Gericht hebt seit der Kolonialzeit geltendes Verbot auf: "Widernatürlicher Geschlechtsverkehr" gehört Vergangenheit an
Neu Delhi - In einem historischen Urteil hat die indische Justiz am Donnerstag ein seit der Kolonialzeit geltendes Verbot Homosexualität betreffend aufgehoben: Das Hohe Gericht in Neu Delhi hat gleichgeschlechtlichen Sex zwischen Erwachsenen legalisiert. Die bisherige Bestimmung im indischen Strafrecht, die "widernatürlichen
Geschlechtsverkehr" untersagt, sei diskriminierend und verstoße gegen den Grundsatz der Gleichheit und die Würde jedes Individuums, befand das Gericht in seiner 105-seitigen Urteilsbegründung.
Bislang mit bis zu zehn Jahren Haft geahndet
Bisher konnte Homosexualität in Indien mit einer Geldstrafe und bis zu
zehn Jahren Gefängnis bestraft werden. In der Praxis wurde das Gesetz
zwar nur selten angewendet. Homosexuelle warfen der Polizei jedoch vor,
den Paragrafen zu nutzen, um Homosexuelle zu schikanieren und
einzuschüchtern. Gesellschaftliche Intoleranz gegenüber Homosexualität ist in Indien weit verbreitet: Bis heute sind selbst Umarmungen und Küsse unter Gleichgeschlechtlichen
jedweder sexueller Orientierung in der Öffentlichkeit nicht toleriert,
Übergriffe bei Zuwider Handeln keine Ausnahme. Viele InderInnen betrachten Homosexualität
als Krankheit.
"Im 21. Jahrhundert angekommen"
Bis heute waren alle Petitionen, das Verbot aus dem Jahr 1861 aufzuheben, an der Regierung gescheitert. Nun, nach neun Jahren gerichtlicher Bemühungen von Homosexuellen-AktivistInnen, ist es geschafft: "Wir sind endlich im 21. Jahrhundert angekommen", meinte Anjali Gopalan von der "Naz Foundation", einer führenden Gay Rights-NGO. Er ist zuversichtlich, dass die Regierung das Urteil nicht übergehen kann.
Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch bezeichnete das Urteil als überfällig. Der Aktivist Gautam Bhan erklärte, die Richter hätten mit dem Urteil die Vision einer "offenen, toleranten Gesellschaft" in Indien entworfen. Die Bollywood-Schauspielerin Celina Jaitley sagte, sie sei "überwältigt".
Scharfe Kritik
Religiöse Gruppierungen kritisierten das Urteil dagegen scharf. Der Imam der größten Moschee in Indien, Ahmed Bukhari, bezeichnete das Urteil als "völlig falsch". "Wir werden ein solches Gesetz nicht akzeptieren", sagte der Vorbeter der Jama Masjid in Neu Delhi. Der Sprecher des katholischen Bischofskonferenz in Indien, Babu Joseph, sagte, das Urteil ändere nichts an der Einstellung der Kirche zu Homosexuellen. Homosexualität sei kein "akzeptables Verhalten".
Keine Stellungnahme von Seiten der Regierung
Die Regierung, die gegen das Urteil Berufung noch einlegen kann, äußerte sich zunächst nicht. Justizminister Veerappa Moily sagte, er müsse es erst einmal gründlich lesen. (Reuters/APA/red)