Stilles Leiden, bange Scham

Maria Sterkl, 11. März 2010 17:21

Vergewaltigungsopfer aus Tschetschenien: Eine Rückkehr in die Heimat kann tödlich sein - doch auch in Österreich sind sie aufgrund des unsicheren Asylverfahrens nie völlig "sicher"

"Ich mache oft Zeitreisen", erzählt Friedrun Huemer. Dann erzählt sie ihren tschetschenischen Klientinnen von jenen österreichischen Frauen, die von russischen Soldaten vergewaltigt wurden. Sie erzählt vom jahrzehntelangen Schweigen, das danach kam. Und davon, dass niemand weiß, welche Spuren die Grausamkeiten hinterließen - in der Psyche der Frau, in ihrem Beziehungsleben, auch im Leben der Kinder. 

Friedrun Huemer hat als Pychotherapeutin seit Langem mit kriegstraumatisierten Menschen zu tun. Viele ihrer Klientinnen kommen aus Tschetschenien. "Wenn man mit tschetschenischen Frauen länger zu tun hat, dann kommt meistens irgendwann so etwas heraus." "So etwas" bedeutet Vergewaltigung durch Soldaten, zum Teil gefolgt von Schlägen, die bis zur Bewusstlosigkeit führen. Manche Frauen wurden sogar mehrmals vergewaltigt, vor den Augen ihrer Kinder. Manche waren dabei hochschwanger und verloren danach ihr Kind. Und manche trugen körperliche Verletzungen davon, die sie bis heute nicht haben verarzten lassen - aus Scham.

Langes Schweigen

Scham ist denn auch jenes Merkmal, das Opfer sexueller Gewalt von anderen Gewaltopfern unterscheidet. Viele Betroffene schaffen es ihr Leben lang nicht, über das Erfahrene zu sprechen. Und die, die es tun, quälen sich oft deswegen. Wenn Friedrun Huemer ihnen also erzählt, dass diese Verbrechen auch in Österreich vor gar nicht so langer Zeit passierten, "dann nehme ich ihnen wenigstens die Angst vor der kulturellen Barriere."

Sexualisierte Gewalt ist ein altes und verbreitetes Mittel der Kriegsführung. Nicht nur Asylsuchende aus Tschetschenien, sondern auch viele Afrikanerinnen oder Flüchtlinge aus dem Jugoslawien-Krieg schleppen solche Traumata mit sich. Es sind Erfahrungen, die das Leben jäh verändern. Für manche Frauen können sie sogar nachträglich zur Lebensbedrohung werden: Frauen aus muslimischen Kontexten werden nach der sexuellen Folter oft selbst zu Täterinnen erklärt: Sie würden Schande über die Familie bringen, heißt es dann. Schande, die nur mit dem Tod der Frau von der Familie weiche. "Viele meiner Klientinnen müssten wirklich um ihr Leben fürchten, wenn man sie abschieben würde", sagt Huemer. Dort, wo der Vater des Opfers, der Bruder, oder der Onkel noch am Leben seien, bestehe höchste Gefahr.

Verwirrtes Reden

Das sei auch den Asylbehörden bewusst, sagt Huemer. Trotzdem werden viele Frauen schutzlos zurückgeschickt. Nicht aus purer Grausamkeit - sondern oft schlicht deswegen, weil die Betroffenen aus Scham nicht wagen, den AsylbeamtInnen ihre traumatisierenden Erfahrungen anzuvertrauen. Wieder andere werden für unglaubwürdig erklärt: Ein verwirrender Erzählstil, der Geschichten chronologisch durcheinanderbringt, sei nämlich "ganz typisch für Schwertraumatisierte", erklärt Huemer. Einem Asylbeamten, dessen primäre Aufgabe es ist, Geschichten für glaubwürdig oder unglaubwürdig zu erklären, gilt ein derart verworrenes Erzählen oft als Indiz für simulierte Schutzwürdigkeit.

