Re:publica

"Lauter Perverse und keine Frauen im Netz"

Ina Freudenschuß, 18. April 2010 20:24
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    Foto: piratenweib.de

    Geschlechterkampf im Internet: Shitstorms während des re:publica-Panels "Sexismus im Internet" ....

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    ... und die Antwort darauf.

Die deutsche Netzcommunity traf sich zum vierten Mal in Berlin. Feministische Äußerungen blieben Randnotizen mit lautem Hintergrundrauschen

Ist die Websociety progressiver als die reale Gesellschaft - oder nur eine Abbild derselben? Auch wenn diese Frage bei der diesjährigen re:publica, der größten selbstorganisierten Bloggerkonferenz im deutschsprachigen Raum, nicht explizit gestellt wurde, so stand sie doch bei zahlreichen Veranstaltungen und Diskussionen im Raum. Das Verhältnis von realer Welt und Netzgesellschaft kam vor allem auch bei geschlechterpolitischen Themen zur Sprache: Zum einen belief sich der Frauenanteil an Speakern, also an Vortragenden bei dem dreitägigen Spektakel auf nur 21 Prozent. Zum anderen waren Ziele und Probleme von  Feministinnen im Netz Thema auf zwei Panels. Die US-amerikanische Bloggerin Melissa Gira Grant wagte zudem einen Blick auf "Sex im Internet".

Netzteilhabe

Der sexistische Filter liegt in der Blogosphäre ausnahmsweise nicht in der Quantität, also dem Einwand, dass es einfach nicht genug Frauen gäbe, die sich des Mediums bedienen. Mehrere Studien für den deutschen wie auch den US-amerikanischen Raum haben gezeigt, dass gut zwei Drittel aller BloggerInnen weiblich sind. Darüber hinaus ist bekannt, dass zwei Drittel der Blogs wie Online-Tagebücher betrieben werden, in denen Menschen ihre Gedanken und Hobbies mit dem FreundInnenkreis austauschen. Nur etwa ein Drittel versteht sich als quasi "professionelles Weblog" mit thematischem Sendungsbewusstsein.

Bei re:publica kritisierten feministische Rednerinnen, dass ein Ausschluss von "weiblichen Themen" auf der Konferenz stattfinden würde. Immerhin gäbe es neben feministischen Blogs auch zahlreiche Strick- oder auch Hausarbeitsblogs, die von Frauen betrieben würden, wie Helga Hansen, Autorin beim Gruppenblog Mädchenmannschaft auf dem Podium betonte. Warum die re:publica sich nach wie vor hauptsächlich auf technische, mediale und netzkulturelle Themen wie Zensur und Datenschutz beziehe und soziale, politische und alltagsweltlich ausgerichtete Fragen ausblende, verstand auch die Bloggerin Anna Berg, ebenfalls von Mädchenmannschaft, nicht.

Surfen im "post-gender"-Raum?

Das Phänomen "Alpha-Blogger" wurde auf dem Panel "Das andere Geschlecht. Sexismus im Internet" dann noch einmal genauer unter die Lupe genommen. Moderatorin Anne Roth, selbst Betreiberin des Datenschutz-Blogs annalist, warf ein, dass sich in den deutschen Blogcharts die erste bloggende Frau auf Platz 35 befindet und wollte wissen, ob dies ein Zeichen von Netz-Sexismus sei. Für Anna Berg von Mädchenmannschaft ein klares Indiz dafür, dass "im Netz nicht alle gleich sind. Wir sind eben nicht 'post-gender', wie es manche Vertreter der Piraten-Partei gern behaupten, um sich selbst nicht der Gender-Diskussion in den eigenen Reihen stellen zu müssen." Alle, die in den vergangenen Jahren gehofft hatten, dass mit dem allmählichen Verschwinden des Begriffs "post-feministisch" auch Diskussionen über die angebliche Irrelevanz von feministischem Engagement innerhalb eines gleichheitsorientierten Grundkonsenses passé wären, wurden also eines besseren belehrt. Jetzt gibt es den Kampbegriff "post-gender".

Der Kulturwissenschafter Klaus Schönberger stellte wiederum die Relevanz jener Blogger-Listen in Frage, die sich aus Zugriffszahlen und Verlinkungen ergeben. "Was haben eingehende Links mit der Qualität von Blogs zu tun? Mir sagen die Themen und die Leute, die diese angeblich so relevanten Blogs betreiben, gar nichts". Zeitgleich zum Panel über Sexismus im Internet bot der Live-Chat, der zu sämtlichen Veranstaltungen auf der Website angeboten wurde, ein treffendes Beispiel dafür, wie sich Sexismus im Netz abspielt (nachzulesen etwa beim Piratenweib): als enervierendes, beständiges Hintergrundrauschen.

