Hilfsorganisation Care alarmiert: Soziale Schutzmechanismen außer Kraft - Polizei macht vor allem geflohene Häftlinge an Vergewaltigungen verantwortlich
Port-au-Prince - Nach dem Erdbeben in Haiti werden Frauen zunehmend Opfer von Gewalt.
Laut Polizei werden Frauen und Mädchen, die in Zelten Zuflucht
gesucht haben, belästigt und vergewaltigt.
Kriminelle schuld an Gewalt gegen Frauen
Der Polizeichef von Port-au-Prince Mario Andresol machte rund 7.000 verurteilte
Kriminelle für die Zunahme der Gewalt verantwortlich, die nach dem
Erdbeben aus zerstörten Gefängnissen entkommen waren. "Wir haben
fünf Jahre gebraucht, um sie zu fassen, und heute laufen sie frei
herum und werden uns Probleme bereiten", sagte der Polizeichef.
Offizielle Zahlen zu den Opfern gibt es nicht, Frauenorganisationen
in der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince alarmierten
allerdings die Vereinten Nationen.
Die internationale Hilfsorganisation Care verwies hingegen darauf, dass von der UN bereits 2008 ein Anstieg der Gewalt gegen Frauen verzeichnet wurde: Nach
den Wirbelstürmen nahm sexuelle Gewalt in Notunterkünften, sexuelle Erpressung, um Nahrung zu
bekommen und Ausbeutung zu.
Soziale Schutzmechanismen außer Kraft
Dunkle Straßen nach Stromausfällen, überfüllte Notlager
ohne abgetrennte Waschgelegenheiten und ohne Privatbereich erhöhen nun erneut das
Risiko von Belästigung und Übergriffen für Frauen und Mädchen. "Viele
werden aber auch im Austausch für Nahrung, Geld oder eine Unterkunft
dazu gezwungen, sich zu prostituieren", erklärt Andrea Wagner-Hager,
Geschäftsführerin von Care Österreich.
Ihre Arbeit zielt darauf, das zu verhindern: Gemeinsam mit betroffenen Frauen und
Männern, werden sichere, gut beleuchtete und nach Geschlechtern
getrennte Duschplätze und Latrinen errichtet. Nach dem Erdbeben ist
nicht nur die Verwaltung und damit auch das Polizeisystem
zusammengebrochen. Auch traditionelle soziale Schutzmechanismen
funktionieren nicht mehr. "Umso notwendiger ist es jetzt, Frauen und
Mädchen Unterstützung zukommen zu lassen", betont Wagner-Hager.
Ungeplante Schwangerschaften
"Es ist
wichtig, dass den Opfern von Vergewaltigung und sexueller Belästigung
zuverlässig und vertraulich geholfen wird. Dazu gehören auch
medizinische Versorgung, psychologische Betreuung und Mittel zur
Empfängnisverhütung." Frauen, die Opfer von psychischer oder
physischer Gewalt geworden sind, werden oft ungeplant schwanger und
leiden an Geschlechtskrankheiten und AIDS. "Wir stellen deshalb auch
die Versorgung von schwangeren Frauen sicher", ergänzt Wagner-Hager. "Sie erhalten Entbindungs-Kits und werden an professionelle
Geburtshelfer vermittelt, sollte es zu Komplikationen kommen."
Derzeit
sind etwa 37.000 Frauen allein in Port-au-Prince schwanger, etwa 10.000
davon stehen kurz vor der Geburt. Care verteilt daher Neugeborenen- und
Entbindungs-Kits, die ein Handtuch, Seife, sterile Rasierklingen und
Bindfäden zum Durchtrennen der Nabelschnur und medizinische Handschuhe
beinhalten. Für die kleinen Babies gibt es eine Decke, einen
Strampelanzug, Mütze, Söckchen, und Windeln. (red/APA)
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