Seit längerem versuche der Verein Hemayat, dessen Vorsitzende Friedrun Huemer ist, dem Innenministerium und dem Asylgerichtshof Weiterbildungen anzubieten, um BeamtInnen und RichterInnen im Umgang mit Traumatisierten zu schulen - bisher vergeblich. Huemer bedauert das: "Es würde vielen Beamten helfen, mehr über Traumatisierungen zu wissen - auch über die eigene Reaktion darauf." Denn jeder Mensch, dem von Folter erzählt wird, ist erst einmal erschüttert. Die gesunde Psyche kennt jedoch Werkzeuge, um sich zu vor der Wucht dieser Erschütterung zu schützen - und ein besonders wirksames Werkzeug ist, die Erzählung für erfunden oder übertrieben zu erklären. "Das kann ja gar nicht stimmen", heißt es dann. Für die traumatisierte Person ist ein solches Verleugnen schmerzhaft - und, kommt sie von einem Asylbeamten, auch schicksalsweisend. Denn sie mündet gemeinhin in einen negativen Asylbescheid.

Sich sicher fühlen

Das ist die Krux der Asylsuchenden mit sexuellen Gewalterfahrungen: Der Traumatherapeutin geht es nicht primär darum, der Betroffenen die schmerzhaften Erzählungen zu entlocken, sondern "darum, dass sie sich sicher fühlt". Sich sicher zu fühlen, solange völlig unklar ist, wie das Aylverfahren ausgeht, ist ein Ding der Unmöglichkeit. TherapeutInnen können hier bestenfalls stützen - gemeinsam mit Familienmitgliedern, die im Therapieprozess ebenfalls eine wichtige Rolle übernähmen. Genau deshalb hält Huemer die neue Regelung, dass Asylsuchende ihren Meldebezirk nicht verlassen dürfen, für "eine sensationelle Blödheit" - Verwandtenbesuche in Wien werden in Traiskirchen ansässigen Asylsuchenden somit verunmöglicht.

Dazu kommt, dass behördliche Einvernahmen, die das Traumaerlebnis zum Thema haben, selbst Gefahren in sich bergen: Immer wieder wiesen TraumaexpertInnen darauf hin, dass ein bohrendes Nachfragen über Gewalterlebnisse eine erneute Traumatisierung verursachen kann. Fragen sollten schonend gestellt werden, es sollten möglichst keine männliche BeamtInnen und DolmetscherInnen zum Einsatz kommen, und den Betroffenen sollte, sofern sie das wünschen, zugesichert werden, dass ihre Angehörigen nichts von dem Erzählten erfahren. Denn nicht wenige würden selbst ihren Ehemännern verschweigen, was ihnen angetan wurde - "aus Angst, dass der Mann den Respekt verliert".

Eines dürfe man sich nicht erwarten, meint Huemer: Dass die Spuren des Traumas jemals völlig entfernt sein werden. "Wir Therapeuten sollten nicht so tun, als wären wir Hexenmeister, die das einfach beseitigen können." Ziel jeder Therapie sei es, dass die Betroffenen das erfahrene Leid in ihre Persönlichkeit integrieren können - "und dass sie sich trotzdem mögen." (derStandard.at, 11.3.2010)

 

Info

Der Wiener Verein Hemayat bietet seit 1994 Folter- und Kriegsüberlebenden medizinische, psychologische und psychotherapeutische Betreuung.

Link

Hemayat

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Posting 1 bis 25 von 36
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Standarte
12.04.2010 13:31
Heyamat-Gutachten

Der Artikel stimmt bis zu einem gewissen Grad- einer von Russen vergewaltigten Tschetschenin droht durch die eigene Familie durchaus Gefahr. Aber er sollte auch erwähnen dass der Verein Heyamat faktisch sämtlichen Personen, die er betreut, eine posttraumatische Belastungsstörung attestiert. Wenn diese Diagnosen dann einer sachverständigen Überprüfung unterzogen werden, stellt sich fast immer heraus, dass die ursprüngliche Diagnose von Heyamat falsch war. Bei Gutachtern, die Univ.Professoren für Psychiatrie sind, brauchen wir nicht über deren eindeutig höhere Qualifikation sprechen. Es liegt vielleicht auch daran dass Heyamat-Schulungen als entbehrlich betrachtet werden... Der Verein kann froh sein nicht wegen der Kosten geklagt zu werden

kwado
12.03.2010 12:51
Binnen-I...