Aufgrund der permanenten Untergriffe und Anfeindungen in Blogs, Online-Foren und Chatrooms kritisieren Feministinnen deshalb auch die Impressumspflicht für Blogs in Deutschland, die es BetreiberInnen auferlegt, sich mit Adresse und Telefonnummer (Mobilnummern sind nicht erlaubt) im Netz zu offenbaren (mehr dazu im Blog von Karnele).

Sex-Update fürs Internet

Nur einen -ismus entfernt lag das Thema "Sex im Internet". Die feministische Bloggerin, Autorin und Ex-Sex-Arbeiterin Melissa Gira Grant reiste aus New York City augerechnet mit einem I-Pad an, um dem üblichen Bild des Internets als einzige große Rotlichtmeile ein offeneres, emanzipatorisches entgegenzusetzen. Als Medium, in dem menschliche Erfahrungen geteilt würden, zu denen auch sexuelle gehören, beschrieb sie ganz allgemein die neuen Möglichkeiten der Massenkommunikation im Internet. Ihre Kritik schien sehr stark von den Verhältnissen in den USA geprägt, wo von liberaler Seite oft beklagt wird, dass eine rigide sexuelle Doppelmoral das Sprechen über sexuelles Begehren verunmögliche.

Grant beanstandete in ihrem Vortrag die unreflektierte Panikmache in den bürgerlichen Medien gegenüber Jugend-Phänomenen wie "sexting", also dem Verbreiten von selbstgemachten Nacktaufnahmen via MMS. "Meist fehlt solchen Beiträgen über die sexuelle Verrohung bei Jugendlichen die genaue Recherche bei SexualtherapeutInnen, die wirklich mit Jugendlichen arbeiten." In ihrem Vortrag stellte sie mehrere Initiativen im Netz vor, die sich in ihren Augen besonders vorbildlich mit Sexualität auseinandersetzen, etwa die sexualpädagogische Jugendseite www.scarleteen.com, oder die Sex-Ratgeberseite about.sexuality.com (im Besitz der New York Times Company). Auf dem Blog Where is your line? können Menschen sich zu so komplizierten und persönlichen Themen wie Sexualität und Einverständnis austauschen. Zuletzt stellte sie auch ihr eigenes Buchprojekt "coming & crying" vor, in dem Frauen natürlich höchstpersönlich und "real" von ihren Sexerlebnissen berichten. Die Suche nach der Wahrheit der Sexualität steht offenbar weiterhin hoch im Kurs.

Frauen die Angst zu nehmen, sich im Netz zu zeigen und selbstbewusst zu agieren, war wohl das Ansinnen der Sex-Aktivistin, doch das absichtliche Ausklammern von Plattformen wie youporn.com o.ä. machte ihre Vorschläge nicht unbedingt konsistenter. Zuguterletzt wagte Grant dann noch einen Einstieg in die Live-Chat-Plattform Chat-Roulette, gemeinhin ein Synonym für die Versexung und Dumpfheit im Mainstream-Netz: Von den etwa 10 Zufallschatpartnern war keine einzige Frau dabei und zwei hatten ihre Webcam direkt auf ihren Schniedel gerichtet. Grants Resumée: "Jetzt werden die Journalisten wieder schreiben: 'Lauter Perverse und keine Frauen im Netz'." Zweifelhaft, ob der Kampf um den Ruf des Internets ausgerechnet über Foren wie "Chatroulette" geführt werden sollte. (Ina Freudenschuß, diestandard.at, 18. April 2010)

Kommentar posten
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Dr.mumunator
19.04.2010 22:59
wie traurig

das Dasein so mancher Feministin sein muss, sich nur über die Prozentquoten von Frauen definieren zu können.. keine eigenen Erfolge.. nichts erreicht aus eigenem Können.. bemitleidenswert.

Naschgul
28.04.2010 02:43

Und was hamma selbst so erreicht, hm?

SchneckenChecker27cm
19.05.2010 15:34

Der Mann ist Doktor!

Schrumpfschlauch
28.04.2010 08:00
Er hat recht, das genügt schon.

