Teenager sehen für Burschen mehr Freiheiten beim Sex als für Mädchen
Sind Jugendliche dazu bereit, spontan ein Gespräch über ihren Umgang mit Sexualität zu führen?
Bei unserem Treffen in einem Jugendcafé in Wien reagieren die fünf Teenager vorerst zögerlich. In ihren Nachdenkpausen hört ist nur das Kratzen der bunten Filzstifte über die Mandalabögen, die auf dem Tisch verteilt liegen, zu hören. Philip beugt sich konzentriert und in beinahe abwehrender Haltung über sein Bild, während Corinna am Rest ihres Apfels nagt. Schließlich entscheiden sie sich dazu, das Experiment zu wagen und sich auf ein Gespräch mit den Autorinnen des SchülerStandard einzulassen.
Ins Lächerliche ziehen
Ansonsten würden sie sich meist nur mit Freunden und viel seltener mit den Eltern oder anderen Autoritätspersonen austauschen, erklären die Jugendlichen. Der Aufklärungsunterricht sei hingegen im Lehrplan der Schule verankert, ihm könne man deshalb nicht entgehen. Die Umsetzung variiere außerdem von Lehrer zu Lehrer.
"Wir hatten das Thema schon sehr ausführlich. Die Lehrer haben sich bemüht, aber es ist nicht sehr viel dabei herausgekommen", erzählt die 16-jährige Gymnasiastin Renata. "Vor allem, weil die Schüler ständig gelacht und die Lehrer sich dadurch gestört gefühlt haben, konnten sie es dann nicht mehr gut rüberbringen."
Die Berufsschule der 17-jährigen Corinna wollte dem vorbeugen und hat Fachleute an die Schule eingeladen. "Das war sehr gut. Denn die Lehrer kennt man ja und muss weiter mit ihnen arbeiten." Da sei es schwierig, über derart persönliche und intime Dinge zu sprechen.
Auch Renata findet es einfacher, mit völlig Fremden über Sexualität zu reden. "Meine Mutter hat das zwar relativ gut gemacht, aber es hat sich nichts daran geändert, dass ich mit ihr nicht gerne darüber spreche." Dem 16-jährigen Ruben ergeht es dabei ähnlich. Zwar würden die Eltern nichts falsch machen, doch es sei schlichtweg "peinlich und vom Gefühl her einfach so unangenehm". Philip teilt diese Ansicht allerdings nicht. "Bei mir waren es Vater und Mutter, die mit mir über Sex gesprochen haben. Das fand ich gut, denn sie haben mir viel mehr erzählt als der Lehrer in der Schule."
Gesundheitspsychologe Wolfgang Kostenwein vom Österreichischen Institut für Sexualpädagogik sieht darin eher Einzelfälle. Viel häufiger sei es, dass man sich fremden Personen anvertraue, was einen "natürlichen Loslösungsprozess" gegenüber den Eltern markiere. Laut Kostenwein sei Sexualität "das erste Thema, wo Jugendliche sich von den Eltern abgrenzen". Dies schließt das Vorhandensein einer allgemeinen Kommunikationsebene allerdings nicht aus, sondern bezieht sich auf "ganz intime Dinge, die man normalerweise nicht mit den Eltern bespricht".
Pornografie und Sexualität haben ihren Einzug in die Öffentlichkeit und Medienlandschaft gehalten. Das liegt, so Kostenwein, daran, dass "Sexualität benutzt wird". Dies sei nichts Neues. Das "Sex sells"-Prinzip tritt hier besonders stark hervor.
"Sexualität wird in der Werbung benutzt, genauso wie in der Kirche, um moralische Werte zu verkaufen." Doch das Wichtigste daran sei, zu erkennen, dass das nur der "äußere, oberflächliche Teil der Sexualität ist. Das, was Sexualität eigentlich bedeutet, ist zwischen Kirche und Pornoindustrie noch immer nicht präsent."
Männliche One-Night-Stands
Dass unter Jugendlichen traditionelle Werte auch in der Sexualität präsent sind, zeigen Studien. Auch die Ergebnisse von "Global Kids": 41 Prozent der 14- bis 17-Jährigen meinen, dass man nur bei "wirklicher Liebe" miteinander schlafen sollte. Für Burschen ist es im Gegensatz zu Mädchen in Ordnung, viele Erfahrungen, etwa bei One-Night-Stands, zu sammeln. Dass junge Männer generell mehr Freiheiten in der Sexualität hätten als Mädchen, fällt den Befragten auf. Ein Punkt, den auch Corinna und Renata unterstreichen. Gehe es etwa um Verhütung, müssten immer die Mädchen die Verantwortung übernehmen. "Wir können uns da einfach nicht auf die Burschen verlassen. Denn sie haben in den seltensten Fällen ein Kondom dabei", kritisiert Renata.
"Ich finde das schlimm", reagiert Ruben. Verhütung sei genauso Männersache und er kümmere sich immer darum. "Üblich ist das aber nicht. Und es hat auch keinen Sinn, darüber zu reden, weil sich daran nichts ändern wird", meint Renata verärgert. Die Einstellung der Menschen zu Sexualität habe sich kaum geändert, meint die 16-Jährige. Anders sei nur der Umgang damit.
"Früher haben die Leute nicht über Sex gesprochen, waren aber in ihren Gedanken trotzdem versaut." Ihr Freund Jan ergänzt belustigt: "Wir brauchen mehr Pornos!" Renata wirft ihm einen ernsten Blick zu und seufzt. (Bath-Sahaw Barano und Magdalena Legerer, DER STANDARD/Printausgabe 8.3.2010)