Vergewaltigungsopfer aus Tschetschenien: Eine Rückkehr in die Heimat kann tödlich sein - doch auch in Österreich sind sie aufgrund des unsicheren Asylverfahrens nie völlig "sicher"
"Ich mache oft Zeitreisen", erzählt Friedrun Huemer. Dann erzählt sie ihren tschetschenischen Klientinnen von jenen österreichischen Frauen, die von russischen Soldaten vergewaltigt wurden. Sie erzählt vom jahrzehntelangen Schweigen, das danach kam. Und davon, dass niemand weiß, welche Spuren die Grausamkeiten hinterließen - in der Psyche der Frau, in ihrem Beziehungsleben, auch im Leben der Kinder.
Friedrun Huemer hat als Pychotherapeutin seit Langem mit kriegstraumatisierten Menschen zu tun. Viele ihrer Klientinnen kommen aus Tschetschenien. "Wenn man mit tschetschenischen Frauen länger zu tun hat, dann kommt meistens irgendwann so etwas heraus." "So etwas" bedeutet Vergewaltigung durch Soldaten, zum Teil gefolgt von Schlägen, die bis zur Bewusstlosigkeit führen. Manche Frauen wurden sogar mehrmals vergewaltigt, vor den Augen ihrer Kinder. Manche waren dabei hochschwanger und verloren danach ihr Kind. Und manche trugen körperliche Verletzungen davon, die sie bis heute nicht haben verarzten lassen - aus Scham.
Langes Schweigen
Scham ist denn auch jenes Merkmal, das Opfer sexueller Gewalt von anderen Gewaltopfern unterscheidet. Viele Betroffene schaffen es ihr Leben lang nicht, über das Erfahrene zu sprechen. Und die, die es tun, quälen sich oft deswegen. Wenn Friedrun Huemer ihnen also erzählt, dass diese Verbrechen auch in Österreich vor gar nicht so langer Zeit passierten, "dann nehme ich ihnen wenigstens die Angst vor der kulturellen Barriere."
Sexualisierte Gewalt ist ein altes und verbreitetes Mittel der Kriegsführung. Nicht nur Asylsuchende aus Tschetschenien, sondern auch viele Afrikanerinnen oder Flüchtlinge aus dem Jugoslawien-Krieg schleppen solche Traumata mit sich. Es sind Erfahrungen, die das Leben jäh verändern. Für manche Frauen können sie sogar nachträglich zur Lebensbedrohung werden: Frauen aus muslimischen Kontexten werden nach der sexuellen Folter oft selbst zu Täterinnen erklärt: Sie würden Schande über die Familie bringen, heißt es dann. Schande, die nur mit dem Tod der Frau von der Familie weiche. "Viele meiner Klientinnen müssten wirklich um ihr Leben fürchten, wenn man sie abschieben würde", sagt Huemer. Dort, wo der Vater des Opfers, der Bruder, oder der Onkel noch am Leben seien, bestehe höchste Gefahr.
Verwirrtes Reden
Das sei auch den Asylbehörden bewusst, sagt Huemer. Trotzdem werden viele Frauen schutzlos zurückgeschickt. Nicht aus purer Grausamkeit - sondern oft schlicht deswegen, weil die Betroffenen aus Scham nicht wagen, den AsylbeamtInnen ihre traumatisierenden Erfahrungen anzuvertrauen. Wieder andere werden für unglaubwürdig erklärt: Ein verwirrender Erzählstil, der Geschichten chronologisch durcheinanderbringt, sei nämlich "ganz typisch für Schwertraumatisierte", erklärt Huemer. Einem Asylbeamten, dessen primäre Aufgabe es ist, Geschichten für glaubwürdig oder unglaubwürdig zu erklären, gilt ein derart verworrenes Erzählen oft als Indiz für simulierte Schutzwürdigkeit.
Seit längerem versuche der Verein Hemayat, dessen Vorsitzende Friedrun Huemer ist, dem Innenministerium und dem Asylgerichtshof Weiterbildungen anzubieten, um BeamtInnen und RichterInnen im Umgang mit Traumatisierten zu schulen - bisher vergeblich. Huemer bedauert das: "Es würde vielen Beamten helfen, mehr über Traumatisierungen zu wissen - auch über die eigene Reaktion darauf." Denn jeder Mensch, dem von Folter erzählt wird, ist erst einmal erschüttert. Die gesunde Psyche kennt jedoch Werkzeuge, um sich zu vor der Wucht dieser Erschütterung zu schützen - und ein besonders wirksames Werkzeug ist, die Erzählung für erfunden oder übertrieben zu erklären. "Das kann ja gar nicht stimmen", heißt es dann. Für die traumatisierte Person ist ein solches Verleugnen schmerzhaft - und, kommt sie von einem Asylbeamten, auch schicksalsweisend. Denn sie mündet gemeinhin in einen negativen Asylbescheid.
Sich sicher fühlen
Das ist die Krux der Asylsuchenden mit sexuellen Gewalterfahrungen: Der Traumatherapeutin geht es nicht primär darum, der Betroffenen die schmerzhaften Erzählungen zu entlocken, sondern "darum, dass sie sich sicher fühlt". Sich sicher zu fühlen, solange völlig unklar ist, wie das Aylverfahren ausgeht, ist ein Ding der Unmöglichkeit. TherapeutInnen können hier bestenfalls stützen - gemeinsam mit Familienmitgliedern, die im Therapieprozess ebenfalls eine wichtige Rolle übernähmen. Genau deshalb hält Huemer die neue Regelung, dass Asylsuchende ihren Meldebezirk nicht verlassen dürfen, für "eine sensationelle Blödheit" - Verwandtenbesuche in Wien werden in Traiskirchen ansässigen Asylsuchenden somit verunmöglicht.
Dazu kommt, dass behördliche Einvernahmen, die das Traumaerlebnis zum Thema haben, selbst Gefahren in sich bergen: Immer wieder wiesen TraumaexpertInnen darauf hin, dass ein bohrendes Nachfragen über Gewalterlebnisse eine erneute Traumatisierung verursachen kann. Fragen sollten schonend gestellt werden, es sollten möglichst keine männliche BeamtInnen und DolmetscherInnen zum Einsatz kommen, und den Betroffenen sollte, sofern sie das wünschen, zugesichert werden, dass ihre Angehörigen nichts von dem Erzählten erfahren. Denn nicht wenige würden selbst ihren Ehemännern verschweigen, was ihnen angetan wurde - "aus Angst, dass der Mann den Respekt verliert".
Eines dürfe man sich nicht erwarten, meint Huemer: Dass die Spuren des Traumas jemals völlig entfernt sein werden. "Wir Therapeuten sollten nicht so tun, als wären wir Hexenmeister, die das einfach beseitigen können." Ziel jeder Therapie sei es, dass die Betroffenen das erfahrene Leid in ihre Persönlichkeit integrieren können - "und dass sie sich trotzdem mögen." (derStandard.at, 11.3.2010)
Info
Der Wiener Verein Hemayat bietet seit 1994 Folter- und Kriegsüberlebenden medizinische, psychologische und psychotherapeutische Betreuung.
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Hemayat