
Mädchen und Frauen sind nach Bekanntwerden von Todesfällen durch Antibabypillen in Deutschland und der Schweiz zunehmend besorgt, ob der Nutzen der Präparate den Kosten auch gerecht wird. ExpertInnen geben Entwarnung: Die "Pille" sei nicht unsicherer als jedes andere Medikament auch.
Seit April 2002 ist das hormonelle Verhütungsmittel "Yasmin" in Österreich erhältlich. Dieses Ein-Phasen-Präparat der vierten Generation hat großen Anklang unter den Frauen gefunden, weil es als Mikropille nur geringe Dosen von Drospirenon (einem synthetischen Hormon, das wie das Gelbkörperhormon wirkt) und Ethinylestradiol (das für die Estrogenwirkung sorgt) enthält und somit durchgehend genommen werden kann - die Zyklen dauern länger, frau menstruiert nicht monatlich, sondern - sofern sie will - nur wenige Male pro Jahr. Auch sorgt "Yasmin" mitunter für weitere von vielen Frauen erwünschte Nebeneffekte: Hautunreinheiten können verschwinden, die Brüste werden größer, Körperbehaarung dafür weniger.
Weniger Nebeneffekte, aber höheres Thromboserisiko
Wie bei allen Medikamenten kann die Einnahme von "Yasmin" auch Nebenwirkungen mit sich bringen, wie Übelkeit, Gewichtszunahmen an Stellen, wo frau sich nicht "mehr" wünscht, oder Libidoverlust. Als neuere Pille soll sie laut Verbraucherinnen-Information aber wesentlich seltener diese unbeliebten Effekte bewirken als Vorgänger-Produkte der dritten Generation. Das betrifft auch das Thromboserisiko, das mit der Einnahme von allen hormonellen Kontrazeptiva steigt. Die Zahlen aus den letzten Jahren sprechen in diesem Punkt jedoch eine andere Sprache: Frauen, die die neueren Pillen wie "Yasmin" nehmen, melden mehr Thrombosenvorfälle als jene, die ältere Produkte verwenden.
Sieben Tote in Deutschland
Im Zusammenhang mit "Yasmin" sind jüngst sogar fatale Konsequenzen durch thromboembolische Ereignisse bekannt geworden: Durch Recherchen der "Thüringer Allgemeinen Zeitung" wurden sieben Todesfälle in Deutschland publik. Das deutsche Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte erklärte den Berichten zufolge, dass die Tode in Verbindung mit der Anwendung von "Yasmin" oder seiner Wirkstoffkombination zu stellen seien, ein Kausalzusammenhang in den einzelnen Fällen ließe sich aber bislang nicht sicher belegen.
Hersteller ging nicht von sich aus an die Öffentlichkeit
Dem "Yasmin"-Hersteller und Pharma-Konzern Bayer Schering sind die Verdachtsfälle bekannt, hieß es in der deutschen Presse. Von dem hatten jedoch weder das Bundesinstitut noch die Medien ihre Informationen, im Gegenteil äußerte sich Bayer Schering, das 2008 allein mit der Produktgruppe "Yasmin/YAZ/Yasminelle" über 1,2 Milliarden Euro Umsatz gemacht hat, zu den Vorwürfen erst, als der "Thüringer Allgemeinen" die Angaben Schwarz auf Weiß vorlagen. Sprecherin Astrid Kranz sagte der "Berliner Zeitung", dass die Kundinnen nur "verunsichert" würden durch Informationen über etwaige Komplikationen mit Todesfolge.
