Zehn Jahres-Jubiläum

Stürmische See für "Women on Waves"

Tombor, 2. September 2009, 18:32

Die Frauenrechtsorganisation steuert mit ihrem Klinik-Schiff seit 1999 Länder an, wo Abtreibungen verboten sind - und rettet damit Frauenleben

Abtreibung gehört zu jenen in scheinbarer Endlosschleife diskutierten gesellschaftspolitischen Themen, auch in Ländern der westlichen Industrienationen, in welchen die Fristenlösung zum Teil seit Jahrzehnten beschlossenes Recht ist. Vor dem Hintergrund einer zum Kulturkampf stilisierten Polit-Debatte, die mit "gesundem Volksempfinden" arbeitet und in der Forderung nach mehr "inländischem Nachwuchs" mündet, und dem religiös motivierten Lebensschutz für Ungeborene, dem sich katholische AbtreibungsgegnerInnen verschrieben haben, zeigt sich eine neue Brisanz in der Abtreibungsfrage.

Was die Forderung nach "flankierenden Maßnahmen", wie von Kardinal Schönborn letzte Woche erneut gefordert, steckt, sprechen andere schon deutlicher aus, hierzulande wie auch in vielen anderen Ländern: Schwangerschaftsabbrüche gehören untersagt oder es den Frauen zumindest schwer gemacht, sich für die Option Abbruch zu entscheiden. Ein Blick in Länder, wo Abtreibung nach wie vor illegal ist, zeigt: Das Verbot bringt vor allem erhebliche Gesundheitsrisken für Frauen mit sich. Sie haben eine 150 Mal höhere Gefahr, bei einem Abbruch zu sterben. Nichtsdestotrotz entscheiden sich Hunderttausende für den Eingriff. Diejenigen, die es sich leisten können, reisen ins nächste Ausland, in dem Abtreibung legal ist. Die anderen Frauen landen bei großteils ungeschulten PrivatdoktorInnen. Oder sie nehmen den Eingriff gar selbst vor. Vierzig Prozent dieser illegalen Abtreibungen ziehen laut WHO-Schätzungen schwere medizinische Komplikationen nach sich, rund 90.000 Frauen sterben jährlich in Folge. Dass so viele eher ihr Leben aufs Spiel setzen als ein Kind auf die Welt zu bringen, zeigt die Dimension hinter dem von GegnerInnen oft als "einfacher Ausweg" und "Verantwortungslosigkeit" gebranntmarkten Schritt, der von den Betroffenen schlicht als existenzsichernd und lebensnotwendig empfunden wird.

Um Frauen zu helfen, die keine Option auf einen sicheren Schwangerschaftsabbruch unter medizinisch einwandfreien Umständen haben, hat sich 1999 eine Organisation konstituiert, die seitdem international für das Recht auf Abtreibung und die Anerkennung der weiblichen Selbstbestimmung aktiv ist: Die "Women on Waves", die "Frauen auf Wellen", die sich rund um die Gründerin Rebecca Gomperts formiert haben. Die niederländische Medizinerin und ehemalige Greenpeace-Teamärztin ist im Rahmen der Tätigkeit für die Umweltschutzorganisation auf die Idee gekommen, das Internationale Seerecht, dem zufolge die Gesetzgebung des Herkunftslandes des jeweiligen Schiffes gilt, für ihr feministisch-humanitäres Anliegen auszunutzen. So wurde aus einem niederländischen Schiff in Folge eine schwimmende Frauen-Klinik, mit der die "Women auf Waves" dank privaten SponsorInnen in den letzten zehn Jahren die internationalen Gewässer vor zahlreichen Ländern, in denen Frauen nicht legal abtreiben dürfen, angeschifft haben: 2001 ankerten sie vor Irland an, 2003 vor Polen, 2004 vor Portugal, 2008 erst vor Ecuador, dann vor Spanien und heuer vor der Küste Chiles.

