"Anorexie-Patientinnen sind wie gefangen"

22. Juli 2009, 11:17
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    foto: apa/ap/diane bondareff

    Magersucht wird zunehmend als neuronale Entwicklungsstörung gesehen, bei der auch eine Störung des fronto-striatalen Schleifensystems beteiligt ist, das für die Verhaltenssteuerung zuständig ist.

Perfektionismus und Probleme mit Neuem: Neurologie sieht Gründe in Veränderungen im Gehirn, das gelernt hat, alternatives Verhalten zu unterdrücken

Heidelberg - Magersüchtige halten an ihrem gestörten Essverhalten oft wider eigenem Willen fest, da Veränderungen im Gehirn einen Wechsel eingeübter Routinen erheblich erschweren. Das berichten NeurowissenschaftlerInnen der Heidelberger Universitätsklinik für Psychosomatik und Allgemeine Klinische Medizin in der Fachzeitschrift "American Journal of Psychiatry".

"Anorexie-Patientinnen sind oft wie gefangen in ihrer Erkrankung. Sie haben große Probleme, sich auf Neues einzulassen oder leiden häufig an hohem Perfektionismus. Eine Ursache dafür sind neuronale Vorgänge", erklärt Hans-Christoph Friederich, Leiter der Arbeitsgruppe Essstörung. Die Ergebnisse der Forschung sollen einerseits mehr Verständnis über die Ursachen der Krankheit ermöglichen, andererseits könnten sich daraus neue Therapiezugänge eröffnen.

Festhalten an vertrauten Mustern

Die WissenschaftlerInnen untersuchten 30 junge Frauen, von welchen die Hälfte anorektisch war. In einem Experiment ließ man sie ein Verhalten - die schnelle Zuordnung geometrischer Figuren - kurzfristig einüben, ehe in einem zweiten Durchlauf die Zuordnungsregeln geändert wurden. Magersuchtkranke hielten dabei häufiger als gesunde Vergleichspersonen am vertrauten Muster fest und unterdrückten alternatives Verhalten.

Die gleichzeitige Beobachtung per Magnetresonanztomographie (MRT) zeigte, dass bei Anorexie-Erkrankten ein bestimmter Netzwerkpfad zwischen Groß- und Zwischenhirn weniger aktiv ist. Dieser Pfad ist für Einleitung und Kontrolle von Handlungen wichtig, besonders wenn sich Umweltbedingungen rasch verändern.

Gestörte Verhaltenssteuerung

Magersucht wird zunehmend als neuronale Entwicklungsstörung gesehen, erklärt Friederich. "Ein Hinweis dafür ist die Tatsache, dass die Krankheit meist in der Pubertät erstmals auftritt, was eine für die Hirnreifung besonders wichtige Phase darstellt. Die jetzige Forschung zeigt, dass auch eine Störung des fronto-striatalen Schleifensystems beteiligt ist, das für die Verhaltenssteuerung zuständig ist."

Auflösen von Ritualen, Abläufen und Strukturen trainieren

Über die Auslöser dieser Änderungen gibt es bisher bloß Hypothesen, mögliche Ursachen seien etwa die verringerte Ausschüttung von Sexualhormonen bei Untergewicht, genetische Veranlagungen oder auch Umweltfaktoren. Ein weiterer neurobiologischer Aspekt der Krankheit ist die gestörte Körperwahrnehmung, die eigene Krankheitssignale durch Änderungen im parietalen Kortex häufig übersehen lässt. Da sich psychische und neurobiologische Faktoren wechselseitig beeinflussen können, können die Ergebnisse zu neuen Therapieansätzen für Anorexie führen. "Derzeit läuft eine Probetherapie, bei der Magersucht-Patientinnen gezielt das Auflösen von Ritualen, Abläufen und Strukturen trainieren. Schaffen die Betroffenen, das Verhalten in anderen Gebieten zu ändern, bedeutet das auch Hoffnung für die Auflösung lange trainierter Essensmuster", so Friederich abschließend. (pte)

jokergirl
00
30.7.2009, 11:29

Komisch, denn das "normale" Essensmuster sollte doch eigentlich viel länger eingeübt worden sein als das "kranke" Essensmuster. Und die meisten Anorexie-Patienten haben relativ schnell ihre Essgewohnheiten geändert, nicht von "viel" auf "nichts" heruntertrainiert.

;)

Duskson 81
 
00
23.7.2009, 09:17

Muss man eigentlich für jede psychische Erkrankung und Sucht alles von vorne neu erforschen?

Tethys
01
23.7.2009, 10:17
alles von vorne neu erforschen

Es wäre mir neu, dass bereits alle bekannten psychischen Erkrankungen "zu Ende geforscht" sind? Im Prinzip ist trotz aller Erkrankungsmuster ein individueller Faktor entscheidend, da muss bei jedem Patienten "von vorne" angefangen werden.

Duskson 81
 
00
23.7.2009, 11:06

Sorry wenn es jetzt erst eine Probetherapie gibt die leuten hilft das sie ihr tägliches verhalten ändern weil man das vorher erst erforschen musste ist das imho weniger wissenschaftlich als mehr verantwortungslos.

simt
11
22.7.2009, 21:22
Und was ist mit Anorexiepatienten? Also sehr gleichberechtigt sind wir hier nicht. Zitrone!

inness robins
01
23.7.2009, 06:45
der Standard

über männliche Anorexia Nervosa Patienten wird im
"derStandard" berichtet. Demnächst.

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