Alternativen in Form von Schenk- und Subsistenzökonomie präsentierten Genevieve Vaughan und Heide Göttner-Abendroth bei Vorträgen in Wien
"Wir sollten uns den Crash der Wirtschaft nützlich machen". Mit diesem Abschluss-Statement ihres Vortrages über Schenkökonomie erntete die feministische Sprachwissenschafterin Genevieve Vaughan bei der Veranstaltung "Subsistenzperspektive - Matriarchatsforschung - Schenkökonomie" über alternative Lebens- und Wirtschaftsformen am 8. Mai an der Universität für Bodenkultur tosenden Applaus. Keine Krisenstimmung also an diesem Abend in einem prall gefüllten Hörsaal. Und das obwohl uns doch allen die angeblich weltweite und äußerst bedrohliche Wirtschaftskrise allerorts entgegengepeitscht wird, uns die Stimmung vermiesen und uns noch ängstlicher und funktionalisierter in den Klauen der Marktwirtschaft halten soll.
Dass ein anderes Wirtschaften und damit einher - besser gesagt voraus-gehend ein neuer Gesellschaftsvertrag sich notwendiger denn je erweisen, haben die Forscherinnen, die seit Jahrzehnten an alternativen wirtschaftlichen Ansätzen arbeiten, zum Anlass genommen, ihr grundlegend anderes Verständnis von Ökonomie vorzustellen.
Aber wie sehen alternative Lebens- und Wirtschaftsformen aus? Was ist das für eine Ordnung, die nicht derart zerstörerisch umgeht wie die herrschende?, fragte Veronika Bennholdt-Thomsen, Sozialanthropologin und an diesem Abend Moderatorin, einleitend. Können wir überhaupt ein System jenseits von Kommerzialisierung und Wachstumsdogma denken?
Vom transitiven DU-System zur ICH-orientierten Marktwirtschaft
In Wirklichkeit brauchen wir nach einer Alternative nicht lange suchen, denn sie ist bereits universell vorhanden, betonte Genevieve Vaughan, die ihre Thesen im Buch "For-Giving. Schenken und vergeben. Eine feministische Kritik des Tauschs" schon 1997 (2008 im Ulrike Helmer Verlag auf Deutsch erschienen) vorgelegt hat.
Gegenwärtig bestünden zwei Ökonomien nebeneinander: die uns bekannte Tauschkultur des sogenannten freien Marktes und jene des Schenkens, welche die eigentlich freie sei. Jeder Mensch werde in letztere hineingeboren und erfahre aufgrund einer unmittebaren Bedürfnisbefriedigung durch die Mutter (oder andere Bezugspersonen) die "einseitige" Ökonomie des Schenkens: Geschenke als Antwort auf Bedürfnisse ohne Gegenleistung. Bis zum Alter von etwa vier Jahren seien Kinder innerhalb des Schenksystems, das auf das Du ausgerichtet ist und positive soziale Beziehungen schafft. Danach wirke die patriarchale Gehirnwäsche, dass es notwendig sei von der transitiven Schenkökonomie zur Tauschökonomie zu wechseln, weil erstere als "primitiv" und kindisch degradiert werde. Und dies obwohl erwiesen ist, so Vaughan, dass die Ökonomie des Schenkens die Gemeinschaft stärkt, dagegen die Marktwirtschaft auf allen Ebenen Schaden anrichtet. Dabei sei wichtig zu betonen, dass die Schenkökonomie keinesfalls mit der "primitiven" Tauschwirtschaft verwechselt werden dürfe: "Ich spreche vom einseitigen Schenken, das sich von allen Wirtschaftspraktiken unterscheidet", so Vaughan.
Dadurch, dass die Marktwirtschaft die Zirkulation des Gebens zugunsten des Erhaltens in den Hintergrund stelle, würden die Bindungen zum DU ausgelöscht und stattdessen das egoistische ICH - "was bekomme ICH dafür?" Priorität erhalten. "Tatsächlich hat der Tausch etwas Feindliches", meinte Vaughan, weil jede/r versuche, zu profitieren. Doch nicht bloß das Selbstbestärkende sei das Problem, sondern die Konzentration auf die Ware, die in ihrem Wert vor die Person gestellt wird. Die Warenproduktion diene nämlich nicht der Befriedigung von Bedürfnissen, sondern stelle dieselben künstlich her. Um diese Lüge, dass die Warenproduktion auf den Markt und nicht auf die Menschen ausgerichtet ist, zu verschleiern, sei der Begriff der Nachfrage eingeführt worden.
