"Wenn du eine der ihren bist, ist das plötzlich etwas anderes": Heidi Schröck aus Rust hat ihren Status als eine der wenigen Frauen in der österreichischen Weinbranche erfolgreich genutzt
Am Ruster Hauptplatz reiht sich ein ums andere schmucke Barock- und Renaissancehäuschen aneinander. Die jahrhundertealten Fassaden geben Zeugnis ab von den Anfängen der burgenländischen Freistadt am Neusiedler See. Auch der beschauliche alte Innenhof von Haus Rathausplatz Nummer 8 hätte viel zu erzählen. Wo früher Arbeiterfamilien auf kleinstem Raum zusammenlebten, dreht sich heute alles um Heidi Schröcks mehrfach ausgezeichnete Weine. "Meine Vorfahren sind 1750 aus Thüringen der Donau entlang eingewandert, einer von ihnen hat in Rust mit dem Weinbau begonnen. Noch heute ernte ich von den über 40 Jahre alten Reben meiner Großtanten, die meinem Vater später Haus und Gut vermacht haben", schildert die Winzerin mit dem warmherzigen Lachen.
Sie selbst hat den Weinbaubetrieb nach der Matura in zehnter Generation als jüngste dreier Schwestern von ihren Eltern übernommen. Zehn Hektar Weingarten betreut und bearbeitet Heidi Schröck heute, fünf in Eigentum, fünf gepachtet. 70 Prozent sind Weiß-, 30 Prozent Rotweine, Süßweine zählen zu ihren Spezialitäten. "Am besten verkauft sich das Authentische, hinter dem ich voll und ganz stehe. Bei mir suchen die Leute den Furmint, den Ruster Ausbruch, Zweigelt und Blaufränkisch, beim Weißwein ist der Weißburgunder mein großer Star." Die Schröck'schen Weine reisen zum Großteil in die Schweiz, in die USA und nach Norwegen. "In manchen Jahren beträgt der Exportanteil bis zu 70 Prozent", so die Chefin. Aber auch das Ab-Hof-Geschäft sei ihr sehr wichtig, "weil man da unmittelbare Resonanz bekommt und direkte Beziehungen zu Kunden aufbaut."
Vom Keller bis zum Schreibtisch
Zwei ständige MitarbeiterInnen unterstützen Heidi Schröck bei Technik und Administration. Sie selbst arbeitet "quasi überall", vom Keller bis zum Schreibtisch, am liebsten aber draußen bei den Reben: "Meine Gedanken sind dort draußen anders - es ist, als wenn der Himmel höher wäre." Im Sommer verbringt sie zehn Stunden täglich im Weingarten, von sieben bis zwölf und von eins bis sechs, ausgestattet mit Sonnenbrille und Turban. "Sonne und Hitze machen extrem müde. Danach bin ich streichfähig."
Die Atmosphäre unter den Weinbauern habe ihr schon rund um ihren Vater immer sehr behagt: "Es war ein gutes Gefühl, dort dazu zu gehören - scheinbar hat mich das gereizt." Bis zum Schulabschluss habe sie aber gar nicht so recht gewusst, ob der Weinbau wirklich Ihres ist, obwohl: "Bei einem Klassentreffen habe ich eine Liste aus dem Maturajahr entdeckt, auf der ich 'Weinbau und Kellerwirtschaft' als Berufswunsch angegeben habe - meiner Erinnerung nach wollte ich damals aber Geschichte studieren."
Nach der Übernahme des Betriebs "am Papier" hat Heidi Schröck zunächst an der Seite des Vaters mitgewirtschaftet. "Am Anfang habe ich nur durch's Fehlermachen gelernt. Ich war vollkommen blauäugig, was die Organisation betrifft." Mit 19 machte sie ein einjähriges Praktikum in einem Weinbaubetrieb in Deutschland, um dort von der Pike auf die "Basics" zu lernen: "Wie funktioniert eine Pumpe? Wozu braucht man Schwefel? Wie funktioniert die Weingärung? Ich war das erste Mädchen und die erste, vollkommen blanke, Maturantin, die dort gelernt hat, aber ich wurde gut integriert und begleitet und man hat mich meine Fehler machen lassen."
Doppelte Weinkönigin
Anfang der 80er-Jahre wurde die Jungwinzerin gleich doppelt zur Weinkönigin gewählt - erst, 1980, zur burgenländischen, dann, 1981, zur österreichischen. "In diesem Amt war ich sehr viel unterwegs, habe viele Leute kennengelernt und gelernt, vor Menschenmengen zu reden. Das hat mir viel für's Selbstbewusstsein gebracht." Damals habe die Weinwelt noch anders ausgesehen: "1985 war der Weinskandal, das hat die ganze Branche verändert. Für mich hat diese damals aus zwei Teilen bestanden: die beschauliche Weinwelt zu Hause, mit Weinen in Holzfässern und Stammkunden, die wir wie Gäste behandelten, und auf der anderen Seite die Weinmessen mit den 'anderen' Weinen, die so anders geschmeckt haben. Ich habe mir aber nichts dabei gedacht. Ich habe viele Leute gekannt, die später in den Skandal involviert waren und war der Meinung, jeder tut eben sein Bestes."
Die Weinwelt war damals nicht nur eine andere, sondern auch eine frauenlose: "Natürlich war ich den Weinbauern als Weinkönigin bekannt, aber wenn du dann nicht mehr Repräsentationsfigur, sondern eine der ihren bist, ist das plötzlich etwas anderes. Bei Versammlungen und Vorträgen wurden immer nur die "sehr geehrten Herren" begrüßt - dass da auch eine Frau drin sitzt, haben sie nicht wahrgenommen", schmunzelt sie.
