Ägypten

Eine Niqab-Trägerin muss "bereit sein zu kämpfen"

14. Dezember 2009, 10:13

Das Verhüllungsverbot in staatlichen Studentenheimen hat den Konflikt zwischen der säkularen Regierungselite und der religiösen Unterschicht in der Bevölkerung verschärft

Kairo - Immer wieder hätten sich Männer unter dem Schleier getarnt in die Räume der Frauen eingeschlichen - damit hatte die ägyptische Regierung das Verbot der Vollverschleierung in Studentinnenwohnheimen der staatlichen Universitäten offiziell begründet. Doch das eigentliche Motiv für das Verhüllungsverbot ist die zunehmende Auseinandersetzung zwischen dem vom Staat propagierten gemäßigten Islam und der immer strengeren Glaubensauslegung in der Bevölkerung, die sich im Tragen des Nikab (Niqab) genannten Ganzkörperschleiers zeigt.

Der Streit verschärfte sich, seit die höchste theologische Autorität der Sunniten, der Großscheich der Kairoer Al-Azhar-Universität und -Moschee, Mohammed Sayed al-Tantawi, den Nikab aus Unterrichtsräumen und Wohnheimen verbannte. Seine Begründung: Die Verhüllung habe "mit dem Islam nichts zu tun" und sei unnötig, da an der Hochschule ohnehin Geschlechtertrennung herrsche. Es folgten weitere Verbote in Bereichen des öffentlichen Lebens.

Das verärgert etliche Frauen, die sich aus religiösen Gründen verhüllen und sich deshalb benachteiligt sehen. So berichtet die frischgebackene Tierärztin Fatma al-Assal von einer abgelehnten Stellenbewerbung. Doch die junge Frau will nicht nachgeben. "Al-Azhar hat mir gar nichts zu sagen", betont sie. Wie ihre Mutter und ihre beiden Schwestern verhüllt sie sich komplett, einschließlich der Hände. So gekleidet, "fühle ich mich respektiert. Keiner starrt mich an."

Kluft zwischen Volk und Elite

Während in Europa über Kopftuch und Schleier unter den Gesichtspunkten Integration und Frauenrechte diskutiert wird, sieht die Sache in Ägypten ganz anders aus: Hier liegt eine konservative Öffentlichkeit überkreuz mit einer Regierung, die nicht nur als weltlich ausgerichtet, sondern auch als autoritär, korrupt und indifferent gilt. Die Debatte unterstreicht die Kluft zwischen der eher säkularen Elite mit wirtschaftlichem und politischem Einfluss und der überwiegend verarmten und entrechteten Bevölkerung, die zunehmend Trost im Glauben findet.

Noch vor zehn Jahren war der Nikab in Ägypten so gut wie unbekannt; auch heute noch trägt ihn nur eine Minderheit. Jene im wallenden schwarzen Gewand, das nur die Augen freilässt, sieht man an Universitäten und Schulen, in Ämtern und Firmen, beim Spaziergang am Nil und auf dem Moped hinter dem Ehegatten.

Grundlage ist der Salafismus - seine Lehre ähnelt jener in Saudi-Arabien, sodass seine Ausbreitung vielfach auf heimkehrende Gastarbeiter und religiöse Fernsehsender mit saudischer Unterstützung zurückgeführt wird.

Für manche, vor allem für junge Frauen bedeutet die Verhüllung auch Rebellion gegen das System: "Einem Mädchen, das den Nikab tragen will, sagte ich, dass sie bereit sein muss, dafür zu kämpfen", erklärt Assals Mutter Iman al-Shewihi. Die 45-Jährige, die ihr Doktorat in islamischem Recht macht, hatte vor 15 Jahren als Erste in ihrer Familie den Schleier angelegt. Wie ihre Tochter habe auch sie dafür bezahlen müssen und an ihrer Universität keine Lehraufträge bekommen.

"Ich brauche die nicht mehr"

Mit Unterstützung von Menschenrechtsorganisationen klagt eine Gruppe von Frauen die Regierung, weil ihnen vergünstigte Unterkunft in den Wohnheimen verweigert wird. Die Medizinstudentin Iman berichtet, dass fünf ihrer Kommilitoninnen den Schleier abgelegt hätten, um in das Wohnheim einziehen zu können. Ihr Vater, ein Bauer, dränge sie, dasselbe zu tun. Doch sie will verschleiert bleiben und eine Wohnung mieten, obwohl das dreimal so teuer ist wie das Studentenheim. "Ich brauche die nicht mehr", sagt sie über den ägyptischen Staat. "Die können mich nicht brechen." (Sarah el-Deeb, DER STANDARD, Print, 14.12.2009)

Kommentar posten
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1 2
Tschuri Cazzino
 
00
30.1.2010, 23:44
Wäre ich ca 30 Jahre jünger, ich würde wohl auch Niqab

oder Burka tragen. Während ich pubertierte konnte man noch mit Nietenjacke, aufgestellten Haaren und Springerstiefeln provozieren.