Die marktwirtschaftliche Tauschökonomie verwandle, so Vaughan weiter, "alles, auch die Natur, in Probleme, um sie zu 'lösen'. Und deshalb sei die Tauschwirtschaft "ein Parasit, der die Geschenke aller konsumiert". Auf diese Weise werde künstlich ein Mangel erzeugt, der notwendig sei, um den Kreislauf aufrechtzuerhalten. Und wenn dies nicht mehr gelingt, würden Kriege inszeniert oder zumindest Krisen, wie gegenwärtig ersichtlich. "Trotzdem glauben wir alle, Markwirtschaft ist gerecht" und jede/r erhalte, was ihr/ihm zustehe.
Es würden jedoch nicht bloß die Bedürfnisse der Personen unsichtbar, sondern auch die von ihnen geleistete Arbeit, denn niemand wisse, wer hinter den Produkten steht, die wir kaufen: "Es sollte uns klar sein, dass es sich dabei um Geschenke handelt, für die die meisten schlecht oder gar nicht bezahlt wurden". An diesem Beispiel wird auch deutlich, wie sehr Körper und Geist und damit auch die Sprache geformt werden, je nachdem in welcher Ökonomie wir leben. "Sprache ist auch ein Instrument zum Lügen, das sehen wir heute sehr deutlich. Am Scheitern des Marktes erkennen wir das Netz der vielen Lügen", wie es sich beispielsweise im Fall von "09/11" gezeigt hat.
Schlussendlich gehe es darum, den Markt völlig auszuschalten und ganz auf die Schenkökonomie zurückzugehen: "Alleine durch das Denken einer solchen Ordnung bekommt die herrschende Marktwirtschaft Risse", schloss Genevieve Vaughan ihre Ausführungen.
Matriarchale bzw. egalitäre Gesellschaften als funktionierendes Vorbild
Dass eine solche Ökonomie des Schenkens bis vor etwa 5000 Jahren universell die gängige Wirtschaftsordnung gestellt hat und weltweit in vielen Gesellschaften nach wie vor existiert, führte die Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth aus. In matrilinear und matrilokal organisierten Sozietäten basiere die Schenkökonomie auf Subsistenzwirtschaft, also auf Garten- und Ackerbaukulturen, in denen der Begriff "Privatbesitz" ein Fremdwort sei. Land und Haus werden als geliehen (und nicht als Eigentum) verstanden und an die Nachkommenden weitergereicht. Die Verantwortung über alle Güter und deren gerechte Verteilung obliege den Frauen, da sie auf kultureller "sakraler" Ebene als menschliche Abbilder von "Mutter Erde" verstanden würden. Bei dieser Schenkökonomie handle es sich also im Sinne der Verteilung um eine Ausgleichswirtschaft.
"Es ist jedoch kein Tausch, kein Exchange, sondern prosoziales gebendes Verhalten", erklärte Göttner-Abendroth, wodurch niemand profitiere und niemand Not leiden müsse. Diese Weise des Wirtschaftens würde nicht bloß auf Clanebene funktionieren, sondern über weitläufige Regionen hinweg, wie es beispielsweise bei den Irokesen mit ihrem Geschenke-Austausch, der zugleich der Friedenssicherung diene, ersichtlich sei. Ein solcherart funktionierendes Wirtschaftssystem sei natürlich nur dann möglich, wenn die gesamte Gesellschaftsordnung - politisch, sozial und kulturell - dementsprechend organisiert ist. Wie das genau ausschaut, kann auf der Website www.hagia.de von Heide Göttner-Abendroth im Detail nachgelesen werden.
Nur soviel noch: Schenkökonomie setzt ein Denken in Fülle - für alle ist genug vorhanden - und derGleichheit aller Menschen voraus, das Hierarchien jeder Art und somit Herrschaft und Gewalt ausschließt.
(Dagmar Buchta/dieStandard.at, 10.05.2009)