Königin Katzi-Bambi-Mausi
19.04.2010 21:30

gute zusammenfassung...es wird einfach langweilig immer wieder etwas zu erklären, die anwesenden männer sind nicht großteils nicht sehr diskussionsbereit sondern reiten auf bestimmten Themen herum: Binnen-I, Wehrpflicht, Quoten und daß Männer früher sterben. Viel mehr tut sich da nicht. Es gibt einige aber Ausnahmen.

Schrumpfschlauch
20.04.2010 09:52
das mit dem früher sterben, das gibt ihnen nicht zu denken?


Samantha Mulder
22.04.2010 19:24

Das war mal. Lag hauptsächlich am Rauchen.

Lucasz
19.04.2010 22:39

und, keine argumente dagegen oder wie ?

Naschgul
28.04.2010 02:43

1. Zeile: "Es wird einfach langweilig, immer wieder etwas zu erklären". Warum soll sie da noch groß argumentieren? Ihr schmeißt ja "Argumente" wie "Männer sterben früher" auch unreflektiert in die Runde, ohne auch nur eine Sekunde dran zu denken, dass ihr eure Gesundheit selbst in der Hand habt. Öfter mal zum Arzt, auch wenn nix weh tut (nennt sich Vorsorge), ein bissl gesünder leben, dann klappt's auch mit dem Älterwerden. Es stimmt auch, dass manche Männer hier immer auf denselben Themen rumreiten, ohne sich dann aber diskussionsbereit zu zeigen - Argumente werden abgeschmettert oder verdreht, ins Lächerliche gezogen, kurz: Es kann keine sinnvolle Diskussion entstehen. Und das nervt gewaltig.

yourworstnightmare
19.04.2010 19:56
Die deutsche Netzcommunity traf sich zum vierten Mal in Berlin...

Achtung, wo "community" draufsteht ist lifestyle drin... hat sowas Schickes - wahrscheinlich wie sich VespafahrerInnen mit Nikkituch und Sonnenbrille beim Parkplatz-gettogether in den 50ern gefühlt haben...:-DDD Auch wenn die Communityleute sich richtig groß fühlen und gern mit gesenktem Kopf bierernst im Stechschritt ihre Aufwartung machen, die boys ungepflegt, die girls im fadenscheinigen Retro-rasta-afro-rock'n'roll-Zitatslook. Organisiertheit ist tabu und schweigend-atmosphärisch geahndet. Loyalität bei plötzlichen gemeinschaftlichen Ausbrüchen (jederzeit ideologisch verbrämten) Protests ein Muss auch wenn es keine Einleitung gab... Du lieber Himmel, mir ist Life lieber als Lifestyle...:-DDD

bixente uhudla
 
19.04.2010 19:55

irgendwie haben da einige den begriff "post-gender" eben nicht verstanden,wenn kritisiert wird,daß dezitiert feministische themen wenig beachtung gefunden haben...

genau DAS ist es ja,was "post-gender" bedeutet,daß nämlich gender-spezifischen themen weniger bis kein augenmerk gewidmet wird bzw. werden soll...

Captain Smoker
19.04.2010 19:49

"auch zahlreiche Strick- oder auch Hausarbeitsblogs" - Und dann hätte es wieder Sexismus geheißen wenn diese Themen angesprochen worden wären...

die Resi-Tant Evil
19.04.2010 19:16
Na?

Hier mühen sich ja einige postende Männer - resp. eher solche, die das vielleicht eines Tages schon nochmal werden - redlich, das mit den "lauter Perverse im Internet" zu ratifizieren.

Heinzel Mann
 
19.04.2010 13:45
eine feministische rednerin...

die "strick- und hausarbeitsblogs" als explizit "weibliche themen" befindet !???

muss da nur ich schmunzelInnen?

würd mich auf die reaktionen freuen, wenn ein männlicher redner diesen vorschlag machen würde...

(ja, ich bin sehr diskussionsbereit - sonst würd ich hier nicht posten - nur zu; der username hat nichts patriachales an sich - könnte sogar als verniedlichung des geschlechts gesehen werden (oh gott); und ja wir teilen uns die hausarbeit...

Mac Smith
21.04.2010 13:07
"eine feministische rednerin die "strick- und hausarbeitsblogs" als explizit "weibliche themen" befindet !???"

