Margit Hauft von der Katholischen Frauenbewegung im dieStandard.at-Interview über die vielfältigen Ursachen des Machtmissbrauchs in der Kirche
Der Papst hüllt sich zu den unzähligen Missbräuchen durch Amtsträger der Katholischen Kirche weiterhin in Schweigen, ein "Schuldbekenntnis" gab es von Kardinal Christoph Schönborn beim Klage- und Bußgottesdienst am 31. März und der Vorsitzende des Kardinalkollegs, Angelo Sodano, bezeichnete die Kritik am Papst und an der Kirche als "unbedeutendes Geschwätz". So begegnen wichtige Männer der katholischen Kirche den gewalttätigen und sexuellen Übergriffen von Amtsträgern. Indessen appelliert die Katholische Frauenbewegung von "Pauschalverurteilungen" gegenüber der Kirche abzusehen. Beate Hausbichler sprach mit Margit Hauft, Vorsitzende der Katholischen Frauenbewegung (KFB), über mögliche Ursachen für den umfassenden Machtmissbrauch innerhalb der Kirche, über "die Frau als die einzige Gefahr" für Priester, was die Abwesenheit von Frauen für die Katholische Kirche bedeutet und über Waldtraud Klasnic als "unabhängige Opferanwältin."
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dieStandard.at: In einer Presseaussendung kritisierte die KFB Pauschalverurteilungen und verwies auf zahlreiche Interventionen der KFB dahingehend, Missbrauchsfälle nicht zu tabuisieren, worauf die Kirchenleitung ja offensichtlich nicht reagiert hat. Können Sie es wirklich nicht verstehen, dass es nun Pauschalverurteilungen gibt?
Margit Hauft: Ich kann es aus der Sicht der Betroffenen nachvollziehen. Es ist keine Frage, dass Vertrauen schwindet, wenn sogar dort, wo ich mich in besonderer Sicherheit wiege, solche Dinge passieren. Wir haben gemeint, dass wir als Katholische Frauenbewegung auch Kirche sind. Etwa zu behaupten, die Katholische Kirche hätte sich zu Misshandlungen und Gewalt nicht zu Wort gemeldet, hieße, wir hätten uns auch nicht gemeldet. Wir haben aber immer schon betont: Weg mit der Tabuisierung, sowohl innerhalb der Kirche, als auch innerhalb unserer gesamten Gesellschaft. Da wir uns stets gegen diese Tabuisierung gewendet haben, würden wir uns ungerecht behandelt fühlen, wenn jemand sagt: In der gesamten Kirche hat sich niemand zu Wort gemeldet.
dieStandard.at: Wird die KFB nicht als Teil der Kirche wahrgenommen?
Hauft: Das glaube ich nicht. Aber wenn sie jemanden von der Kirche interviewen wollen, dann werden sie versuchen, einen Amtsträger dafür zu bekommen - am besten gleich einen Bischof, dann hat "die Kirche" gesprochen. Wenn eine offizielle Organisation wie die KFB für die Kirche spricht, dann hat die KFB gesprochen, aber nicht die Kirche. Es ist also nicht so, dass wir nicht als Kirche gesehen werden, sondern die Aussagen werden als Aussagen der KFB klassifiziert. Darum ist es so wichtig zu sagen, wir als Kirche haben uns sehr wohl zu Wort gemeldet und zwar sehr vehement.
dieStandard.at: Vor einigen Wochen hat in der Vatikanzeitschrift "Osservatore" eine Historikerin in einem Kommentar gemeint, dass der Ausschluss von Frauen aus kirchlichen Leitungsämtern für den dichten Verschwiegenheitsschleier, der die Übergriffe so lange verhüllte, mitverantwortlich sei.
Hauft: Mich hat diese Sicht erstmal fasziniert. Ich glaube auch, dass Frauen bestimmte Ämter zu einem Gutteil anders bekleiden als Männer. Ein Beispiel dafür ist der Fall der evangelischen Bischöfin Margot Käßmann (Anm.: Käßmann trat wegen Alkohol am Steuer von ihrem Amt zurück). Sie hat sich gesagt, 'das kann ich mit mir nicht mehr vereinbaren - ich habe etwas gemacht, das zu verurteilen ist, darum trete ich zurück'. Ich habe mir dann vorgestellt, wenn alle Politiker oder Äbte, die schon einmal mit zuviel Alkohol erwischt wurden, zurücktreten würden, wie leer wären da wohl viele Ämter? Ich denke schon, dass Frauen anders agieren und reagieren.
Für das, was jetzt alles an Macht- und sexuellen Missbrauch aufkommt, gibt es ein ganzes Bündel von Gründen. Deshalb müssten die Schrauben an verschiedenen Stellen angesetzt und gefragt werden: Was hat diesen Dingen Vorschub geleistet? Dazu gehört sicher auch dieses männerbündlerische Zumachen. Ich glaube nicht, dass das Zölibat pädophil macht. Aber ein sehr verkrampfter Umgang mit Sexualität bietet sicher auch jenen Unterschlupf, die Probleme mit Sexualität haben, die keine erwachsene Sexualität oder keinen reflektierten Umgang damit haben. Ein anderer Grund ist sicher auch, dass man in der Auswahl der Priester falsch vorgegangen ist.
dieStandard.at: Ist die Katholische Frauenbewegung für die Aufhebung des Zölibats?