Pygar
 
00
14.12.2009, 23:16

Eine Form des Stockholm-Syndroms, würde ich sagen.

Erich_1
02
14.12.2009, 23:00
Gusti Rentner
00
17.12.2009, 10:21
DANKE FÜR DEN LINK!


Das hat was!

Manchmal sind Männer wirklich witziger und intelligenter, als "frau" glauben möchte! ;-)

anders and
 
00
14.12.2009, 22:36
angestarrt wird nicht von vorne

sondern immer von der Seite oder von (schräg) hinten.
Da der Niqab wie ein Scheuklappe wirkt sehen die Frauen einfach nicht mehr, dass sie angestarrt werden.

skipper2002
01
14.12.2009, 22:28
1970 gab es in kairo keine einzig verschleierte frau.

Der Wählerwille
 
09
14.12.2009, 20:01
nur eine schwer kranke zurückgeblieben patriarchale kultur

vermittelt werte wie diese ... "verhülle dich damit ich dich nicht anstarre"

wer diese frauen nicht als opfer einer falschen kultur wahrnimmt ... hasst frauen ..

Andreas Zwettler
00
14.12.2009, 18:23
Weiß das wer?

Wie ist es denn im hier genannten Salafismus mit Ausweisen ?

Führerschein, Pass, Personalausweis? Oder dürfen strenggläubige Salafitinnen(sp?) eh nicht reisen Autofahren und sich ausweisen ?
Oder ist es gestattet sich offfiziellen Amtsträgern zwecks Identitätsbeweis zu enthüllen ?

Angelika70
00
14.12.2009, 22:58

Autofahren dürfen sie nicht, ausweisen müssen sie sich nur weiblichen Bediensteten gegenüber und für sonstige Besorgungen haben sie immer einen Mann an ihrer Seite (Vater, Bruder, Mann, etc), da sie eh nicht alleine auf die Strasse dürfen.

super Typ
02
14.12.2009, 15:38
Säkulare Elite und religiöse Unterschicht?

Im Artikel werden lauter Studierte bzw. Studierende zitiert. Der Bauer ist dagegen, dass die studierende Tochter Niqab trägt.
Nein, der Fundamentalismus hat nichts mit Volksfrömmigkeit zu tun.

sixela
22
14.12.2009, 15:37
Das ist tatsächlich beängstigend

Wenn die Ganzkörperverschleierung gewissermaßen zu einer Volksbewegung und der Kampf gegen sexuelle Freizügigkeit und für die totale Trennung von Mann und Frau ausserhalb der "Familie" von "unten" kommt.

Ich sehe Ägypten nach Abtritt des korrupten Mubarak-Regimes als nächsten Taliban-Staat im Nahen Osten. Wieder fällt ein Dominostein zugunsten des Steinzeit-Islam-Faschismus.

anders and
 
01
14.12.2009, 22:41
die Domino-Therorie

dient einzig zur Mobilisierung des Westens,
und nie zur Prognose der weiteren Entwicklung.

hexe caracas
11
14.12.2009, 15:13
wieso ist die untere Schicht entrechtet?

Es ist ein Kampf Arm gegen Reich oder umgekehrt- genauso wie überall auf der Welt.
Ägypter können froh sein, daß sie vom Westen (USA)
unterstützt werden. Und ohne EU-Tourismus wären sie noch schlimmer dran. Mit steigender Islamisierung
sinken die Einahmen! Aber das begreifen sie nicht!

Maria Lacina
13
14.12.2009, 14:44
wie..

schafft man es, ein Kind mit so wenig selbstvertrauen zu erziehen, dass es sich dann nur sicher und respektiert fühlt, wenn es quasi unsichtbar ist?

Angelika70
18
14.12.2009, 14:30

Die Tierärztin tut mir leid, wenn sie Respekt für ihre Person daraus ableitet, dass man sie nicht anstarrt.

