Religion als Hort des Patriarchats?

11. Jänner 2010, 08:48
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    foto: apa

    Grenzen der Vereinfachung: Genesis-konforme Darstellung des Ursprungs der Geschlechterdifferenz aus der Playmobil-Werkstatt eines deutschen Pastors.

Warum im Verhältnis zwischen Naturwissenschaften und Schöpfungsgeschichte die Chemie nicht stimmt: eine Erwiderung auf die Molekularbiologin und Wittgenstein-Preisträgerin Renée Schroeder

In einem in "Forschung Spezial" am 5. 1. 2010 veröffentlichten Standard -Interview macht die Molekularbiologin Renée Schroeder "die Religionen" für "die Missachtung der Frauenrechte" verantwortlich. Dieses simplifizierende Pauschalurteil folgt einem Denkmuster, das der Vielfalt von institutionalisierten und nicht institutionalisierten Formen von Religion in keiner Weise gerecht wird.

Natürlich gibt es in allen Religionen Traditionen, die zur Unterdrückung von Frauen beigetragen haben. Es ist wichtig, diese Entwicklungen genau zu analysieren und sich gegebenenfalls davon zu distanzieren. Aber sie lassen sich nicht verallgemeinernd auf "die Religionen" anwenden. Es gibt zum Beispiel jüdische Rabbinerinnen, evangelische Bischöfinnen und katholische Theologie-Professorinnen. Gelebte Religion ist genauso patriarchal oder gendergerecht wie die Gesellschaft, in der sie praktiziert wird.

Es stimmt nicht, dass "in der Bibel oder im Koran oder in der Tora Frauen keine Stimme haben" und dass "die Jungfrau, die rein sein muss", die einzige Frau wäre, die in der Bibel Bedeutung hat. Der jüdische Tanach, die christliche Bibel, das Alte und Neue Testament, der muslimische Koran sind zweifelsohne in patriarchalen altorientalischen und antiken Gesellschaften entstanden. Aber sie enthalten neben manchem Frauenfeindlichen auch Traditionen, in denen Frauen durchaus gleichberechtigt sind: In den Schöpfungserzählungen der Genesis steht neben dem Bild von der Frau, die aus der Seite des Mannes geschaffen wurde, der Satz, dass Gott den Menschen zu seinem Bilde, männlich und weiblich, geschaffen hat (Gen 1,27). Die Erzelternerzählungen berichten von selbstbewussten Frauen, die genauso wie der bekannter gewordene Abraham die Entstehungsgeschichte des Volkes Israel mitgeprägt haben. Das Judentum kennt sieben Prophetinnen. Und im Neuen Testament enthält Gal 3,28 die Vision, dass in Christus alle Unterschiede zwischen Juden und Griechen, zwischen Sklaven und Freien und zwischen Mann und Frau aufgehoben sind etc.

Auch die Bibel ...

In einer anderen Passage des Interviews geht Schroeder so weit, die Sintflut als "Genozid" zu bezeichnen. Wer so argumentiert, verkennt den Charakter dieses biblischen Textes als Erzählung. Genozid oder Völkermord ist - nach Wikipedia-Definition - "der Versuch eines Staates oder einer herrschenden Gruppe, 'eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe ganz oder teilweise zu zerstören' (UN-Konvention von 1948)." Genozid ist Mord von Menschen an Menschen und hat mit Gott wenig zu tun. Die Sintflut ist ein literarisches Motiv, mit dem Menschen vor 3000 Jahren im Alten Orient ihre Erfahrungen mit Welt und Gott gedeutet haben.

Historische Bibelwissenschaft erforscht mindestens seit der Aufklärung die komplexen Entstehungsverhältnisse der Bibeltexte sowie Fragen unterschiedlicher Übersetzungs- und Auslegungsmöglichkeiten. Schroeders Zusammenfassung der Sintflut-Erzählung ("In der Bibel steht, Gott sah auf die Erde, und das, was er sah, gefiel ihm nicht") spricht dieser Vielschichtigkeit Hohn.

... ist ein "komplexes System"

Zuzustimmen ist Schroeder, wenn sie, anknüpfend an Melanie Mitchells Complexity, A Guided Tour, sagt: "Man betrachtet komplexe Systeme und sieht, dass viele Teilelemente und ihre Eigenschaften für die Form dieses Systems verantwortlich sind." Die Bibel ist allerdings genauso ein komplexes System, das aus vielen unterschiedlichen Stimmen, Motiven und Textsorten zusammengewachsen ist. Viele Menschen haben an verschiedenen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten an diesem Buch geschrieben, Material zusammengetragen, es immer wieder ergänzt und erweitert. Es gibt (fast) nichts, was es in der Bibel nicht gibt. Sie ist vielstimmig und facettenreich.

Warum ist es notwendig, den Graben zwischen Naturwissenschaften und Religion und Theologie so weit aufzureißen? Schroeder sagt: "Ich würde gerne den Zusammenhang verstehen, wie aus den Eigenschaften der Einzelmoleküle das Verhalten des Ensembles entsteht." Diese Frage lässt sich naturwissenschaftlich untersuchen. Aber die Frage nach dem Zusammenhang lässt sich auch als theologische stellen. Die leidige Gegenüberstellung von Evolutionstheorie und Schöpfungsgeschichte ist eine falsche Alternative.