Hauft: Ich bin für die Entflechtung des Pflichtzölibats mit dem Priesteramt. Eine freiwillige zölibatäre Lebensform ist außerhalb oder innerhalb der Kirche sicher etwas Wertvolles - wenn das ein Mensch für sich so befindet. Aber nicht, wenn man diese Lebensform wählen muss, um den angestrebten Beruf ausüben zu können. Dass es dann schwierig wird, sehen wir beispielsweise an dem Umgang mit letztendlich doch gelebten Beziehungen, wo Frauen und Kinder eine sehr schwierige Rolle haben. Man sollte wählen können: Entscheide ich mich für eine zölibatäre Lebensweise oder für eine zweite Berufung - nämlich der, einer Beziehung zu folgen. Gerade jetzt wäre es an der Zeit und eine große Chance, sich diese Entflechtung näher anzuschauen. Wann, wenn nicht jetzt?
dieStandard.at: Sie haben schon von einem Bündel von Gründen für den sexuellen Missbrauch in der Katholischen Kirche gesprochen. Aber gibt es vielleicht doch eine vorwiegende Ursache?
Hauft: Das würde ich nicht sagen. Dafür ist die Sache viel zu komplex. Ich glaube, dass grundsätzlich die Frage der Macht und die Frage eines absoluten Gehorsams angeschaut werden muss. Und der Umgang mit Beziehungen und Sexualität. Für mich ist Macht ein sehr neutral besetztes Wort - Macht heißt, ich kann etwas machen. Es muss aber um "Macht um zu" gehen, nicht um "Macht über jemanden". Und wie gesagt: Die Auswahl der Amtskandidaten und deren Ausbildung ist auch ein wichtiger Punkt. Mir bestätigen Priester jeden Alters immer wieder, dass ihnen 'die Frau' als einzige Gefahr präsentiert wird, 'halte dich von ihr fern, das ist die Gefahr für dich.' Wenn Sexualität aber nicht wachsen darf, dann werde ich ein Ventil brauchen. Dieses Ventil kann dann jener Mensch sein, der unter meiner Macht steht.
dieStandard.at: Die Kirche ist eine hierarchisch strukturierte Organisation. Ihre Ansätze würden also auch eine grundlegende Veränderung und Demokratisierungsprozesse für die Kirche bedeuten?
Hauft: Ja. Es wäre wichtig, die hierarchischen Strukturen anzugehen und sich zu fragen, wie viel Hierarchie notwendig ist. Bis zu einem gewissen Grad braucht es Hierarchie und fixe Rollenverteilungen. Aber dieses absolute 'da hat jemand gesprochen, deshalb brauche ich nicht mehr nachzudenken' - das leistet verschiedensten Missständen Vorschub.
dieStandard.at: Was halten Sie von Waldtraud Klasnic als Opferbeauftragte? Für KritikerInnen ist sie für diese Aufgabe in die Kirche zu sehr eingebunden.
Hauft: Dass jemand kirchlich eingebunden ist, sollte kein automatischer Ausschließungsgrund für irgendetwas sein. Ich halte mich auch für kirchlich eingebunden, weiß mich aber auch sehr objektiv. Es darf nicht sein, dass man für so eine Aufgabe unbedingt einen agnostischen Atheisten nehmen muss, das wäre überzogen. In dieser Sache würde ich sagen: An ihren Taten werden wir sie erkennen. Ich denke, dass man Frau Klasnic diese Chance geben muss und dass es auch ganz stark auf das Team um Klasnic ankommen wird.
dieStandard.at: In den letzten Wochen hat es sich zunehmend durchgesetzt, dass sowohl von Missbrauch die Rede ist, wenn es sich um eine Ohrfeige handelt, als auch, wenn es um jahrelange Vergewaltigung geht. Wie sehen Sie das?
Hauft: Eine solche Vermischung habe ich auch beobachtet. Misshandlung und Missbrauch ist beides schlimm, aber es gibt schon Unterschiede. Es ist beides verwerflich, aber noch mal verwerflicher ist der sexuelle Missbrauch. Auch der Begriff 'Missbrauch' ist seltsam, denn es gibt keinen sexuellen Gebrauch eines Kindes.
dieStandard.at: Wie erleben Sie persönlich - als gläubige Katholikin - die Aufdeckungen der sexuellen und gewalttätigen Missbräuche durch Amtsträger? Sehr viele KatholikInnen reagieren ja mit einem Austritt.
Hauft: Dass jetzt jemand austritt ist verständlich. Ich persönlich wünsche mir aber, dass viele innerhalb der Kirche kämpfen und sagen, was gegeben sein muss, dass man es sich weiterhin mit der Katholischen Kirche vorstellen kann. (dieStandard.at, 8.4.2010)