Ich fordere alle Männer auf, diesen Verhüllungsschwachsinn und die daraus entstehende Männerdiskriminierung zu bekämpfen! Es sind die Männer, die in dieser Kultur als sekssüchtige Triebgesteuerte hingestellt werden, die sich beim Anblick einer unverhüllten Frau nicht beherrschen können.

flonks
00
14.12.2009, 18:48

Ich will Seks!

Angelika70
00
14.12.2009, 22:58

Und ich will keinen Foromaten, der mich zu solchen präventiven Falschschreibungen zwingt.

Prostetnik Vogon Jeltz
06
14.12.2009, 14:18
"Immer wieder hätten sich Männer unter dem Schleier getarnt in die Räume der Frauen eingeschlichen"

Eine Niqab-Trägerin muss "bereit sein zu kämpfen":

Na eh - wie sollen sie denn sonst ihre Sexualität ausleben??? Die Jungs kommen ja nicht in die Schlafsäle rein, wenn die Masche mit dem Verschleiern nimmer zieht!!!

KÄMPFT um eure Schäferstündchen - nieder mit den verklemmten Regulierungsversuchen der Regierung!!!!

;-)

alles neu macht der mai
06
14.12.2009, 13:00

da merkt man, wie unheimlich komplex diese ganze geschichte ist.
zunächst: ich halte verschleierung für frauenverachtend. und man muss verschleierung und kopftuch unterscheiden - da gibt es m.E. große unterschiede.

aber was macht man mit gebildeten frauen, die beruflich erfolgreich sein wollen und auch das potenzial haben, sich aber einer frauenverachtenden praktik bedienen?
denen vorzuschreiben, sie dürfen nicht - ist das nicht wieder genau der gleiche paternalismus, den frauen abzuschütteln versuchen?
ich glaube wirklich, dass verbote nichts bringen. wichtig wären hingegen positive role models - erfolgreiche frauen, unverschleiert, selbstbewusst. und ehrlich gesagt, von denen gibt es auch in säkularen ägyptischen kreisen eher wenig.

Helge Remsgard Remsgard
01
14.12.2009, 12:37

ich wünschte ich würde diesen verschleierungs-blödsinn wirklich verstehen

caranx
01
14.12.2009, 16:50
"verschleierungs-blödsinn"

Die Verschleierung in den meisten arabischen Ländern ist, wie auch bei uns, zum grossen Teil zu einem Syndrom der sozialen Unterschicht geworden.

(Auch wenns damit nichts zu tun hat: Die einheimischen Prostituierten haben aus naheliegenden Gründen als erste die Vollverschleierung aufgegriffen.)

Gusti Rentner
24
14.12.2009, 14:32
Ganz einfach: Was den Hippies die langen Haare und das "Blumenkinder-Outfit" waren, ist den Schleier-Damen jetzt das Hangerl vorm Gesicht:


Ein Ausdruck des Protests gegen das "Establishment".


Allerdings waren die Hippies als Personen leicht identifizierbar, die "Mummenschanz-Mumien" sind es aber nicht mehr.
Siehe Artikel: Immer wieder verkleidete Männer unter dem "Niqab".
Was für ein Gefühl, wenn so ein Wesen z.B. eine Bank betritt, und niemand weiß: Wer oder was kommt jetzt?
Egal wie demokratisch oder undemokratisch eine Regierung sein mag: sicherheitspolitische Interessen, die gegen eine solche Maskerade sprechen, gibt es im Sinne der Bürger/innen genug.

Dass das Phänomen aus religiöser Sicht keinen Halt findet, hat Scheich Tantawi ja dargetan.

sixela
32
14.12.2009, 15:41

Falsch. Es ist der Kampf gegen außereheliche Sexualität bis hin zur Berührung der Hände von Mann und Frau ausserhalb der Familie. Das schreibt ihnen der Islam offenbar vor.

Beängstigend, aber man sollte diesen ganzen "Protest"-Schmäh nicht glauben.

Im übrigen ist es genau das Gegenteil der 68er-Bewegung, die bei allen Fehlern, die sie machte,für die sexuelle Befreiung kämpfte.

Überdrüber1
00
14.12.2009, 22:13
Das schreibt ihnen der Islam offenbar NICHT vor!


Es steht im Artikel, was der Scheich der islamischen Universität Al Azhar von dem Schleier-Zirkus hält, nämlich gar nichts. Er lehnt ihn ab !




sixela
00
14.12.2009, 23:57

Tja, der Scheich gegen Millionen von Moslems...

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