Aufklärung im emanzipatorischen Stil

11. November 2009, 07:00
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    Sophie (rechts) und Elena beraten sich.

dieStandard.at hat sich den Aufklärungsfilm "Sex we can?!" angesehen und mit Projektleiterin Beate Wimmer-Puchinger und Sexualpädagogen Wolfgang Kostenwein gesprochen

Mehr als die Hälfte der jungen Männer beziehen ihr Wissen aus Pornos (53 Prozent), Mädchen vorwiegend aus Zeitschriften (74 Prozent). Das zeigte eine Studie des österreichischen Institus für Sexualpädagogik, die untersuchte, von wo Jugendliche ihr Wissen über Sex beziehen.

Zielgruppe 14 bis 16-Jährige

Der neue Aufklärungsfilm "Sex we can?!" will eine Alternative sein. "Besonders für Mädchen ist Aufklärung wichtig", hielt Gabriele Heinisch-Hosek bei der Präsentation von "Sex we can?!" Ende Oktober fest. Das Wiener Programm für Frauengesundheit hat mit dem österreichischen Institut für Sexualpädagogik und anderen ExpertInnen den Film konzipiert, der für 14 bis 16-Jährige empfohlen wird.

Die Produktion eines Aufklärungsfilms auf "aktuellem sexoligschen Niveau" war schon lange ausständig, so der Gesundheitspsychologe Wolfgang Kostenwein. Ohne Frage sind ein selbstsicherer Umgang mit dem eigenen Körper und Sexualität ein sehr wichtiger emanzipatorischer Ausgangspunkt. "Immer mehr junge Frauen haben kahl rasierte Vaginas, plötzlich sieht man alles und es gibt immer stärkere Normen, wie Frauen auszusehen haben. Auch die Pornos aus dem Internet als Informationsquelle zeigen, dass es gerade der richtige Zeitpunkt für so einen Film ist", so die Wiener Frauengesundheitsbeauftragte Beate Wimmer-Puchinger gegenüber dieStandard.at.

Der neue Aufklärungsfilm "Sex we can?!" hat also einiges auszubügeln. Die Themenkomplexe, die in den drei Episoden angerissen werden und die in einem sexualpädagogischen Unterreicht vertieft werden sollten, entstanden in enger Zusammenarbeit und Diskussionen mit Jugendlichen, so Kostenwein vom Österreichischen Institut für Sexualpädagogik.

"Sprich ihn doch an"

Zwei Mädchen und zwei Burschen - Alter unbekannt - spielen die Hauptrolle in dem Animationsfilm. "Wir haben uns für Animation entschieden, weil explizite Szenen so besser zu zeigen sind", erklärt Kostenwein, "außerdem sind bei 'realen' DarstellerInnen schnell wieder alte Rollenklischees da," ergänzt Wimmer-Puchinger. Als NebenprotagonistInnen tauchen neben dem verliebten Pärchen, David und Sophie, jeweils deren beste FreundInnen Nico und Elena auf. Mit diesen rätseln sie über Verhütung, Orgasmen und über diverse do´s und dont´s. Wie so oft in ähnlichen Settings ist die beste Freundin Elena die sexuell erfahrene und selbstbewusste. Elena bestärkt Sophie sowohl darin, sich zu holen, was sie will und stellt mal eines klar: "Du kannst schlafen mit wem du willst, und verhüten, wie du willst". Sie ermutigt auch Sophie David anzusprechen, alles geht glatt und ein paar Wochen später sind David und Sophie ein Paar und knutschen im Kino. Neben den Gesprächen zwischen David und seinem "nurdigen" Freund Nico sowie Elenas und Sophies Austausch sind Zwischensequenzen eingebaut, die objektiv informieren sollen. Eine Stimme aus den Off erklärt Kondome als "un-ver-zicht-bar!" und rückt die eine oder andere Fehlinformation von neunmalklugen FreundInnen zurecht. "Darauf, Kondome für das erste Mal zu empfehlen, hat man sich international geeinigt", erklärt Wimmer-Puchinger die Entscheidung, die Rolemodels mit Kondomen verhüten zu lassen. Wolfgang Kostenwein betont auch die Umsetzungsebene, die bei Verhütungsmitteln für das erste Mal wichtig ist: "Kondome sind im Vergleich zur Pille einfach leichter zu bekommen."