Lernen in Südafrika
Als "Gustostückerl" in ihrer beruflichen Laufbahn sieht Heidi Schröck noch heute ihren sechsmonatigen Südafrika-Aufenthalt: "Ich wurde als Weinkönigin beim Weltweinkongress in Wien von der südafrikanischen Delegation eingeladen, dort in Weinbetrieben mitzuarbeiten. Damals war die Welt noch größer, die Reiseplanung war umständlich und das Ticket teuer." Es folgte ein lehrreiches halbes Jahr in Weingärten, Kellern und Labors in Stellenbosch: "Die Dimensionen waren viel größer als bei uns - wir hatten zu Hause fünf Hektar, dort unten hatte niemand unter 50. Und es war mitten in der Apartheid - eine spannende Zeit für einen
liberal denkenden Menschen."
Stolze Meisterin
Nach ihrer Rückkehr widmete die Jungwinzerin sich ihrer Fachausbildung, wurde 1987 Meisterin für Weinbau und Kellerwirtschaft: "Auf diesen Titel bin ich heute noch stolz". Als frischgebackene Meisterin hatte sie 1988 gleich das ereignisreichste Jahr ihrer Karriere zu meistern: "Im Juni habe ich meine beiden Söhne, eineiige Zwillinge, auf die Welt gebracht und im Herbst, mit Unterstützung vom Papa, meine erste eigene Ernte eingeholt. Meine über 90-jährige Großmutter saß in der Zeit neben dem Bettchen der Kinder und hat ihnen Lieder vorgesungen, an die sie sich heute noch erinnern."
Die Söhne waren das Leben rund um den Wein von klein auf gewohnt: "Wenn meine Mama sie nach dem Kindergarten in den Weingärten vorbeigebracht hat, haben sie sich mit Sandküberln und Papierscheren an der Ernte beteiligt", erinnert sie sich lachend. Im Vergleich zu Winzerinnen heute habe sie trotz des Betriebs sehr viel Zeit mit ihren Kindern verbringen können: "Meine jüngeren Kolleginnen mit kleinen Kindern haben viel mehr Aufwand als ich damals. Neben Alltag und Organisation müssen sie zu Importeuren quer durch die Weltgeschichte reisen - ich habe erst zu reisen begonnen, als meine Kinder schon Teenager waren."
Ein Schulfreund gründete in Rust Anfang der 90er-Jahre die heute
landesbekannte Weinakademie und bot Heidi Schröck an, Weinseminare für
Touristen zu halten. "Für mich, mit zwei kleinen Kindern zu Hause,
ideal, weil die Veranstaltungen am Abend stattfanden und ich die
Gelegenheit hatte, mich auch 'draußen' bekannt zu machen. Meine Kinder
haben das Wort 'Weinakademie' schon gekannt, als sie noch nicht einmal
reden konnten - sie wussten, wo und zu wem ich da hingehe und wann ich von dort
wiederkomme."
Frausein als Chance
Von Anfang an habe sie eine Chance darin gesehen, in der Weinbranche eine Frau zu sein: "Es gab nicht viele Winzerinnen und ich dachte, dass das vielleicht Interesse wecken könnte. Darum war es mir auch wichtig, dass mein eigener Name statt dem meines Vaters auf den Flaschenetiketten steht - schließlich stehe ja auch ich hinter dem Produkt." Berichte in Weinzeitschriften über Frauen, die Weinbetriebe leiteten, zogen sie magisch an, per Brief nahm sie zu einigen Kontakt auf. "Besonders fasziniert hat mich in einem italienischen Magazin ein Artikel über 'Le donne del vino'. Obwohl ich kein Italienisch konnte, habe ich diesen Artikel fast inhaliert: Diese Frauen und ich hatten eine ähnliche Geschichte, dieselben Freuden, dieselben Leiden."
Das Thema "Frauen und Wein" behielt sie immer im Hinterkopf und im Jahr 2000 folgte die Geburtsstunde der Vereinigung "11 Frauen und ihre Weine" - die heuer ihr zehnjähriges Jubiläum feierten: "Unser erklärtes Ziel war es, zu zeigen, dass in Österreich sehr gute Weinbetriebe von Frauen geführt und geleitet werden und dies nicht mehr nur Männersache ist - und das ist uns gelungen."
Entspannen beim Singen und Reisen
Den einstigen Berufswunsch Historikerin hat Heidi Schröck zu ihrem Hobby gemacht. Entspannung findet sie auch beim Singen in einem Eisenstädter Chor, beim Weingarten-Picknick mit gebratenem Speck am Lagerfeuer und ganz besonders auf Reisen. Reisen zu Importeuren gehören zu ihrem Geschäft; der Kontakt zu den AbnehmerInnen ihrer Weine ist ihr wichtig und mittlerweile hat sie Freunde auf der ganzen Welt: "Ich möchte meine Weine nicht einfach ins Nirvana schicken - das kommt meiner Reiselust sehr entgegen. Ich bin keine große Urlauberin, aber ich genieße es, manchmal auszubrechen und ganz in eine fremde Stadt einzutauchen."
Die Reiselust hätten ihre Söhne von ihr geerbt. Beide würden sich auch für den Weinbau interessieren. Der eine studiert bereits Weinbau und Kellerwirtschaft, der andere Umwelt- und Bioressourcenmanagement. Werden sie später den Betrieb übernehmen? "Was weiß man ... