
Helene Hegemann, Tochter des ehemaligen Volksbühne-Dramaturgen Carl Hegemann, verfügt über etliche Parallelen zu ihrer vom Leben gebeutelten Romanheldin.
In ihrem Roman beschwört sie das Dasein eines jungen Mädchens am Rande derWohlstandsverwahrlosung.
***
Berlin - "Ey, geil, dass du mal wieder da bist, wo warst du denn?" Diese Frage der Mitschülerin Margit Kratzmüller an ihre Klassenkameradin Mifti erfordert eine lange Antwort. Denn Mifti war tatsächlich schon lange nicht mehr in der Schule, so lange, dass sie in ihrer Abwesenheit einen ganzen Roman erleben konnte. Und dieser Roman ist dann auch gleich Stadtgespräch in Berlin und darüber hinaus geworden: Axolotl Roadkill von Helene Hegemann (erschienen bei Ullstein) ist die Geschichte von Mifti, die schon lange nicht mehr so richtig zur Schule geht, dafür aber offensichtlich sehr früh und heftig in die Schule des Lebens gegangen ist.
Parallelen zwischen den Autorin und der Heldin drängen sich auf, Helene Hegemann wird in ein paar Tagen 18, Mifti im Buch ist 16, aber das Buch spielt auch im Sommer der letzten Fußball-EM. Dazu kommt, dass Helene Hegemann aus einer im kulturellen Leben Berlins nicht ganz unbekannten Familie kommt - sie ist die Tochter von Carl Hegemann, der viele Jahre lang als Dramaturg und Vordenker die Volksbühne maßgeblich mitgeprägt hat, deren Sound man in Axolotl Roadkill als nicht so fernes Echo erkennen kann. Die Mutter von Helene Hegemann ist vor einigen Jahren gestorben, als große Abwesende ist sie in dem Buch sehr gegenwärtig.
Ein Mädchen, das noch zur Schule gehen sollte, macht in einer großen Stadt einen Crash-Kurs für das Leben der Erwachsenen: Sex und Drogen, Wohlstand und Verwahrlosung, große Auskenne und starke Dröhne. "Meine Existenz" , sagt Mifti und schreibt Hegemann, "setzt sich momentan nur noch aus Schwindelanfällen und der Tatsache zusammen, dass sie von einer hyperrealen, aber durch Rohypnol etwas schlecht aufgelösten Vaselintitten-Installation halb zerfleischt wurde."
Wer daraus einen geraden Satz machen wollte, hätte das Buch schon verfehlt. Denn in Axolotl Roadkill geht es gerade darum, aus einer Sprache, die eher ein Sound ist, ein hohes Maß an Reflexion herauszuholen. Dass diese Reflexion jederzeit wie Altklugheit klingen kann, ist unumgänglich. Dagegen stehen aber zahlreiche Beschreibungen heftiger körperlicher Schmerzerfahrungen, die als "Borderlinesyndromscheiße" zumindest in Ansätzen (literarisch) eingeordnet werden: "Ich stehe weinend im Zimmer meiner Mutter, mir werden zwei Porzellandosen mit meinen Milchzähnen und unbegründete Anschuldigungen in die Fresse gefeuert. Sie sagt, dass sie sterben wird. Sie durchtrennt meine Kniekehle mit einer Cutter-Ersatzklinge. Sie durchtrennt mit geringer Kraftaufwendung meine Sehnen, sie zerschneidet alles, was im Entferntesten zu mir gehört, sie setzt meine offenen Wunden mit einem nachfüllbaren Elektronik-Langfeuerzeug in Brand, das mit einer Werbung für Frischhaltefolien bedruckt ist und eine Kindersicherung hat. Sie sagt, dass ich das Beste bin, was ihr je passiert ist. SIE SAGT, DASS ICH DAS BESTE BIN, WAS IHR JE PASSIERT IST."
Wiederbelebte Popliteratur
Mit diesem Satz endete auch schon der Film Torpedo (als DVD bei Fahrenheit 451 erhältlich), den Hegemann mit 17 drehte, und mit dem sie zum ersten Mal ihren Status als wildes Wunderkind einer Berliner Kulturszene geltend machte, die zwischen der immer noch männlich dominierten Literatur und dem sprachlosen Nachtleben der Clubszene eine Verbindung denkbar machte. Axolotl Roadkill ist ein Trip, und als solcher auch Wiederbelebung und Endpunkt der über die Nullerjahre hinweg zunehmend anämisch gewordenen Popliteratur.
In Miftis Leben geht es nicht zuletzt darum, den Zeitpunkt am Morgen zu verpassen, an dem sie sich vielleicht dazu aufraffen könnte, in die Schule zu gehen. Und so ist Axolotl Roadkill ein Bildungsroman der ganz anderen Art geworden: eine unsentimentale, ja selbstzerstörerische Erziehungsgeschichte. Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn ihr Vater nicht so nomadisch leben würde. Nach dem Tod ihrer Mutter lebte Hegemann eine Weile in Wien, Carl Hegemann probte damals mit Christoph Schlingensief in der Stadt. "Ich fand die Leute da so wahnsinnig cool, ich habe mich verstanden gefühlt", hat die Autorin in einem Zeit-Interview gesagt.
Ob auch unter diesen Umständen Axolotl Roadkill entstanden wäre, werden wir nie erfahren, denn nach vier Wochen zogen die Hegemanns wieder nach Berlin. Nun stehen die Leser vor der Frage: Wie viel von der "Wohlstandsverwahrlosung" von Mifti ist Wohlstandsverwahrlosung der Helene Hegemann? Wer sich dafür nicht interessiert, kann in einen Text eintauchen, der als genialisches Frühwerk naturgemäß viel mehr Fragen aufwirft als beantwortet. Nur Margit Kratzmüller hat immerhin eine erschöpfende Antwort bekommen. (Bert Rebhandl, DER STANDARD/Printausgabe, 06./07.02.2010)
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nur so zur information: mittlerweile hat die autorin plagiat zugegeben.
interessant wäre die frage, warum der autor des originals weitgehend unbekannt bleiben konnte, sie aber so hochgejubelt wurde. nein, es hat nicht primär mit dem geschlecht zu tun (das fördert allerdings hype und verkaufszahlen), sondern mit ihrer "sozialen kompetenz" - papa ist halt ein halbgott im kulturbetrieb und sie hat von klein auf entsprechenden "connections".
So hat der 17-jährige Shootingstar der Berliner Szene, Helene Hegemann, bestätigt, dass sie ganze Passagen ihres gefeierten Debütromans "Axolotl Roadkill", wie sie selbst sagt, "regelrecht abgeschrieben" hat. Gestohlen hatte die 17-Jährige bei einem Berliner Blogger, ohne ihn als Quelle anzugeben. Erst jetzt, nachdem das Plagiat aufgeflogen war, streute sie ihm Rosen. Der Verlag weist jede Verantwortung von sich - ein Standpunkt, der nicht unumstritten ist.
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