Handlungsanleitung aus Pornos

Die Stimme aus dem Off klärt aber auch über alternative Verhütung auf und auch Elena und Nico versorgen die frisch verliebten Heteros im Großen und Ganzen mit wertvollen Kommentaren: Nico lacht David aus, der aus Pornofilmen mögliche Handlungsanleitungen für sich gewinnen will. In dem Porno, den sich die beiden Burschen übers Internet anschauen, treiben es zwei Spielzeugfiguren - er ein "He-Man"-Verschnitt und sie mit pinken Riesenbrüsten ausgestattet - halsbrecherisch-mechanisch in schwindelerregendem Tempo. Nichts für Sophie, die David per Fußtritt aus dem Bett katapultiert, als er den "Sex-He-Man" zu imitieren versucht.

Keine klaren Regeln

Trotz der Message des Films, dass es in Bezug auf sexuelle Vorlieben und Gefühle keine klaren Regeln gäbe, und man am besten auf sich selbst hören soll, kommt "Sex we can?!" nicht ohne gewisse Normsetzungen aus. So unterstreicht Sophie nach dem ersten mehr oder weniger geglückten Beischlafversuch, dass sie sich "schön" und "einzigartig" gefühlt habe, während David "behutsam" vorgegangen sei. Auf die Frage, ob das nicht wieder Klischees oder so etwas wie "sexuelle Arbeitsteilung" reproduziere meinte Beate Wimmer-Puchinger: "Es war Absicht, dass Sophie David als 'behutsam' bezeichnet und das als positiv bewertet, es gibt in den Köpfen der Jugendliche noch sehr viele Rollenklischees". Aber Sophie findet Macho-Attitüden definitiv uncool. Dem hartnäckigen Bild des aktiven Parts des Mannes und des passiven Frauenparts wird zwar in der Darstellung der ersten paar Male Geschlechtsverkehr nicht wirklich gegengesteuert - Sophie liegt relativ bewegungslos unter David und harrt der Dinge -, dafür wird mit dem Irrglauben aufgeräumt, die Scheide sei ein "passiver Schlauch" und es wird genau erklärt, was sie alles leistet, damit "er" überhaupt rein darf.

Intensive Diskussionen

Dennoch: Mädchen mit Jungs, Jungs mit Mädchen, Geschlechtsverkehr, Missionarstellung - der Film orientiert sich entlang heteronormativer Bezugspunkte, Homosexualität wird nur ganz kurz angeschnitten. "Homosexualität kommt bei den Jugendlichen vor allem durch Verunsicherungen zur Sprache. Sie fragen sich, 'bin ich homosexuell, wenn...?'. Bis auf unterschiedliche Anziehungscodes unterscheidet sich Homosexualität von Heterosexualität ja nicht. Sehr viel zum Thema Homosexualität kommt im Begleitmaterial zum Film vor", so Kostenwein. Zur Auswahl der angeschnittenen Themen "musste ein gangbarer Weg gewählt werden", so Wimmer-Puchinger, so dass ein möglichst breites Publikum erreicht werden könne.

Insgesamt hat man eineinhalb Jahre an dem ca. 20 Minuten langen Film gebastelt, "jedes Detail wurde intensiv diskutiert, schon allein bis wir uns für den Namen 'Schmetterling' entschieden haben, wie Sophie ihre Vagina nennt, wurde viel diskutiert," berichten Wimmer-Puchinger und Kostenwein. Für letzteren war einer der wichtigsten Ansprüche an den Film, "dass die Handlungsebenen in direktem Bezug zur Realität der Jugendlichen stehen."

Dass viele junge Frauen mit Sophies emanzipatorischem Potential zur Realität gehören, bleibt zu hoffen. Sie schert sich relativ wenig um ihr Aussehen, sie weiß sehr schnell, wenn ihr etwas gegen den Strich geht und findet nichts dabei, auf den jungen Mann ihres Begehrens zuzugehen. Auf ihren ersten Orgasmus muss Sophie in den drei Episoden aber leider verzichten. Aber dazu braucht sie nicht unbedingt einen David, wie Elena kichernd bemerkt. (beaha, dieStandard.at, 11.11.2009)

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