
Juli Zeh: "Finde die Trennung zwischen 'Fiktion' und 'Realität' äußerst problematisch."

Auf welchen Überzeugungen, Normen und Werten beruht unsere Gesellschaft in nicht allzu ferner Zukunft? In ihrem neuen Roman "Corpus Delicti. Ein Prozess" manövriert die deutsche Autorin Juli Zeh die Zivilisation in ein Zwangskorsett, das in seinen seidenen Gewändern heute (noch) als höchst begehrenswert erscheint. Das, was die Menschen im Jahr 2057 beschäftigt, sind nicht etwa Religionen, Kulturen oder Geschlechterverhältnisse, sondern ihre höchstpersönliche Gesundheit und sonst gar nichts. Die Sorge und die Pflege des eigenen Körpers ist zur obersten BürgerInnen-Pflicht geworden, die durch eine strenge Überwachung der Körperwerte und einem straff organisierten Sport- und Ernährungsplan sichergestellt wird. Mit der Roman-Figur Mia Holl lässt Zeh die LeserInnen an der Wandlung einer Normal-Bürgerin zur "Methode"-Gegnerin, so wie das System zu dieser Zeit genannt wird, teilhaben. Dabei übernimmt Zeh wie schon bei einigen ihrer anderen Bücher die Argumentationsweisen der Justiz, um die menschenfeindliche Aspekte eines Systems, das "den Geist gegen den Körper verraten hat", auszuverhandeln.
Die Kritik hat Zehs neuestes Werk mitunter nicht freundlich behandelt: von einem Roman, der viel zu offensichtlich mit dem moralischen Zeigefinger winkt und dem die Umarbeitung aus einem Theaterstück unschwer abzulesen ist, ist da die Rede. Allerdings gelingt es Zeh in "Corpus Delicti", Phänomene, die wir heute bereits wahrnehmen - Körperzentrierung, strengere Körpernormierungen und die zunehmende Vorsorge um und Investitionen in die eigene Gesundheit - auf bestechende Weise zuzuspitzen. Im Gespräch mit dieStandard.at erläutert die studierte Juristin ihren Begriff von Freiheit und warum selbst juristische Gutachten "Fiktion" beinhalten:
dieStandard.at: Frau Zeh, nehmen sie persönlich medizinische Vorsorge in Anspruch?
Juli Zeh: Nein, bis jetzt nicht.
dieStandard.at: Ihr neuer Roman "corpus delicti" spielt im Jahr 2057, also ca. 50 Jahre nach unserer Zeit. Warum haben Sie diesen doch recht überschaubaren Zeitunterschied gewählt?
Juli Zeh: Da die gezeigte Welt der unseren gleicht, aber eben nicht bis aufs Haar, wollte ich es zeitlich ein wenig von unserer Realität entfernen.
dieStandard.at: Ihr Roman ist also Kulturkritik gegenüber der Jetztzeit?
Juli Zeh: Es ist in jeder Hinsicht Kritik gegenüber der Jetztzeit. Die Zukunft lässt sich nur schwer kritisieren.
dieStandard.at: Wären Sie damit einverstanden, wenn man ihren Griff in die Zukunft weniger als Genre-Roman der "Science Fiction" sondern als Kunstgriff zur Abstraktion beschreiben würde?
Juli Zeh: Genauso würde ich das sehen. Allerdings sind wohl auch klassische Science-Fiction-Romane wenigstens zum Teil von einem solchen Kunstgriff getragen. Die Zukunft würde uns nicht interessieren, wenn sie nichts mit der Gegenwart zu tun hätte.
dieStandard.at: Ihr früherer Berufswunsch war Journalistin. Studiert haben sie dann Jus. Welchen Stellenwert hat die 'Fiktion' in diesem Setting?
Juli Zeh: Ich finde die Trennung zwischen 'Fiktion' und 'Realität' äußerst problematisch. Spätestens, wenn der Mensch zu reden oder zu schreiben beginnt, erzeugt er durch seinen notwendig ausschließlich subjektiven Blickwinkel immer (auch) 'Fiktion' - selbst dann, wenn er juristische Gutachten oder Urteile schreibt.
dieStandard.at: Die schwedische Autorin Maria Sveland schreibt Fiktion, um alle Aspekte von Wirklichkeit (eines sozialen/politischen Problems) fassen zu können, wie sie sagt. Können Sie sich mit diesem Ansatz anfreunden?