Auf dem Schiff werden keine chirurgische Eingriffe vorgenommen; die Frauen erhalten neben eingehender Aufklärung über reproduktive Gesundheit und Verhütungsmethoden die als Abtreibungspille Mifegyne bekannte Medikation RU 486, die bereits 1980 in Frankreich entwickelt worden ist und seitdem in 34 Ländern weltweit zur Anwendung kommt - allein in Europa wurde sie bereits mehr als 1,5 Millionen Frauen verabreicht. Die Organisation hat von den holländischen Behörden die Erlaubnis, Frauen das Medikament an Bord auszuhändigen, sofern die Schwangerschaftsdauer sechseinhalb Wochen unterschreitet, was die Behörden und Pro-Life-Organisationen in den angesteuerten Ländern auf die Barrikaden brachte. So trafen die Aktivistinnen in Polen auf skandierte Hasstiraden von Rechten. In Spanien wurden die "Women on Waves" von einer "ProVida"-Delegation entsprechend ablehnend empfangen. In Portugal sah man das Unterfangen gar als "Gefährung der nationalen Sicherheit" an und zwang die "Women on Waves" mittels Kriegsschiff zum Beidrehen - trotz des Wissens um die rund 5.000 Frauen, die in Portugal jährlich an den Folgen illegaler Abtreibungen gestorben sind. Gegen diese Aktion hat "Women on Waves" eine Klage beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte eingebracht - und Anfang 2009 letztendlich Recht bekommen.

Um Frauen auch in Ländern zu erreichen, die weder Zugang zu sicherer Abtreibung noch zum Ozean haben, hat Gomperts 2007 mit anderen Pro-Choice-AktivistInnen eine Plattform ins Leben gerufen, die ungewollt Schwangeren als Anlaufstelle für Ausstausch wie auch als Verteiler-Seite für RU 486 dient. Ganz im Sinne der WHO-Definition von Gesundheit - "Ist das vollständige physische, geistige und soziale Wohlbefinden einer Frau durch eine Schwangerschaft gefährdet bzw. nicht mehr gegeben, hat sie ein Recht auf einen Abbruch, der ihr Leben nicht gefährdet." - wird Frauen (nur in Ländern mit Verbotsregelungen) über die Webseite "Women on Web" nach virtueller medizinischer Beratung und Aufklärung sowie virtuellem Check Post zugestellt, die RU486 enthält.

In einem dieStandard.at-Interview 2005 betonte Gomperts ihre Überzeugung, dass die Verweigerung des Zugangs zu sicherer Abtreibung eine Verletzung der Menschenrechte darstellt: "Wir sehen unsere Aufgabe auch weniger in der Durchführung von Abtreibungen, weil das ja das Problem im jeweiligen Land nicht dauerhaft lösen würde. Der einzige Weg, den Frauen zu helfen, ist, die Gesetze zu verändern. Deshalb ist es notwendig, eine Diskussion in Gang zu bringen (...)."

Und das ist mittlerweile in Portugal passiert: 2007 wurde das Abtreibungsgesetz gelockert, in Spanien ist eine umstrittene Liberalisierung in Gange. Stillstand herrscht in Irland und in Malta; in Polen sind Bemühungen, das ohnehin äußerst restriktive Gesetz in ein gänzliches Verbot umzuwandeln, gescheitert. In Ländern wie Ägypten, Bangladesch, Dominikanische Republik, Elfenbeinküste, Haiti, Madagaskar, Sri Lanka - um nur einige zu nennen - steckt die erwünschte Diskussion noch nicht einmal in den Kinderschuhen. Wo Frauenrechte kein Thema sind, ist Abtreibung ebenfalls Tabu. Die "Women on Waves" haben eingedenk dieser Tatsache gute Aussichten, noch etliche runde Jubiläen zu begehen. Leider. (bto/dieStandard.at, 3.9.2009)

Kommentar posten
14 Postings
michael klauser
 
70

Kenn mich grad´nicht aus.
Wieso rettet Abtreibung Leben?
MfG

Andirea
16

Weil zB in Portugal "rund 5.000 Frauen jährlich an den Folgen illegaler Abtreibungen gestorben sind"

michael klauser
 
41

Also hat die Abtreibung 5000 Frauen ( und ebensovielen Föten) das Leben gekostet.
Wo rettete Abtreibung hier das Leben?

