Sie ist dick, lesbisch und rasiert sich weder Beine noch Achseln - Trotzdem ist die Sängerin Beth Ditto die neue Ikone der Modewelt
Wie das möglich ist, fragt Stephan Hilpold.
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Es gehört zu den Eigenarten der Mode, dass sie in regelmäßigen Abständen neue Modeprinzessinnen kürt. Sie müssen frisch und unverbraucht sein und für einen besonderen Lebensstil stehen. Stilikone, sagte man früher zu ihnen, heute verwendet man das Wort It-Girl. Besondere Eigenschaften oder ein außergewöhnlicher Notendurchschnitt werden von ihnen nicht verlangt.
Es reicht, dass sie schön anzusehen sind und mit Jungdesignern um die Londoner Häuserblocks ziehen (Agyness Deyn), dass sie im richtigen Moment aus einer Torte hüpfen (Dita von Teese) oder wegen ihrer knochigen Hüften Magersuchtgerüchte nähren (Victoria Beckham). Nach einigen Saisonen verschwinden sie bei den Laufstegschauen wieder aus der ersten Reihe, und die Mode macht sich auf die Suche nach einem neuen Mädchen, auf das sie ihre Vorstellungen vom perfekten Stil projizieren kann.
Eichhörnchen zum Abendessen
In dieser Saison ist man bei Beth Ditto angekommen. Sie ist klein und dick, lesbisch und vorlaut, rasiert sich weder Beine noch Achseln und soll in ihrer Jugend in einer Wohnwagensiedlung in Arkansas auch schon einmal Eichhörnchen zum Abendessen verspeist haben. Wer nur ein Mal eine Modeanzeige in einem Hochglanzmagazin gesehen hat, weiß, dass die Frauenfantasien der Designer anders aussehen. Ganz anders.
Statt zur Ernährungsberatung geht Beth Ditto trotzdem zur Präsentation der schönsten Designerteile. Bei der Pariser Modewoche adelte die Frontfrau der Formation "The Gossip" die Modeschauen von Chanel genauso wie jene von Stella McCartney. Bei Fendi trat sie bei der Party nach der Show auf. Dabei riss sie sich die schöne weiße Lagerfeld-Robe vom schweißüberströmten Leib und rockte das Publikum in glitzernden Dessous. Die beste Party der Modewoche, hieß es nachher, und manch einer fragte sich, was bloß in die Modemenschen gefahren ist, deren Welt bei Größe 38 normalerweise zu existieren aufhört. Oder anders gefragt: Was hat Frau Ditto, was auch die Mode möchte?
Splitterfasernackt auf dem Cover von Magazinen
"Sie sagt Sachen, die daneben sind. Sie schaut daneben aus. Aber sie bringt uns zum Nachdenken, was richtig und was falsch ist." So begründete die in der Modewelt ziemlich wichtige englische Stylistin Katie Grand ihre Entscheidung, Ditto im Februar auf dem Cover ihres neuen Modemagazins Love zu zeigen. Splitterfasernackt posierte das Punk-Girl da in seiner ganzen Fleischespracht. Das hatte sie bereits einmal gemacht, für das englische Musikmagazin New Musical Express. Beide Male waren die Reaktionen überwältigend. In Blogs liefen die Diskussionen heiß, es wurde diskutiert, warum zwar jedes Speckröllchen, aber nicht die Nippel zu sehen sind, ob das jetzt eine Absage an die Size-zero-Mädchen wäre oder im Gegenteil eine Art Feigenblatt, mit dem die Mode ihr krankes Schlankheitsideal verdeckt. Am erstauntesten, so scheint es, ist die Modewelt selbst, dass es jemand wie Ditto in ihre eigenen Reihen schafft.
Andere mussten sich dafür ganz schön verbiegen. Bevor die Rapperin Missy Elliott einer Modelinie bei Adidas ihren Namen lieh, hungerte sie ihre Kurven weg. Das würde Beth Ditto nicht einmal im Traum einfallen. Cellulite? Kein Problem. Ditto steht zu ihrem Körper. Mehr noch: Bei Konzerten zwängt sie sich in wurstförmige Kleider, sie trägt Minis und Leggings oder fallweise auch schon einmal gar nichts. Als sie die britische Modekette Topshop bat, genauso wie ihre Busenfreundin Kate Moss eine eigene Kollektion zu entwerfen, lehnte sie mit der Begründung ab, dass Mädchen wie sie bei Topshop nicht erwünscht seien. Sie würden in die angebotenen Kleider schlichtweg nicht hineinpassen.
Mittlerweile unterschrieb sie einen Vertrag mit Evans, einer Kette mit Mode für Übergewichtige. In Interviews spricht sie immer wieder davon, einen Stilratgeber für Übergewichtige zu schreiben. Keine Frage: Beth Ditto hat eine Mission. Sie ist ein Vorbild, auch wenn sie dieses Wort in Interviews weit von sich weist. Sie erzählt von ihrer schwierigen Jugend im Bible Belt, und wie allein sie sich als Lesbierin dort gefühlt hat, sie spricht von all den Burschen im Popgeschäft, die Frauen nicht so wirklich anerkennen würden, sie kritisiert den Magerwahn in unserer Gesellschaft, und sie war eine der prominenten Stimmen gegen George W. Bush.
Protesthymne gegen Ablehnung der Homo-Ehe
Mit der Protesthymne gegen ihn und die Republikaner, die die Homo-Ehe ablehnen, sind Beth Ditto und ihre Band auch im Mainstream bekannt geworden. "Standing in the Way of Control" heißt das Lied (und die Platte), mit denen Gossip den Sprung über den Atlantik und in die Heteroclubs schafften. Aus der Szenegröße wurde eine Große der Popszene. Das war der Moment, in dem die Mode auf sie aufmerksam wurde.
Anders als bei Amy Winehouse, die noch vor einem Jahr der Darling der Branche war und der Karl Lagerfeld sogar eine Kollektion widmete, ist der Protest bei Ditto mit Inhalten verbunden. Winehouse ist rotzfrech und nimmt Drogen. Recht viel mehr ist da nicht. Mit Beth Ditto bekommt die Mode selbst ein Anliegen. Das hat sie dringend nötig. Die Zeit der wandelnden Kleiderständer von Paris Hilton bis Mischa Barton ist vorbei. Die Modebranche befindet sich in der schwersten Krise, seit sie auf dem Laufsteg laufen lernte. Eine neue Ernsthaftigkeit greift um sich.
Da kommt ein kugelrundes, 1,60 Meter großes Mädchen aus Arkansas gerade recht. Seit Jahren ist sie mit Freddie zusammen, der oder die sich, was die geschlechtliche Zuordnung betrifft, nicht entscheiden will. Muss man ja auch nicht, sagt Beth Ditto. Jeder solle sich seine Freiheiten nehmen. In der von Normen dominierten Mode ist das eine kleine Revolution. (Stephan Hilpold/Der Standard/rondo/03/04/2009)