Deutschland

Es war einmal in Berlin

13. Februar 2010, 09:17
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    foto: ap photo/michael probst

Eine der besonderen Blüten Berlins war die Frauenbewegung mit ihren Initiativen, Zentren und Lesbenbars - und heute?

Früher ... ja da war ‚unser' Berlin immer eine Reise wert. Umständlich hinzukommen, weil eingekesselt, aber in seinem Inseldasein besondere Blüten hervorbringend. Eine davon war die Frauenbewegung mit ihren sprießenden Projekten, Initiativen, Büchern, Zeitschriften, Zentren, Lesbenbars und -discos, besetzten Häusern - kurz die Berliner Feministinnen hatten Avantgardecharakter, auch hinsichtlich politischer Radikalität.

Heute... ja da sind die Mauern gefallen, das Reisen ist wie nach überall und mit der untergegangenen Insel ist auch das feministische Treibhaus dahin. Es existiert zwar nach wie vor eine Palette spezialisierter Angebote in der Spannbreite von Spinnboden (Lesbenarchiv) über s.u.s.i. (Interkulturelles Frauenzentrum) bis zu Marie e.V. (Chancengleichheit auf dem Arbeits- und Bildungsmarkt) - um nur einige zu nennen; aber die politisierte Luft scheint raus. So jedenfalls ist der Eindruck nach Interviews mit drei nach dem Kriterium des Angebots politischer Frauenbildung ausgewählten Projekten, die ich anlässlich meines Interesses an der Jubiläumstagung "Frauenaufbruch ‘89", an dem vor zwanzig Jahren (3.12.) über 1000 Frauen teilnahmen, besuchte.

Doch auch von diesem bewegten und bewegenden Aufbruch, der zur Gründung des "Unabhängigen Frauenverbands (UFV)" in der DDR führte (und ‘98 sich auflöste) ist scheint's nicht mehr viel geblieben. Sehr wohl aber als Gründungsdatum und -motivation den beiden befragten ‚Ost'berliner Projekten nach wie vor bewusst. Während sich Paula Panke (in Pankow, gegründet '90) als ein ‚Wendekind', das sich inzwischen zu einem kleinen Unternehmen gewandelt hat, versteht, vermittelt EWA (Prenzlau) als ‚Erstes Ostberliner Frauenzentrum' (direkt gegründet nach dem großen Treffen '89) noch den Flair von Veränderungswillen. Der Schwerpunkt von ‚Paula's' Arbeit mit sieben angestellten Mitarbeiterinnen gilt der Stützung der Existenzsicherung von Frauen, besonders von Müttern und Alleinerzieherinnen, durch Beratung (Recht, Gewalt, Lebenskrisen, Berufsorientierung), durch eine anonyme Zufluchtswohnung und durch die für individuelle Haushalte organisierte Kinderbetreuung für schichtarbeitende Mütter. Dass sich das Projekt zunehmend zur Sozialarbeit hin entwickelt hat ist der steigenden Frauenarmut zuzurechnen, die inzwischen auch Ältere und Akademikerinnen betrifft. Frauen aus dem Osten haben im Unterschied zu den Westfrauen keine finanziellen Rücklagen, wie Erbschaften usw. und interessieren sich hauptsächlich für Alltagsbewältigungsangebote.

Frühstücksgruppen, Lesungen, Ausstellungen und eine Bibliothek werden von Frauen aller Milieus genützt. Feministische Bildung ist hier nebensächlich, politische und theoretische Veranstaltungen werden wenig in Anspruch genommen. Politische Kulturarbeit wird von den Financiers (wie Senatsverwaltung, Bezirksamt, JobCenter, Servicegesellschaft Zukunft im Zentrum), mit welchen ständig Lobbyingarbeit zu pflegen ist, zunehmend nicht mehr gefördert. Und die Angebote von Dozentinnen zur Fort- und Weiterbildung tragen sich selbst, was offenbar in Berlin üblich und sich hier in Wien als Modell noch nicht herumgesprochen hat - müssen. (Österreich als Wohlstandsinsel?)

