FGM

Tradition ist keine Entschuldigung

4. Februar 2010, 11:17

Am 6. Februar heißt es alljährlich "Null Toleranz gegen Genitalverstümmelung": Erste Erfolge sollen durch Europäische Kampagne verstärkt werden

Am 6. Februar ist der internationale Tag gegen weibliche Genitalverstümmelung (Female Genital Mutilation, FGM), der zu "Null Toleranz" gegen die noch in vielen Ländern der Welt, vor allem in Afrika und Asien, verbreitete Tradition aufruft. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) versteht unter FGM "alle Verfahren, welche die teilweise oder vollständige Entfernung der äußeren Genitalien zum Ziel haben, sei es aus kulturellen oder anderen nichttherapeutischen Gründen".

155 Millionen Frauen haben diesen grausamen Eingriff in ihrer Kindheit erleiden müssen und man geht davon aus, dass täglich weitere 7000 Mädchen - vor allem in west- und nordafrikanischen Ländern - Opfer dieses "Rituals" werden. Rund drei Millionen Mädchen sterben laut Schätzungen des internationalen Kinderhilfswerks UNICEF an den Folgen. Auch in Österreich leben laut Schätzungen in Folge von Migration etwa zwischen 6.000 und 8.000 betroffene Mädchen und Frauen.

Verstümmelung verhindern

Um Betroffenen und Gefährdeten zu helfen, hat die Nationalratsabgeordnete Petra Bayr 2003 die "Österreichische Plattform gegen weibliche Genitalverstümmelung - stopFGM" initiiert, um hierzulande die politische Arbeit gegen diese spezifische Form der Gewalt an Frauen voranzubringen. Die Plattform wird mittlerweile von zahlreichen frauenpolitischen Einrichtungen und Personen unterstützt. "Unser Auftrag ist es, dem psychischen und physischen Schmerz, den Millionen von Frauen und Mädchen durch weibliche Genitalverstümmelung erleiden, ein Ende zu bereiten", erläuterte die SPÖ-Bereichssprecherin für Globale Entwicklung am Donnerstag im Rahmen einer Pressekonferenz zusammen mit Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek, der Wiener Frauengesundheitsbeauftragten Beate Wimmer-Puchinger und Nesrin Sayed-Ahmed.

Die Plattform stopFGM ist als Netzwerk konzipiert, welches gezielte Initiativen zu Aufklärung und Information in Österreich setzt, "denn neben Beratung für Opfer dieser Verstümmelung ist vor allem die Prävention von entscheidender Bedeutung", so Bayr. "Wir wissen aus Befragungen, dass hier lebende MigrantInnen mit ihren Töchtern auf Heimaturlaub fahren, um sie dieser schweren Körperverletzung auszusetzen", so Bayr, "deshalb ist es besonders wichtig, durch Aufklärung und Information diesen Akt der - in Österreich selbstverständlich auch dann verbotenen, wenn sie im Ausland durchgeführt wird - Verstümmelung an den weiblichen Genitalien zu verhindern."

Info-Folder für die Eltern

Aus diesem Grund hat die Plattform stopFGM einen Folder in fünf Sprachen produziert, der sich direkt an Eltern richtet, die eventuell überlegen, ihre Tochter verstümmeln zu lassen - weil sie oftmals glauben, das sei das Beste für ihr Mädchen. "Wir klären darüber auf, was für gesundheitliche Schäden FGM verursacht - sowohl in physischer als auch in psychischer Hinsicht", erklärt Bayr, "wir machen klar, dass FGM entgegen eines weit verbreiteten Irrtums keine religiöse Begründung hat und dass die Rechtssituation in Österreich eindeutig ist: schwere Körperverletzung ist bei uns verboten und wird mit bis zu zehn Jahren Haft bestraft." Diese Eltern-Folder wurden bereits seit November vom Gesundheitsministerium an über 1.3000 niedergelassene ÄrztInnen zur Auflage in ihren Praxen österreichweit versandt.

Europäische Kampagne startet

Österreich beteiligt sich zudem an einer internationalen Initiative mit Amnesty International. Am 17.2. wird die europäische Kampagne gegen FGM im Rahmen einer Kick-Off-Veranstaltung im Parlament präsentiert. "Es freut mich auch, dass immer mehr Bürgerinnen und Bürger sensibilisiert werden", so Bayr. So wurde beispielsweise kürzlich eine grenznahe Beauty-Salon-Einrichtung entdeckt, die unter dem Titel "Beschneidung" auch weibliche Genitalverstümmelungen durchführt und gegen die nun auch vorgegangen wird. "Es ist nicht hinzunehmen, dass Frauen durch solche Eingriffe ihr Leben lang die Lust an Sexualität geraubt wird."

Asyl für Betroffene

Für die Grünen ist der 6. Februar wieder Anlass, ihre Forderung nach Asyl für Betroffene zu erneuern: "Frauen, die vor drohender Genitalverstümmelung flüchten, müssen in Österreich Aufnahme finden", betonte Frauensprecherin Judith Schwentner.

Miteinbezug der Männer...

