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Claudia Wascher schrieb ihre Dissertation über Graugänse, jetzt arbeitet sie mit Krähen.
Der Alltag einer Patchworkfamilie kann anstrengend sein. Claudia Wascher weiß das. Sie ist gewissermaßen die Mutter einer solchen Schar - einer Krähenschar, um genau zu sein. Dass die 27-jährige Wissenschafterin seit fünf Jahren an der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle (KLF) in Oberösterreich ihre Tage und auch die eine oder andere Nacht mit einer Gruppe von zurzeit acht Rabenkrähen verbringt, ist einem glücklichen Zufall zu verdanken: Ist doch ein Philosophie-, Psychologie- und Pädagogik-Studium auch mit einer Erweiterung um Biologie und Umweltkunde nicht unbedingt ein Direkt-Ticket zur Verhaltensforschung.
Doch als sich Claudia Wascher 2004 auf einen Aushang an der Grazer Uni hin als "Handaufzieherin" für Gänse an der KLF bewarb, war ihr berufliches Schicksal besiegelt. Sie hatte ein Händchen für das kluge Geflügel, durfte bleiben, und ihre Forscherleidenschaft konzentrierte sich fortan aufs Federvieh. In ihrer Dissertation untersuchte sie den Einfluss sozialer Interaktionen auf den Herzschlag von Graugänsen - "der steigt sogar, wenn sie Feindseligkeiten zwischen anderen Gänsen nur beobachten", ist Claudia Wascher von der sozialen Sensibilität dieser Tiere beeindruckt.
Mittlerweile arbeitet sie mit Rabenkrähen - aus dem Nest gefallenen, angefahrenen oder anders verunfallten Vögeln, die in freier Wildbahn nicht überleben könnten. Aus dem ursprünglichen Hilfs- wurde bald ein Forschungsprojekt, da sich die Rabenkrähen durch ihre erstaunliche Intelligenz dafür geradezu anbieten.
Worum geht es dabei? "Ich möchte herausfinden, ob Rabenkrähen ähnlich wie Menschen oder Primaten mit Ablehnung auf ungleiche Behandlung reagieren", so die Verhaltensforscherin. Als Vorbereitung auf dieses Experiment werden die Vögel darauf trainiert, einen durchschnittlich attraktiven Happen, den sie schon im Schnabel haben, gegen eine Leckerei wie Käse oder Wurst mit ihrer Trainerin auszutauschen.
"Der springende Punkt dabei ist die Verzögerung", so Wascher. Immerhin ist Triebaufschub eine kog_nitive Leistung, die bekanntlich auch ungefiederten Zweibeinern mitunter schwerfällt. Und wie schneiden die Krähen bei diesem Härtetest ab? "Es funktioniert", freut sich Wascher über die Performance ihrer Probandinnen. "Natürlich gibt es individuelle Unterschiede. Aber letztlich konnte ich erstmals zeigen, dass sich auch Krähen für solche Experimente - die bislang noch nie an Vögeln durchgeführt wurden - eignen." In den nächsten Monaten wird sich herausstellen, wie sie auf Ungerechtigkeit reagieren.
Dass Claudia Wascher auch nach diesem Projekt - für das sie kürzlich das Stipendium "For Women in Science" des Kosmetikkonzerns L'Oréal, der Akademie der Wissenschaften und des Wissenschaftsministeriums erhalten hat - ihren Krähen die Treue halten will, steht für sie außer Frage. Um eventuellen regionalen Eigenheiten ihrer österreichischen Patchworkfamilie auf die Schliche zu kommen, möchte sie zwischendurch aber auch deren Artgenossen in anderen Teilen der Welt beobachten. Die dafür nötige Abenteuerlust ist reichlich vorhanden.
So hat sie letzten Sommer drei Monate im australischen Outback Apostel-Vögel beobachtet und davor ein Vierteljahr mit einer speziellen Rabenkrähen-Population in Spanien gearbeitet.
Einziger Wermutstropfen ist der wirklich schlechte Ruf ihrer Schützlinge in der Öffentlichkeit: „Leider dürfen Krähen in Österreich nun wieder bejagt werden. Dabei gibt es bislang keine einzige empirische Studie, die belegt, welchen Schaden sie tatsächlich anrichten." (Doris Griesser/Der STANDARD, Printausgabe 16.12.2009)
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