Natürlich können wir heute nicht mehr hinter eine naturwissenschaftliche Erklärung der Entstehung der Welt zurück. Aber wir können daneben die alten biblischen Texte als Menschheitstexte lesen, in denen elementare Erfahrungen und Fragen des Menschen aufbewahrt sind. Die Schöpfungserzählungen der Genesis sind in ihrer Mischung aus menschlichen Erfahrungen mit mythologischen und theologischen Vorstellungen etwas ganz anderes als naturwissenschaftliche Erklärungen der Entstehung der Welt. Aber die dahinterliegenden Fragen sind vielleicht nicht so weit voneinander entfernt. (Marianne Grohmann*, DER STANDARD, 11.01.2010)

*Marianne Grohmann ist ao. Professorin für Alttestamentliche Wissenschaft an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.

Standard-Interview: Renee-Schroeder: Ich wollte doch zum Mond fliegen

DarktowerX
01
11.1.2010, 22:48
Theologie und Amtskirche

...haben nicht viel miteinander zu tun. Meiner Meinung nach reden Religionskritiker wie Schroeder oder der vielgehasste Dawkins und aufgeklärte Verteidiger von Religion stets aneinander vorbei. Selbstverständlich ist in wissenschaftlich-theologischen Diskursen keine Rede von wörtlich zu glaubenden Wundern, es gibt keine Debatte darüber, ob jemals eine Frau schwanger geworden ist, ohne Sex zu haben etc. Sich als modern fühlende Gläubige stehen in Wirklichkeit genauso weit außerhalb der kirchlichen Lehrmeinungen wie Dawkins. Wer nicht an die biologische Jungfräulichkeit glaubt, steht außerhalb der Kirche! Siehe Beispiel Drewermann. Die Religionskritiker wehren sich einfach gegen die verbeamtete Wahrheitsverkündung der Amtskirche - zu Recht.

Klosterwolf
 
00
12.2.2010, 04:40
Die Kritik reicht weiter

Es geht von Feuerbach bis Dawkins nicht speziell um Kritik an der Amtskirche, sondern am christlichen Glauben überhaupt, der als menschgemachter Unsinn angesehen wird.

Klosterwolf
 
00
11.1.2010, 19:17
Andere Bibelstelle

Ihr sollt aber wissen, dass Christus das Haupt des Mannes ist, der Mann das Haupt der Frau und Gott das Haupt Christi. ... Der Mann darf sein Haupt nicht verhüllen, weil er Abglanz Gottes ist; die Frau aber ist der Abglanz des Mannes. Denn der Mann stammt nicht von der Frau, sondern die Frau vom Mann. Der Mann wurde auch nicht für die Frau geschaffen, sondern die Frau für den Mann.
Der erste Brief des Paulus an die Korinther, Kap. 11 (3, 7-9)

nachtflug_
00
11.2.2010, 16:21

lieber klosterwolf
so ist alles auslegungssache, es gibt schon im alltag kaum eine sache die nicht von zwei seiten gesehen werden kann. schön wäre es hier nach dem zu gehen, was sicher im sinne christi ist, nämlich keinen unterschied zwischen zwei menschen zu machen, welchem geschlecht, herkunft oder was auch immer.
warum auch? wir sind letztendlich alle gleich

Klosterwolf
 
00
12.2.2010, 04:36
alle gleich?

Lieber Nachtflug,
wir sind zwar alle sterblich, aber doch - gottseidank -sehr unterschiedlich. Jesus hat durchaus unterschieden und (ab)gewertet. Pharisäer mochte er nicht, und er hat vielen Menschen die Hölle prophezeit. Lesen Sie doch einfach mal das Evangelium nach Matthäus. Sollte Ihnen das zu mühselig sein: Für Menschen, die nicht wissen, was in der Bibel steht, habe ich eine Reimbibel verfasst, die etwas leichter zu lesen ist als das "Original": www.reimbibel.de

nachtflug_
00
13.2.2010, 00:12

lieber klosterwolf, gerade das nt kenne ich sehr gut, danke für ihren vorschlag, aber ich habe keine mühe mit dem lesen. ich denke nicht, dass jesus abgewertet hat, nur hingewiesen, z. b. auf die nächstenliebe und da wäre ich auch schon bei meiner meinung alle seien gleich. vom ansatz her zu sehen. was jeder aus seinem leben macht ist freilich die freiheit, die uns zu dem macht was wir letztendlich sind. ob mann oder frau.

Klosterwolf
 
00
13.2.2010, 03:00
Ihre Illusionen über Jesus

Dass Sie lesen können, glaube ich Ihnen ja. Aber Sie sehen den in den Evangelien zusammenphantasierten Jesus durch die rosa Brille. Schauen Sie sich doch mal diese "Hinweise" Jesu an:
http://www.reimbibel.de/Jesus.htm

In der Liebe kann es große Ungleichheit geben: z.B. Mutter und Kind sind alles andere als gleich. Diese Art von Nächstenliebe hat es schon vor Jesus gegeben, und Appelle an den Anstand verändern Menschen ohnehin nur selten. Vorbilder und Gesetze schon eher. Die Menschheit ist nach Jesus keineswegs besser geworden. Den Opfertod hätte ihm sein alter Herr lieber ersparen sollen.

Und von welchen Einflussfaktoren der Wille frei sein soll, hat mir auch noch niemand erklären können. Sind Sie aus freiem Willen Christ?

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