Todesfälle in der Schweiz: Lungenembolien
Auch in der Schweiz sorgten fünf Tote durch Antibabypillen im Juni für Schlagzeilen. In keinem der Fälle zwischen 1990 bis heute aber war "Yasmin" das Präparat der Wahl. Eine Parallele gibt es dennoch zu Deutschland: Weder die Herstellerfirmen noch die entsprechenden Meldestellen der Länder informierten die Öffentlichkeit und die Kundinnen darüber. Erst auf Nachfrage der Schweizer Tageszeitung "Tages-Anzeiger" beim Heilmittelinstitut Swissmedic teilte man mit, dass vier der Frauen an Lungenembolien verstorben seien. Ein weiterer Fall erschütterte das westliche Nachbarland, als die TV-Sendung "10 vor 10" über eine gesunde 16-jährige Nichtraucherin berichtete, die nach Einnahme von "Yasmin" ebenfalls eine Lungenembolie erlitt. Der Teenager wird zeitlebens gelähmt bleiben und muss künstlich ernährt werden.
Die Schweiz hat die Fälle zum Anlass genommen, Risiken und Nebenwirkungen verschiedener Antibabypillen analysieren zu lassen. Ergebnisse sollen im Herbst vorliegen.
Keine Meldungen in Österreich
Im Gegensatz zu den Nachbarländern sind der österreichischen Meldestelle AGES PharMed bislang weder Fälle schwerwiegender Gesundheits- noch Todesfolgen durch "Yasmin" oder andere Pillen-Präparate gemeldet geworden. In einer Stellungnahme vom 23. Juli, die dieStandard.at vorliegt, heißt es, dass in Österreich seit 2000 insgesamt 33 Fallmeldungen zu Erkrankungen der Atemwege, des Brustraums und des Mittelfelles sowie zu Gefäßerkrankungen verzeichnet wurden. Fünf der Meldungen zu thromboembolischen Ereignissen, die unabhängig vom Auslöser in ein bis zwei Prozent zum Tod führen können, sind in den letzten drei Jahren passiert.
Fachinformationen aktualisiert
Die Diskussion um derartige Risiken sei aber nicht neu, heißt es weiter, weshalb vor einigen Jahren bislang vorliegende Daten und epidemiologische Studien evaluiert wurden. 20 bis 40 Fälle sind unter 100.000 Frauen, die die "Pille" nehmen, vorgekommen; fünf bis zehn Fälle wurden bei Frauen, die keine oralen Kontrazeptiva verwenden, festgestellt; unter 100.000 schwangeren Frauen sind 60 Fälle von Thrombosen verzeichnet worden. Die Ergebnisse der Evaluierung sind samt Warnhinweisen auf Risikofaktoren und Kontraindikationen in die Fachinformationen der Präparate aufgenommen worden, macht die Stellungnahme der AGES PharMEd klar.
"Pille" an sich ohne großes Risiko
Auch das Frauengesundheitszentrum Graz erklärte gegenüber dieStandard.at, dass ihm bislang keine Fälle gemeldet wurden, in welchen schwerwiegende Komplikationen durch die "Pille" aufgetreten sind.
So tragisch die Situation für die einzelnen Betroffen bei Komplikationen auch sei: "Es gibt keinen Hinweis darauf, dass die 'Pille' an sich ein großes Risiko für die Anwenderinnen darstellt", meinte Christian Fiala vom Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch auf dieStandard.at-Nachfrage. Im Normalfall überwiege der Nutzen die Risiken bei Weitem: Die "Pille" wäre weniger risikoreich als eine Schwangerschaft, besonders, wenn diese unerwünscht und ein Abbruch die Alternative ist, hielt Fiala fest. Es gäbe aber eine seltene, vererbte Gerinnungsstörung, die APC-Resistance, die nicht auffällt, außer bei Schwangerschaft oder eben der Verwendung der "Pille": Die kann im Labor festgestellt werden. Auch sollte individuell abgeklärt werden, ob es Thrombose-Vorfälle in der Familie gibt, rät der Mediziner den Frauen, denn das wäre unter Umständen einer der wenigen Ausschlussgründe für die Einnahme oraler Kontrazeptiva. (bto/dieStandard.at, 27.7.2009)
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