Braune Vorgeschichten

02. Februar 2010, 18:52
  • Artikelbild: Christiane Rothländer 
rekonstruiert Nazi-Netzwerke. - Foto: Zeidler

    Christiane Rothländer rekonstruiert Nazi-Netzwerke.

Die Wiener Historikerin Christiane Rothländer erforscht die Geschichte der Täter

Auf dem Heldenplatz wehen die Hakenkreuzfahnen, nur - wo ist Adolf Hitler? Das Foto, das vom März 1938 zu sein scheint, ist von 1932. Ja, bereits Jahre vor dem "Anschluss" gab es in Wien genügend Nazis, um den Heldenplatz zu füllen. Dieses Foto ist eines von vielen Belegen, die zeigen, wie stark die NSDAP schon am Ende der Ersten Republik war.

"Nur wissen wir darüber noch viel zu wenig", konstatiert die Wiener Historikerin Christiane Rothländer. Der "Anschluss" habe diese braune Vorgeschichte überlagert, auch bei den Historikern. Wie waren die frühen Netzwerke der Nazis in Wien organisiert? Wer hat hier die SS gegründet, wer die SA? Dies seien noch weitgehend unbearbeitete Fragen.

Einem ersten Forschungsdesiderat haben sich Rothländer und ihre Kolleginnen bereits gewidmet, dem "Adolf-Hitler-Haus", wie das Gebäude in der Hirschengasse 25 im 6. Wiener Gemeindebezirk früher hieß. Schon im Dezember 1931 schlug die NSDAP hier ihr Wiener Hauptquartier auf. Die Nachbarn, insbesondere Juden, wurden drangsaliert, von dort aus wurden die Terroranschläge im Juni 1933 geplant.

Die aus St. Pölten stammende Historikerin hat eine sehr persönliche Motivation, sich mit dem Nationalsozialismus auseinanderzusetzen: "Ich komme selbst aus einer 'Täterfamilie'." Ein Großvater war Mitglied eines SS-Totenkopfverbandes, der andere ein illegaler SA-Mann und späterer Ortsgruppenleiter. Nachdem sie sich in ihrer Dissertation mit dem österreichischen Psychoanalytiker Karl Motesiczky (1904-1943), einem Opfer des Nationalsozialismus, beschäftigte, bilden nun die NS-Tätergeschichte und der Austrofaschismus ihre Forschungsschwerpunkte.

"Mir ist es sehr wichtig, interdisziplinär zu forschen", betont Rothländer, die neben ihrer langjährigen Kooperation mit einer psychoanalytischen Arbeitsgruppe seit 2004 am Institut für Rechts- und Verfassungsgeschichte der Uni Wien beschäftigt ist und derzeit an einem FWF-Projekt über "Politisch motivierten Vermögens-entzug in Wien 1933-1938" arbeitet. Dabei rekonstruiert sie, wie die Austrofaschisten versuchten, ihre politischen Gegner, also Kommunisten, Sozialdemokraten und auch die Nationalsozialisten, ökonomisch auszuschalten.

Der Aufwand für die Bürokratie und das Rechtswesen war dabei erheblich, zum Teil höher als der durch die Enteignung erzielte "Gewinn", und zwar nicht zu- letzt deshalb, weil das Dollfuß/ Schuschnigg-Regime auf den Anschein der Legalität Wert legte. Auf das Know-how der im Austrofaschismus tätigen Beschlagnahmeexperten konnten die Nazis nach 1938 zurückgreifen.

Die intensive Beschäftigung mit der Tätergeschichte sei zwar emotional durchaus belastend, meint Rothländer, ihre Produktivität leidet allerdings nicht darunter. In ihrer "nicht vorhandenen Freizeit" hat sie nun noch ein Buch über "Die Anfänge der Wiener SS" geschrieben, das im Frühjahr erscheint. (Oliver Hochade/DER STANDARD, Printausgabe 03.02.2010)

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zwergleviathan
24.03.2010 11:01
schade daß da immer nur Täter steht, nie TäterInnen

denn man nehme die weiblichen KZ-AufseherInnen Grese, Volkenrath, Bormann, Bothe, Ehlert oder die "Blutschwester Pia"

NS-Verbrechen sind kein Privileg der Männer

aber das liest Frau nicht so gerne

malene
04.02.2010 16:53
Großartige Frauen...

...Christiane Rothländer und ihre Kolleginnen! Wurde auch Zeit, dass endlich die Geschichte der Täter erforscht wird!

flary
03.02.2010 15:42

schade, dass ich da meine großmutter nicht mehr befragen kann, da gestorben. sie war nämlich eine sogenannte "illegale", aber die genauen umstände waren nicht aus ihr herauszubringen.

ich bin aber überzeugt, dass sie nicht die einzige war, die diesen weg ging - hat uns ja die geschichte schließlich später gezeigt....

merz1 
03.02.2010 14:17

schön-aber bitte nicht auf die täterinnen in diesem zusammenhang vergessen! ganz fein die führsorgerinnen die im nachhinein bei den prozessen meinten-ich täterin? kann ja nicht sein-da frau...ich sag nur historikerinnenstreit

Jane Lane   
10.02.2010 19:28
Na, dass die (insesondere) KZet-Aufseherinnen bei den Prozessen ...

...gesagt hätten "ich täterin? kann ja nicht sein-da frau..." entspricht wohl eher Ihrer Polemik als der Wahrheit gell...;) Diese Aussage wäre zu dieser Zeit noch garnicht in diesem Kontext verstanden worden, in dem Sie das jetzt hier rüberscheibn wollen, weils den Kontext noch garnicht gab - "Befehl von oben" und "Stimmt ja garnicht!" war da als Ausrede eher en vogue.

Ich weiß zwar nicht wen sie mit "führsorgerinnen" meinen, aber Zwecks Vertiefung zu dem Thema:

http://www.holocaust-history.org/questions... azis.shtml

http://de.wikipedia.org/wiki/SS-Gefolge

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