... gut und schön, aber das ist denn doch zu viel des Guten:
"...es sollten möglichst keine männliche BeamtInnen und DolmetscherInnen zum Einsatz kommen."

kwado
12.03.2010 13:53

Die (meine) Sprachkritik kritisiert nicht den Inhalt oder die Aussage dieses Artikels. Ein wichtiger und guter Artikel, übrigens.

Rico Whatever
 
12.03.2010 15:04
Ein eigener Absatz

Ein eigener Absatz in dem Artikel ist dem Umstand gewidmet, dass die Psyche dem Schrecken entgeht, indem sie das macht, was Du getan hast, nämlich z.B. sich auf Nebensächlichkeiten zu konzentrieren.

Hast Du beim Schreiben Deines Kommentars den Hinweis "Werkzeug der gesundne Psyche" nicht auf genau dieses Tun bezogen? Worauf sonst?

kwado
12.03.2010 18:19
Wie bitte?

Der von dir angesprochene Absatz beschreibt, dass die "gesunde Psyche" sich damit hilft "die Erzählung für erfunden oder übertrieben zu erklären". Von "Beschäftigen mit Nebensächlichkeiten" ist in diesem Absatz nicht die Rede.

Wolfgang Biebel
 
15.03.2010 15:28
Gut beobachtet!

Rico Whatever
 
12.03.2010 13:48
Erstens bist Du der Zweite, ...

... und drittens gilt auch für Dich -> Stelle Dich dem Thema ("Die gesunde Psyche kennt jedoch Werkzeuge, ...")

kwado
12.03.2010 14:32

Ich bin die Zweite, das habe ich durchaus und auch zu spät bemerkt, dennoch bleibe ich bei meiner (Sprach)Kritik, die nicht den Inhalt oder die Aussage des Artikels kritisiert.
Mir ist bewusst, dass es immer wieder Poster und Posterinnen gibt, die inhaltliche Kritik "verpacken" und auch - besonders bei so genannten Frauenthemen - untergriffig werden. Dies denke ich, ist bei meinem Posting nicht der Fall.

Solch Untergriffigkeit steht im Übrigen niemandem gut zu Gesicht.

el ka
12.03.2010 08:36

und WARUM bitte ist dieser artikel in DIEstandard?
ein frauenthema oder was?
WARUM ist es nicht in DERstandard, der ja wohl (darüber sollte man sich gendermäßig als standard auch mal gedanken machen) sowohl die ers als auch die sies "meint"

solange eine zeitung meint, politische ereignisse, spezielle gewalttaten nur in DIEstandard zu veröffentlichen, weil es vielleicht in DERstandard kein interesse findet, solange ist diese zeitung mitverursacher von geschlechterdiskriminierung!!

niewieder nett
 
12.03.2010 14:18

kann man fast jedem artikel beanstanden. finden sies so schlimm? die interessanten sachen sind ja eh verlinkt. mich juckt das zb überhaupt nicht.

kwado
12.03.2010 13:50

Immerhin ist der Artikel von "derStandard" verlinkt.

beethovenfries
12.03.2010 11:51

Wie jetzt, "nur" in dieStandard? Ist das für Sie der minderwertige Frauenteil? Und derStandard ist das richtige Ding?

Ich erlaube mir, das anders zu sehen. Ich beschwer mich ja auch nicht, dass Wissenschaftsartikel im Wissenschaftsteil und Berichte über Ausstellungen im Kulturteil erscheinen.

el ka
12.03.2010 14:03

die antwort haben sie sich selbst gegeben:

wissenschaft im wissenschaftsteil, ausstellungen im kulturteil... und logische weiterführung ... frauen im frauenteil

und GENAU das habe ich gemeint, das thema geht nicht nur frauen was an sondern GANZ BESONDERS männer... die täter sowie diejenigen, die hier nicht glauben etc... es ist ein gesamtgesellschaftliches problem!!