Kürzungen im Kultur- und Bildungsbereich

Auch der Verein "Erster Weiblicher Aufbruch" EWA mit drei angestellten, aber auch ehrenamtlichen Frauen, subventioniert von den gleichen Institutionen (und der Heinrich-Böll-Stiftung) berichtet von Kürzungen im Kultur- und Bildungsbereich. Es werden neben den Beratungen (Zivil-, Familien-, Rechts-, Schuldnerinnen- und Psychologischer Beratung), der Bibliothek ‘HexLibris' (mit gespendeter Frauenliteratur aus Exost und -west; eine nachahmungswürdige Idee), Sprach-, Sport-, Computer- und Kreativkursen jedoch kontinuierliche inhaltliche Gruppen angeboten. Die LeseEulen, die Berliner Geschichtswerkstatt, die Late Bloomers beanspruchen feministische Themen in das öffentliche Bewusstsein zu bringen. Dazu gehört auch die CafeBar als Ort der Stärkung, der Erholung und des Vergnügens von Frauen. 

Die Erwartung politischer feministischer Traditionen galt dem Treffen mit Vertreterinnen der "Schokofabrik" (Kreuzberg), einem der eingesessenen Frauenprojekte ‚West'berlins, dessen Gebäude 1981 von autonomen Feministinnen besetzt wurde und heute, so wird gesagt, das größte Frauenzentrum Europas ist. Neben dem siebenstöckigen Projekthaus, das einen Hamam, Werkstätten, Sport -und Tanzsäale, Veranstaltungs-, Beratungs- und Büroräume, den Bildungsraum des Treffpunkts türkischer Frauen und eine Kita umfasst, gibt es eine eigenständig geführte Kneipe und zwei von einer im Jahr 2003 gegründeten Genossinnenschaft dazu gekaufte Häuser, die von Frauen bewohnt werden. Inzwischen sind die ca. 1000 qm des Frauenzentrums auch in Besitz dieser Genossenschaft und der Verein ist Mieterin, wodurch "der Fortbestand dauerhaft gesichert ist". Der Kauf der Frauenzentrums-Immobilie war zum Teil durch die Initiative ‘1000 Tanten' ermöglicht worden: jede Patentante (und auch Onkel) übernahm mit monatlich mindestens 2.50 Euro die Patenschaft für einen qm. Nachahmbare Idee! Weniger vielleicht die ‚klassische' Projektentwicklung von unbezahlter Arbeit über gleiche Bezahlung für alle Mitarbeiterinnen hin zu heute 13 in unterschiedlichen Anstellungsverhältnissen arbeitenden Teamfrauen des Zentrums. Dies wird als Professionalisierung bezeichnet und auf die Erkundung nach feministischen Gehalten wird davon gesprochen, dass Ideologie keine Frage mehr sei. Politische Bildung wird auch hier immer weniger subventioniert und kaum besucht.

Akademikerinnen-Gap

Überhaupt berichten die drei befragten Projekte von einem Akademikerinnen-Gap. Es gibt von beiden Seiten, von den ‚Basis'frauen auf der einen und den Unifrauen auf der anderen Seite offenbar wenig Interesse an einem Austausch. Die Universitäten in Berlin mit ihren ganzen Genderkolleges usw. usf. betreiben ihre Diskurse inzwischen nur noch im Elevinnenturm. (Wien scheint mir da doch noch wenigstens ein bisschen ‚anders' zu sein.)

Befragt nach Unterschieden zwischen Frauenprojekten in ‚Ost- und West', die es offiziell nicht mehr gibt, werden Mütter sowie der Zugang für Männer (Ost) und Lesben sowie Frauenräume (West) genannt. Und eine meinte, dass die Ostfrauen nicht alles zu Ende‚quasseln' müssen, sondern die Dinge pragmatisch angehen. Diese Phänomene waren ebenso aufschlussreich wie der generelle Eindruck, dass die feministische Perspektive selbst im Berlin der ‚Radikalen' und - buchstäblich auf der anderen Seite - der ‚Kapitalismuskritischen' durch den neoliberalen Mahlzahn abgeschliffen worden ist. Darum und dass der Westen mit seiner Hegemonie auch noch den letzten Rest von sozialer Weltsicht kolonisiert hat, ging es bei der ‘Tagung und Fest der Frauen - FRAUENAUFBRUCH ‘89‘ - doch das wäre eine weitere Erzählung. (Birge Krondorfer, dieStandard.at, 13.2.2010)

 

 

merz1
 
00
14.2.2010, 19:23

eine weitere erzählung wäre das erwähnen von den genialen frauensexparties in berlin

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