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Nicole Nesvacil: von der Astronomie zur Medizinphysik.
Astronomie und Medizinphysik haben für Nicole Nesvacil zwei Dinge gemeinsam: Erstens dient Physik bei beiden Disziplinen als Basis der Beobachtungen, und zweitens sind beide Fachgebiete auf ausgereifte bildgebende Verfahren angewiesen. Deshalb gelang es der promovierten Astronomin auch, Mitte 2009 problemlos von der Sternenkunde auf die Strahlentherapie umzusteigen, und zwar mit einem Postdoc an der Universitätsklinik.
"Ich habe viele Jahre spektroskopiert. Das ist Atomphysik im Alltag. Diese Erfahrung kann ich auch für die Optimierung von Bestrahlungsplänen einsetzen", erzählt die Forscherin. Inzwischen arbeitet die 31-jährige Wienerin in einem Projekt des Wissenschaftsfonds FWF an einer verbesserten Brachytherapie in der gynäkologischen Krebstherapie. Bei der Brachytherapie wird eine radioaktive Quelle direkt zum Tumor in den Körper eingebracht.
Optimierung bedeutet, trotz der aggressiven Behandlungsmethode gesundes Gewebe und unbetroffene Organe zu schonen. Bilder aus verschiedenen Quellen wie Ultraschall, Computertomografie oder Magnetresonanz werden übereinandergelegt, die Datenfülle sinnvoll reduziert und am Ende ein möglichst genaues 3-D-Bild vom Tumor und seiner Umgebung herausgearbeitet.
Im AKH wird die Dosisverteilung jeder strahlentherapeutischen Behandlung individuell optimiert. Gleichzeitig liegen in der Masse der Behandlungen Empfehlungen für Routinen verborgen: "Die umliegenden Organe sind ständig in Bewegung, verändern ihre Form und Größe. Wir wollen in dem FWF-Projekt herausfinden, ob sich Muster für bestimmte Tumor-Größenklassen finden und sich Kategorien von Organbewegungen beschreiben lassen, um zu bestimmen, welche Aufnahmen im Verlauf einer Behandlung wirklich notwendig sind", erläutert Nicole Nesvacil.
Im AKH Wien hat das Medizinphysik-Team viele moderne Geräte bei der Hand. Mit den Erkenntnissen aus dem Projekt sollen aber auch mit weniger Aufwand die bestmöglichen Koordinaten und Haltezeiten für die eingeführte Strahlenquelle festgelegt werden können.
Für ihre Doktorarbeit verbrachte die Astronomin zwei Jahre bei der ESO in Chile, die sie nicht missen möchte. "Mir ist bewusst, dass Auslandserfahrungen für eine wissenschaftliche Karriere wichtig sind. Ich will aber Aussicht auf eine Rückkehr nach Österreich haben, und das ist in der Astronomie nicht der Fall", sagt Nesvacil.
Der Umstieg ist vorerst geglückt, auch mit der Klinikroutine ist sie zufrieden - schließlich komme ihre Arbeit kranken Menschen zugute: "Ich rekonstruiere Strukturen, die ich von außen nicht sehen kann. In den vergangenen Jahren war es das Innere von Sternen, und heute ergründe ich das Innere des Körpers."
Außerhalb der Klinik dreht die Bildgebungsexpertin schon einmal auf: Sie sammelt E-Gitarren und bespielt sie auch - mit klassischem Rock. Wenn sie noch einmal ins Ausland ginge, gäbe es eine Gitarre, von der sie sich nicht trennen wollen würde: ihre "Red Special", ein Nachbau der berühmten Gitarre von Brian May, die sie zur Promotion geschenkt bekommen hat. Mit dem Queen-Gründungsmitglied verbindet sie auch das Astronomiestudium. Nur dass für sie die inneren Strukturen von Sternen und Körpern die Karriere bestimmen. (Astrid Kuffne/DER STANDARD, Printausgabe 17.02.2010)
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