Nunja, entsprechende Blogs werden zu 99% von Frauen betrieben, insofern ist es sympathisch, daß sich nicht alle Feministinnen der Realität verschließen und mal sagen, wie es ist.
"Frauen im Netz" sind eben nicht nur halbgare, indiskutable Feministinnen-Blogs, die niemanden außer anderen Feministinnen interessieren, auch wenn diese die lauteste Minderheit darstellen und den anderen weiblichen Bloggerinnen ihren schlechten Ruf verschaffen.

masterjo
19.04.2010 14:09

ja die hat halt vielleicht auch "(latent) frauenfeindliche Einstellungen"

Deß Dr. Gonzo Merck=Wuerdige Meynungen & Merckungen
19.04.2010 12:40
einige postings in diesem forum bestätigen die im artikel diskutierte kritik performativ

manche postings in diesem forum sind fast so realsatirisch wie das impressum der piratenpartei: http://www.piratenpartei.at/impressum

Neuer Nick neues Glück
21.04.2010 07:47

Lern Deutsch. Dann fällt dir auf, dass die Piraten einfach nur recht haben.

G e o r g
21.04.2010 10:55

Hihi. Es ist schon lustig, wie so viele Leute vollkommen frei von Wissen über geschlechtergerechte Sprache urteilen.

Wyle E. Koyote
19.04.2010 12:15
komischerweise

steht bei den kommentaren auf piratenweib, dass man 1. seine Tel.Nr nicht veröffentlichen muss - mail reicht, und man 2. selber schuld ist sich einen deutschen bloganbieter zu nehmen...

Piratenweib
19.04.2010 23:31
kommentare

Komischerweise haben Kommentatoren nicht immer automatisch Recht, wenn sie etwas kommentieren. Ich weiß nicht, wie das in Österreich gehandhabt wird, aber in Deutschland gilt die sog. Anbieterkennzeichnungspflicht, wenn ein Angebot im Netz dauerhaft eingestellt wird - und dazu gehören Blogs nunmal. Das Recht ist dazu sogar ziemlich eindeutig. Leider.

Deß Dr. Gonzo Merck=Wuerdige Meynungen & Merckungen
19.04.2010 12:03
einige postings in diesem forum dienen vermutlich der performativen bestätigung der im artikel diskutierten kritik

sind fast so realsatirisch wie die anmerkung der piratenpartei zu gendergerechten formulierungen in ihrem impressum:
http://www.piratenpartei.at/impressum

Kräuterpfarrer Escobar
19.04.2010 11:46
"Bei re:publica kritisierten feministische Rednerinnen, dass ein Ausschluss von "weiblichen Themen" auf der Konferenz stattfinden würde. Immerhin gäbe es neben feministischen Blogs auch zahlreiche Strick- oder auch Hausarbeitsblogs"

Würde ein Mann Stricken und Hausarbeit als typische Themen bezeichnen, über die Frauen gerne reden bzw. als Frauenthema klassifizieren, würde man ihn - berechtigerweise - mit Zitronen bewerfen.

Deß Dr. Gonzo Merck=Wuerdige Meynungen & Merckungen
19.04.2010 11:37
hier bemühen sich ein paar polymorph-perverse kleinbürger redlich um performative bestätigung der im artikel erwähnten kritik

mission accomplished, boys!

die österr. piratenpartei ist gendermäßig tatsächlich peinlich: nur männer im vorstand (männerselbsthilfegruppe?), die im impressum behaupten, dass im deutschen die männliche form sich zur neutralen abgeschliffen hat. das ist höchstens 80er jahre, boys!: http://www.piratenpartei.at/impressum

wo bleibt die wahlempfehlung für rosenkranz oder gehring?

woifee 0.0
21.04.2010 15:48

was haben sie gegen die piratenpartei, dass sie 3 mal diesen link posten und den gleichen mist verzapfen

außerdem kämpft die piratenpartei um jedes weibliche mitglied, ich war auf der gv 2010 und dort wurde von allen weiten bemängelt, dass es zu wenig damen in der partei gibt, aber niemand kann frauen dazu zwingen mitzumachen oder sich für den vorstandsposten zu bewerben

außerdem kenne ich mindestens genau so viele frauen, die das binnen-i nicht leiden können wie umgekehrt. Welchen Mehrwert gibt es für das binnen-i. Ein gleichnis:

das binnen-i sind die rosinen im kuchen der emanzipation, anstatt für die verdiente hälfte des kuchen zu kämpfen legt feministinnen wert auf die rosinen, die nich mal jeder haben will

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