das hat nix damit zu tun, dass für mich der frauenteil minderwertig wäre
denken sie bitte einen augenblick darüber nach

beethovenfries
12.03.2010 18:31

Der Wissenschaftsteil ist auch nicht nur für Wissenschaftler. Denken Sie doch darüber mal einen Augenblick lang nach.

el ka
13.03.2010 01:11

sie vermischen äpfel mit birnen
natürlich ist der nicht für wissenschaftler, die informieren sich anders, aber für wissenschaftlich interessierte

und der frauenteil ist wie jede frauenzeitschrift wohl auch (obwohl der inhalt ein wesentlicherer ist) per definition für frauen bzw. an frauenthemen interessierte...
es ist also eine einschränkung vom titel her und per definition



beethovenfries
14.03.2010 00:28

Kann Ihnen nicht folgen. "An Frauenthemen interessierte" weckt bei mir nicht die Assoziation Kinder, Küche, stricken, Brigitte, sondern das Interesse an einem wichtigen politischen Thema. Warum sollte das "nur" Frauen interessieren?

Pracesi
 
11.03.2010 23:04

Der Status der Frauen in der muslimischen Welt in solchen Fällen? Offenbar nicht mehr als ein geschändetes und damit wertloses Haustier.

Andererseits wieviele muslimische Frauen sind Flüchtlinge die es bis nach AT schaffen ohne Familienanhang? Ich gehe von einer verschwindenden Minderheit aus. Die Regel sind doch vielmehr ganze Familien oder noch viel häufiger alleinstehende junge Männer.

miranda7
12.03.2010 11:32

Bevor Sie reflexartig, die gesamte "muslimische Welt" in einen Topf werfend, Ihre Meinung abgeben, überlegen Sie mal, welche Soldaten in Tschetschenien Frauen vergewaltigen. Es werden großteils russische sein, denn Tschetschenien ist von Russland "besetzt". Russische Soldaten sind - wenn überhaupt religiös - russisch-orthodox.

Auf die Schnelle finde ich keine aktuelle Statistik der Asylwerber/innen nach Herkunftsland und Geschlecht, Tschetschen/inn/en werden der Russischen Föderation zugerechnet. Vielleicht könnte man diese im Innenministerium erfragen.

A.B. Artig
 
13.03.2010 23:05

naja, frauen werden auch von streunenden Kadyrowanhängern vergewaltigt. Die teilen sich diese Schandtaten mit den russischen Soldaten mittlerweile fast zu gleichen Teilen.

miranda7
15.03.2010 08:22

Wer auch immer da vergewaltigt, es sind Männer, bevorzugt Soldaten, die Macht und brutale Gewalt an Frauen anwenden und zwar weltweit. Das läßt sich einfach nicht reduzieren auf einen bestimmten Kulturkreis.

A.B. Artig
 
17.03.2010 08:07

Nachdem ich diese frauen lange zeit begleite, ist es mir wichtig, diese realitaet korrekt wiederzugeben.
Ein weitetes jnd furchtbares problem sind die maennlichen vetwandten und ehemaenner, die solche frauen immer wieder aus ehrengruenden anschliessend ermorden oder "nur" vetstossen und ihnen die kinder wegnehmen wollen.

niewieder nett
 
12.03.2010 14:14

es sind gerade bei den tschetschenen unglaublich viel weniger frauen im land als männer. grundsätzlich sind 75% der asylantragssteller männer. stand hier im standard vor kurzem.

miranda7
12.03.2010 18:05

Danke für die Info.

ingteu
11.03.2010 22:49
Trümmerfrauen (und -männer?)

Endlich ein Bericht der der österreichischen Trümmerfrauen und österreichischen Vergewaltigungsopfer gedenkt.

Bei den ganzen Kriegsverbrecher-Schulddiskussionen gehen leider die armen zivilen Opfer(-innen?) unter, deren Leiden sich heute keiner mehr vorstellen kann.

Ehrt die, die Österreich wieder aufgebaut haben. Es leben die Trümmerfrauen.

Tethys
12.03.2010 09:27

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