Greyarea
 
01
2x 5000

es sterben wenn die frauen mitsterben dann ja 10000 leben. wenn der tod der frauen verhindert werden kann nur 5000...
eigentlich ein zynischer ansatz.

ich frag mich ja immer noch warum es ein verbot gibt.

presonic
02

bei legaler abtreibung durch ärzte wären diese 5.000 frauen nicht gestorben bzw. müssen nun nicht mehr sterben.

michael klauser
 
21

Dass die 5000 Frauen nicht stimmen können, war mir sofort klar. Darum stellte ich meine provokante Eingangsfrage.
MfG

Markus H.
 
02

Gibt es für 5000 tote Portogisinnen auch eine Quelle? Ich hab auf die schneller nur ein "mehr als 100 in den letzten 20 Jahren gefunden" (http://www.heise.de/tp/r4/art... 19/1.html)

Frei erfundene Horrorzahlen helfen nix...

presonic
02

lt. WHO waren es weltweit 2005 z.b. 95.000 frauen, die durch unsachgemäße abtreibungen weltweit gestorben sind.

Markus H.
 
02

Das klingt schon eher plausibel!

Macht aber die 5000 für Portugal jährlich um so unrealistischer. Da würden 5% der weltweiten Opfer unsachgemäßer Abtreibung auf Portugal entfallen. Und der Grossteil der 95.000 Frauen wird da auch bestimmt unter miserablen hygienischen Umständen in Entwicklungsländern ums leben kommen. Vermutlich zu einen grossen Teil egal ob der Engriff legal oder illegal ist. Wo es keine Ärzte und keine med. Einrichtungen gibt, hilft auch legalisieren nix!

Wobei Portugal doch letzthin die Abtreibung legalisiert hat, da gehts eigentlich nur noch um historische Betrachtungen ...

presonic
01

ich denke, die vorposterin hat das auch so gemeint.

warst du schon mal in portugal? man hat das gefühl, es gehört nicht zu europa. auch jetzt noch nicht. ich kann mir also durchaus vorstellen, dass dort z.t. noch immer miserable hygienische zustände herrschen bei engelmacherinnen.

Pepe Gonzales1
00
Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte

Eine deutsche Zusammenfassung des lesenswerten Urteils des EGMR, mit dem Portugal wegen der Versuche, die "Women on Waves" an der Einfahrt in das Hoheitsgebiet zu hindern, verurteilt wurde findet sich unter: http://www.menschenrechte.ac.at/docs/09_1/09_1_11

El Zorro
13
Nicht nur die katholische Kirche hat ein Problem mit der Abtreibung

-- keine Glaubenskongregation kann etwas mit einer lockeren Abtreibungspolitik anfangen.- Auch die "liberaleren" Religionen erlauben eine Abtreibung nur bei Vorliegen triftiger Gründen.

Elsbein
06
Sie "verwechseln" hier so einiges...

1. müssen religiöse Ge- und Verbote nicht mit staatlichen Gesetzen identisch sein. Eine Religionsgemeinschaft kann ihren Anhängerinnen Abtreibungen sehr wohl untersagen - das ist aber noch lange nicht gleichbedeutend mit der Befürwortung eines STAATLICHEN Abtreibungsverbotes.

2. Im orthodoxen Judentum sind Schwangerschaftsabbrüche lediglich bei Lebensgefahr für die Schwangere erlaubt; der Islam gestattet Abtreibung hingegen durchaus - zumindest innerhalb einer bestimmten "Frist" (die - je nach Gelehrtenmeinung - zwischen dem 40. und dem 120. Tag liegt).

3. gehen restriktive Abtreibungsgesetze in Europa oder Lateinamerika selbstverständlich auf den (zu großen) Einfluss der christlichen Kirchen, allen voran der katholischen, zurück.

Eris
 
00
Schwanengesang

Dutch abortion boat to sail no more

Following changes to the Dutch abortion law, the organisation Women on Waves has decided to cancel all upcoming trips of its so-called abortion boat. Opposition to abortion is growing, says director Rebecca Gomperts.
http://www.nrc.nl/internati... il_no_more

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