Filmpremiere

Der iranischen "Zeitehe" auf der Spur

2. November 2009, 11:24

Die Wahl-Wienerin Sudabeh Mortezai präsentiert ihre Dokumentation "Im Bazar der Geschlechter" bei der Viennale: "Männer haben Angst vor weiblicher Sexualität"

Wien - Die Iranerin Sudabeh Mortezai, die seit 30 Jahren in Wien lebt, hat in ihrem Dokumentarfilm "Im Bazar der Geschlechter" ein in der westlichen Welt bisher wenig beleuchtetes Thema des Islam aufgegriffen: die Muta'a, die Ehe auf Zeit. Heute, Montag,  feiert die österreichisch-iranische Koproduktion bei der Viennale ihre Weltpremiere. Im März 2010 soll der Dokumentarfilm laut Poool Verleih regulär im Kino starten.

Zeitgemäße Umsetzung der "Ehe auf Zeit"

Eine geschiedene allein erziehende Mutter, ein einsamer Junggeselle und ein junger Mullah sind die ProtagonistInnen dieses intimen Einblicks in Geschlechterbeziehungen im Iran. Ihre Geschichten kreisen um die Praxis der Zeit-Ehe, auch Lust-Ehe genannt, einer schiitischen Tradition, die es einem Mann und einer Frau ermöglicht für einen befristeten Zeitraum zu heiraten, der von einer Stunde bis zu 99 Jahren dauern kann. Diese schiitische Praxis ist 1.400 Jahre alt - was sie allerdings im heutigen Iran bedeutet, diese Frage hat Sudabeh Mortezai in ihrer Doku sehr spannend umgesetzt.

Ist es legalisierte Prostitution oder ein Schlupfloch für Paare, um eine Beziehung innerhalb des repressiven islamischen Rechts zu leben? "Gerade im Iran ist das Problem ja nicht, dass Frauen nicht arbeiten oder nicht studieren dürfen. Es gibt Frauen in allen Berufen. Doch vor der weiblichen Sexualität haben die Männer Angst und kontrollieren sie", erzählt Mortezai.

"Für diese typischen Zeitfrauen ist es ein Geldproblem. Sie wurden meist mit 14-15 Jahren verheiratet, haben keine Bildung, sind früh Mütter geworden und kriegen daher nach der Scheidung auch keinen Job. In dieser Gesellschaftsschicht gibt es kein ehrenwertes Leben mehr. Eine Versorgung durch einen Zeit-Ehemann ist dann der einzige Weg", sagt die Regisseurin.

Schwierige Suche nach "Ehefrauen"

Insgesamt hat sie zwei Jahre an dem Film gearbeitet. Die Suche nach den Frauen war schwierig, denn die Zeit-Ehe gilt als unehrenhaft. Ein Grund, weshalb es auch heikel sei darüber zu sprechen: "Ich musste diese Frauen schützen, da sie sehr kritische Dinge sagen. Man sieht daher nicht, wo sie wohnen, ich nenne auch keine Familiennamen."

Sehr leicht war es im Gegensatz dazu, Mullahs, also heilige Rechtsgelehrte, zu finden, die über Sexualität sprechen. Im Islam werde prinzipiell Sexualität sehr positiv bewertet und die Mullahs würden sehr offen darüber reden, sagt die Filmemacherin. Sie selbst lebt zwar - ähnlich wie ihre Wiener Kollegen Arash T. Riahi (derzeit mit "Ein Augenblick Freiheit" im Oscar-Rennen) oder Houchang Allahyari (mit "Bock for President" heuer bei der Viennale vertreten) - schon seit 30 Jahren in Österreich, ist jedoch auch oft und immer wieder im Iran.

Sicherheitsabstand

Nach ihrem Film "Im Bazar der Geschlechter" wird sie aber wohl nicht mehr so bald in das Land reisen. "Es ist ein kritischer Film und es könnte für mich gefährlich sein." Die iranische Gesellschaft an sich mag sie allerdings. "Es ist eine sehr fröhliche Kultur, die natürlich durch das diktatorische System eingeschüchtert ist. Nach den Wahlen hat man aber auch gesehen, dass die Iraner auch sehr mutig sind", sagt sie und deutet auf das grüne Band an ihrem Handgelenk. Ein Zeichen, um sich mit den oppositionellen Kräften solidarisch zu zeigen. (APA)

"Im Bazar der Geschlechter" zu sehen am Montag, 2.11., im Künstlerhauskino in Anwesenheit von Sudabeh Mortezai - Gespräch mit iranischer Regisseurin Shirin Neshat und Künstler Shoja Azari zum Silbernen-Löwen-Gewinner "Women Without Men" und zur Situation im Iran heute, 18 Uhr, am Badeschiff

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