann nicht dauernd rum und gebts nicht immer alles und jedem (die Gesellschaft, die Männer im Allgemeinen, der liebe gott, sonstwer, ...) die Schuld daran. Wer's nicht haben will, solls lassen und sein Glück woanders suchen .
ich kann es vollkommen verstehen, dass menschen sich eine auszeit nehmen und finde es vollkommen legitim!!!
ne frau die immer das macht was ihr von der gesellschaft, dem umfeld usw. vorgeschrieben wird, und die unglücklich ist, da passierts leicht, dass frauen krank werden - psychisch und körperlich. was ich extrem arg finde.
jeder mensch hat das recht glücklich zu sein! und die gesellschaft legt uns leider bestimmte normen und werte vor - v.a. bzgl des geschlechterverhaltens, die es menschen sehr schwer machen, glücklich zu sein!! und sich dieser einschränkungen bewusst zu werden und endlich seinen_ihren weg zu gehen, finde ich wahnsinnig mutig!!!
V.a. weil frau_man da immer mit Unverständnbis, komisch angeschaut werden usw zu rechnen ha
Also,
ich finde es vollkommen legitim, sich eine Auszeit zu nehmen. Wenn frau_man dies tut, dann sollte sie natürlich überlegen, was dies bedeutet - aaaaber -
was ist besser - ne frau die mal weg is oder ne frau die, weil sie sich nicht im klaren über dinge ist - krank wird und dann vielleicht sogar stirbt oder ein pflegefall???
also, ich kann nur sagen, dass ich diese menschen vollkommen verstehe und ich es unabdingbar finde, dass vor allem frauen - denen ein bestimmtes denken eingebläut wird (mutterschaft..) - sich eine auszeit nehmen um sich ihrer rolle - ihrer selbst, ihrer wünsche usw.- klar zu werden!!!!
Ich finde es sehr mutig, diesen schritt zu tun!!! Vor allem weil frau mit stigmatisierung (rabenmutter usw.) zu rechnen hat!!!!!!
wie das wäre, wenn ein Mann, genervt durch den Anspruch seiner kinderbetreuenden Frau, sie gleichzeitig mit genug Kohle für ein luxuriöses Lebn zu versorgen und noch im Haushalt mitzuhelfen, mal eben die Familie verlässt, um sich in Teneriffa "eine Auszeit von Frau und Kind zu nehmen".
sondern nehmen sich täglich ihre Auszeit im Büro, wo sie angeblich mehr als 60 - 80 Stunden pro Woch hacklen, sowas kann keiner leisten, alle Frauen mit Kindern und Atbeit die ich kenne, haben so ein enges Zeitmanagement und stopfen ein Riesenarbeitspensum in wenig Stunden, die meisten Männer sagen immer nur, es geht sich nicht früher aus, schatz......
Wenn man(n) dann geschlaucht nach Hause kommt, ist zwar der Kühlschrank leer, aber die Frau erzählt vom Nachmittag am Spielplatz, wo sie sich mit den anderen Frauen gut unterhalten hat über die bösen Männer und die Ungerechtigkeit der Welt.
Angeblich soll es auch das geben. Das könnte man(n) jetzt auch zu einem Vorurteil verallgemeinern.
Nein, aber Männern wird eher Verständnis für dieses Verhalten entgegengebracht. "Ein Mann brauch halt seine Freiheit!" Eine Mutter, die das tut, ist automatisch eine Rabenmutter.
Verstehen Sie mich nicht falsch, ich finde weder Mütter noch Väter sollten ihre Familie verlassen.
Klar muß manches hinterfragt werden. Aber gebildete, emanzipierte Frauen sollten doch in der Lage sein, es sich auszusuchen. Ich kann nicht heute ein Kind bekommen und es morgen abschieben - nur weil ich meine Freiheit haben will. Ich heirate doch keinen Mann, von dem ich dann die Schnauze voll habe. Ja, die Väter mögen es idealtypisch leichter haben, ihr Leben weiter leben zu können. Aber Frauen können das auch. Und wenn sie das mit einer Familie nicht zusammenbringen, sollten sie letzteres doch einfach sein lassen, anstatt andere (v.a. Kinder) da mit rein zu reiten.
hat ein Recht auf Erholung. Wenn diese darin besteht, ein paar Tage weg von der Familie zu sein, ist das zu respektieren. Kein Kind wir psychisch krank, wenn es ein paar Tage ohne Mutter bleibt. Wenn die Mutter z. B. ins Krankenhaus muss, geht es ja auch. Und manchmal lernt der Vater in so einer "allein mit dem Kind-Woche" einiges dazu. Das hat noch keinem geschadet.
glauben Sie mir, Frauen (und vermutlich auch Männer) stellen sich das alles ganz anders vor, als wie es sich dann leider oft entwickelt...und auch als gebildete emanzipierte Frau, hab ich weniger Chancen am Arbeitsmarkt, bekomm weniger gezahlt und mein Partner weigert sich länger in Karenz zu gehen, aus vielen vermeintlich einleuchtenden Gründen....
das können Sie noch so planen, es kommt dann meist anders als frau denkt...
Leider treten unsere Vorstellungen von der eigenen Zukunft selten 1:1 ein. Das Leben nimmt ungefragt drastische Wendungen - beruflich, gesundheitlich usw. Lebenspartner entwickeln sich nicht immer synchron. - Ich finde es nicht ganz fair zu sagen: "Das hättest du aber vorher wissen müssen, wie es dir in 10 Jahren gehen wird und ob eure Beziehung krisenfest sein wird."
dann hätten diese vielleicht mal untereinander reden sollen bevor sie sich für ein kind entschieden haben.
daß ein kind viel arbeit macht, das hätten einem dann die,die schon eltern geworden sind, erzählen können.
das bekomme ja sogar ich mit obwohl mich kinder nicht wirklich intressieren.
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