Auch eine der weltweit größten internationalen Hilfsorganisationen, Care, hat sich dem Thema längst angenommen. "Traditionen können niemals eine Entschuldigung für eine menschenrechtsverletzende Praktik wie die weibliche Genitalverstümmelung sein", erklärt Andrea Wagner-Hager, Geschäftsführerin von Care Österreich. "Auch jahrtausendealte Riten können durchbrochen werden. Aufklärung von Frauen und Männern ist der Schlüssel zur Veränderung", verweist Wagner-Hager auf ein erfolgreiches Projekt von Care in Äthiopien. Nur Zeit braucht es schon: CARE arbeitet in Äthiopien seit mehreren Jahren mit dem Volk der Afar. 95 Prozent der Frauen dieses Nomadenvolkes sind beschnitten. Nur so war es bisher möglich, einen Ehemann zu finden und damit versorgt zu sein. Im Rahmen eines Gesundheitsprojekts gelang es Care über die negativen Folgen der Genitalverstümmelung aufzuklären.

"Wir arbeiten mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus der Region und wir arbeiten nicht nur mit den Frauen, sondern auch mit den Männern", erklärt Wagner-Hager. Mit Hilfe eines Videofilms wurde das Schweigen gebrochen: Dorfälteste der Afar wurden über die Genitalverstümmelung informiert. Die Stammesführer sprachen sich daraufhin klar dagegen aus. "Aufklärung ist ein erster und wesentlicher Schritt", betont Wagner-Hager.

...und Hebammen als "Change Agents"

Care arbeitet auch mit Hebammen zusammen, die bei den Afar für die Genitalverstümmelungen verantwortlich sind. Sie werden informiert und davon überzeugt, dass FGM gerade auch bei Geburten zu schwerwiegende Komplikationen führen kann. "Hebammen werden damit zu wichtigen 'Change Agents', die heute die Mädchen davor bewahren, beschnitten zu werden", ergänzt Wagner-Hager.

Unterschriften für bessere Versorgung

In Deutschland engagiert sich die Frauenrechtsorganisation "Terres des Femmes" mit der Kampagne "Kein Schnitt ins Leben" gegen FGM. Zum 6. Februar startet sie überdies eine Unterschriftenaktion zur Verbesserung der medizinischen Versorgung betroffener Frauen in Deutschland. NachTerres des Femmes-Berechnungen gibt es dort über 20.000 bereits betroffene Frauen. 

Dennoch ist weibliche Genitalverstümmelung in Deutschland bislang nicht im medizinischen Diagnoseschlüssel enthalten. Mit der Aufnahme in den Diagnoseschlüssel könne die Zahl der betroffenen Frauen, die aufgrund weiblicher Genitalverstümmelung medizinische Unterstützung benötigen, erfasst werden, zeigt man sich bei Terres des Femmes überzeugt. In der Vergangenheit haben sich Krankenkassen immer wieder geweigert, die Kosten für umfassende Beratungsgespräche oder notwendige medizinische Behandlungen zu übernehmen, da die Behandlung der Folgen weiblicher Genitalverstümmelung nicht im Abrechnungsverzeichnis der Krankenkassen auftaucht. Auch das möchte Terres des Femmes ändern.

"Mit der Unterschriftenaktion möchten wir dazu beitragen, dass sich die Situation betroffener Frauen in Deutschland verbessert", so Irmingard Schewe-Gerigk. Terres des Femmes unterstützt damit die Kampagne "Stop FGM now!" von Waris Dirie, die mit ihrer Autobiografie "Wüstenblume" Millionen Menschen weltweit auf das Thema Genitalverstümmelung aufmerksam machte. (red)

Böses Beelzemädchen
00
Wenn ich das Bild dieses Mädchens sehe und

den verängstigten und verzweifelten Blick, dann wird mir schlecht von der Verstellung, was es erleiden musste und was ihm noch bevorsteht.
Soviel wurde schon unternommen um dieses Leid zu unterbrechen, aber solange die einzelnen Regierungen da nicht umschwenken und die Verstümmelung unter Androhung von schweren Strafen verbieten und das Volk gleichzeitig aufklären, wird sich viel zu wenig tun, um das Elend zu beenden.

Böses Beelzemädchen
00
Ich bin auch gegen die Geschlechtsverstümmelung

der jüdischen und der moslemischen Buben. Das ist in meinen Augen genauso Körperverletzung, die durch nichts gerechtfertigt ist. Tradition kann keine Rechtfertigung für organisierte Verstümmelung sein. Wer das mit 18 J. macht, soll es machen, aber vorher soll es verboten sein.

Thomas Felder
00
Unterstützenswert

ist die Plattform von Petra Bayr!!

Stoppt diesen Irrsinn!!!


Die Fr. Dirie würde ich aus mehreren Gründen nicht unterstützen

Böses Beelzemädchen
00
Vielleicht können Sie am Schicksal von

Waris Dierie lernen, dass gewaltvolle, lebensbedrohliche - in ihrem Fall extrem radikale Verstümmung der inneren und äußeren Schamlippen mit einer Rasierklinge, samt Zunähen und das ohne Betäubung - nicht nur einen körperlichen sondern auch einen seelischen Schaden hinterlässt. Sie wollte mit ihrem Outing helfen und überall wo sie jetzt hinkommt und geht und steht, sehen jetzt alle in ihr die "Verstümmelte" und das ist für sie sicher eine Belastung.

stopfgm
00
an t. felder

die gründe, wieso sie w.dirie nicht unterstützen würden, interessieren mich. (nicht dass ich sie unbedingt unterstützen möchte, im gegenteil, ich möchte mich einfach erkundigen, was "unterstützenswert" ist)

Thomas Felder
00

weil die Dame durch ihr Benehmen und ihren offenen Aufruf zur Gewalt gegen Männer in Ihrem Buch für mich nicht unterstützenswert ist, deswegen

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.