Salzburg - Das stille Örtchen ist eine Fundgrube für die sprachwissenschaftliche Forschung: Die Schweizer Linguistin Christina Cuonz hat jene schriftlichen Botschaften untersucht, die Menschen auf öffentlichen Toiletten hinterlassen, und nach Genderkriterien untersucht. Und sie hat festgestellt: Frauen schreiben in ihren Graffitis über Beziehungen, Sexualität und Alltagsphilosophie. Bei Männern dominieren Sex, Politik und Sport, sagte Cuonz.
Die Linguistin hat im Rahmen ihrer Magisterarbeit die Graffitis von öffentlichen Toiletten an Universitäten in Norwegen und Großbritannien untersucht. Dazu hat sie - sowohl in Frauen- als auch in Männerklos - die schriftlichen Botschaften fotografiert oder abgeschrieben, ToilettenbenutzerInnen mit Fragebögen zu ihrem Lese- und Schreibverhalten befragt und Facility Manager der Gebäude als Auskunftspersonen miteinbezogen. Insgesamt hat die Schweizerin, die ihre Arbeit am Montag im Rahmen des Workshops "Sex & Language" an der Universität Salzburg präsentiert, 249 WC-Inschriften sowie 180 Fragebögen ausgewertet.
Geschlechtergetrennte Welten
Die Toiletten seien die einzigen Orte, wo Frauen und Männer wirklich streng getrennt seien. Deshalb eigneten sich die Graffitis sehr gut für eine genderspezifische Untersuchung, sagte Cuonz. Bei den Themen, der Sprache und bei der Gestaltung der Graffitis gibt es durchaus Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Männer beschäftigen sich in den kurzen schriftlichen Botschaften, die sie auf Toilettenwänden hinterlassen, hauptsächlich mit Sex, Politik und Sport. Frauen schreiben ebenso oft über Beziehungen wie über Sex. Dahinter folgen alltagsphilosophische Sprüche oder persönliche Statements.
Frauen provozierender
Überrascht hat die Wissenschafterin, dass gerade die als emanzipiert geltenden norwegischen Frauen auf den Toiletten Themen behandeln wie die Frage, wie man eine gute Hausfrau wird. Rassistische Statements waren auf Frauentoiletten zum Teil härter formuliert als jene von Männern, hat die Schweizer Linguistin festgestellt. Auch die für die Gebäude verantwortlichen MitarbeiterInnen, die für die Studie befragt wurden, bestätigten, dass Frauen sich auf den Klos kein Blatt vor den Mund nehmen und zum Teil provozierender formulieren als Männer. Die Erhebung zeigt, dass Frauen in ihren Botschaften die gesamte Bandbreite von sozial weniger bis sozial akzeptierten Begriffen ausschöpfen, Männer hingegen meist die sozial weniger akzeptierte Form verwenden.
Wolken von Botschaften
Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt es auch bei der Gestaltung der WC-Wände mit Graffitis. Frauen treten eher in Kommunikation mit früheren Graffitischreiberinnen. "Es bildet sich oft eine richtige Wolke an Botschaften, die aufeinander reagieren und ein Thema diskutieren", berichtete Cuonz. In einer Langzeituntersuchung hat die Schweizerin festgestellt, dass so ein Diskussionszyklus nur wenige Tage oder Wochen dauert. Dann wird ein neues Thema auf die Agenda der Toilettenwand gesetzt. Zu den alten Graffitis kommen dann keine neuen Reaktionen mehr dazu. Männer hingegen kommunizieren weniger untereinander und schreiben ihre Botschaften eher als Listen. (APA)
Diskriminierungen und Unterdrückung aufgrund von Klassenzugehörigkeiten auf der Spur - von Gastautorin Gudrun Perko
Unter dem Druck der Internationalisierung sei "Geschlecht" an den Unis wichtig geworden, so Paula-Irene Villa - Die Soziologin im Interview über den Stand der Gender-Forschung heute
Was kaum bekannt ist: Die gesetzliche Verpflichtung zur gemeinsamen Haus- und Versorgungsarbeit für beide PartnerInnen - dieStandard.at-Interview mit Expertin Hildegard Steger-Mauerhofer
Woran es liegen könnte, dass Buben bei den meisten Mathematik-Tests im Schnitt meist besser abschneiden
In dem Buch "Queere Tracks" beschäftigt sich Doris Leibetseder mit dem politischen Potenzial von Rock- und Popmusik - dieStandard.at-Interview
Die zweite Auflage der Aufsatzsammlung Gender@Wissen wurde gegenüber der Erstveröffentlichung um das Themenfeld "Zeugung" erweitert
Die Molekularbiologin ist fasziniert von komplexen Systemen - Im Interview erzählt sie, was sie von frauenfeindlichen Strukturen, Religion und Wikipedia hält
"Alte Jungfer", "Mannfrau", naive Expertin oder einsame Heldin - anders kommen Wissenschafterinnen in Spielfilmen selten weg - Ein Streifzug durch eine Filmgeschichte der Stereotype
Drei Jung-ForscherInnen ausgezeichnet - AK sieht ihre Forderungen wissenschaftlich gestützt
Studie zeigt, dass unfaire Behandlung bei Afroamerikanerinnen mit Gefühl des Kontrollverlusts und Depressionen einhergeht
Wie wirkt sich die Krise auf unsere Lebenszufriedenheit aus? Ein Gespräch mit dem Schweizer Ökonomen und Glücksforscher Bruno S. Frey über geringere Gehälter, keine Arbeit und Glücks-Unterricht in der Schule
Wie sich Psychiatrie-Patientinnen um 1900 ihren Alltag gestalteten und dabei beeindruckende künstlerische Arbeiten schufen, untersuchte Monika Ankele - dieStandard.at-Interview
Gerda Lerner machte in ihrer zweiten Lebenshälfte Karriere als erste feministische Historikerin - Im Juni hielt sie Vorträge in Wien
Firnberg-Stipendiatin Marie Rodet erforscht die Fluchtstrategien westafrikanischer Sklavinnen während der Kolonialzeit - In Mali spüren Frauen die Folgen der Sklaverei auch heute noch
Sozialanthropologin Kucera untersuchte Rollen der Afghaninnen im Krieg - Medien legen zu wenig Wert auf "Inseln der Zivilität", die es auch in Kriegsgebieten gibt
Kompetitives Verhalten von drei bis 18-Jährigen untersucht - Trotz gleicher Leistung hatten Mädchen mit Ausnahme der 3 bis 4-Jährigen weniger Lust auf Wettbewerb
Paula-Irene Villa, Herausgeberin des Readers "schön normal", über die Arbeit am Körper und ihre neoliberale Legitimation - Ein dieStandard.at-Interview
Eine Studie untersuchte den Zusammenhang zwischen dem Konsum von Frauenzeitschriften und der Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper
Die Kommentare von User und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.