Juli Zeh: Ich finde ihn ziemlich vermessen. Was wären denn "alle" Aspekte von Wirklichkeit? Mein Eindruck ist eher, dass das Schreiben der Wirklichkeit etwas hinzufügt und dass dieses "Etwas" vielleicht hier und da als Erkenntnishilfe dienen kann.
dieStandard.at: Ihr Freiheitsbegriff entspringt einer liberalen Tradition, in der die Rechte des Individuums von den totalitären Tendenzen des Staates geschützt werden müssen. Sind wir heute noch frei, im Sinn von autonom - und in 50 Jahren nicht mehr?
Juli Zeh: Keine Ahnung, was in 50 Jahren sein wird, ich bin kein Hellseher. Ich will vor allem darauf hinweisen, dass kritisches Denken niemals veraltet sein kann, es muss immer weider neu begonnen werden. Es gefährdet die Freiheit, wenn man glaubt, das Zeitalter der Kritik sei vorbei.
dieStandard.at: Foucault hat vor 30 Jahren diagnostiziert, dass die 'Freiheit' der Individuen eine Form der Selbstregierung impliziert, die mit gröberen Herrschaftsinteressen etwa des Staates einhergeht. Kann es für Sie ein zu viel an Eigenverantwortung für die Individuen geben?
Juli Zeh: Zu viel an Eigenverantwortung kann es nicht geben. Aber man muss mit dem Begriff aufpassen: Manchmal wird er als Euphemismus verwendet in der Politik. Dann soll 'Eigenverantwortung' kaschieren, dass man die Leute im Stich lässt. Das ist damit aber nicht gemeint.
dieStandard.at: Sie haben in einem Interview (mit der Wiener Zeitung, Anm.) gesagt: 'Wir haben im Zuge der Aufklärung so vieles abgeschafft, was auch nötig und gut war, aber wir haben dabei ganz vernachlässigt, Neues anzuschaffen.' Nach der Lektüre ihres dystopischen Romans wissen wir, dass die Körperzentrierung der Gesellschaft keine neuen, erstrebenswerten Werte produziert. Wem oder was würden Sie denn aus heutiger Perspektive eine Erneuerung von Werten/Autoritäte/Normen zutrauen?
Juli Zeh: Der sogenannten Zivilgesellschaft und ihren Institutionen. Erneuerung kann (oder sollte) heutzutage vor allem aus dezentralen Strukturen kommen. Mit den Erneuerungsvisionen aus der Quelle zentralistischer Machtapparate haben wir im 20. Jahrhundert grauenvolle Erfahrungen gemacht. (Die Fragen stellte Ina Freudenschuß, dieStandard.at, 29.4.2009)
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Corpus Delicti. Ein Prozess
Juli Zeh, Schöffling Verlag, 2009, 264 Seiten
ISBN-13: 978-3895614347
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und zwar nicht in 48 Jahren, sondern jetzt. Revolten passieren, wenn die körperliche Integrität der Menschen in Gefahr ist. Hunger ist DIE Gefährdung dieser Integrität. In Europa wurde in den letzten Monaten vor allem über die Finanzkrise und die Banken gesprochen, erst jetzt über die Arbeitsplätze und Lohnverluste. Die Hungerrevolten in Bangladesh, Ägypten, in der Karibik u.a. fanden wenig Zugang zu den Medien. Jenseits von unserer Aufmerksamkeit aber brodelt es. Außerdem, die Begriffe dezentral und Struktur passen nicht gut zusammen. Ein bißl zuviel Derrida und Foucault.
leider entsteht auch in ihrem posting der eindruck, dass banken und die finanzkrise völlig losgelöst von den menschen zu betrachten sind. ohne diese institute zu erhalten, würde alles noch viel schlimmer und schneller den bach hinuntergehen. alles ist im zusammenhang mit allem. leider. daher kann man nicht suggerieren, dass die bankenhilfe reiner selbstzweck ist, sondern sie dient auch dazu das system, von dem wir alle gut gelebt haben, zu erhalten
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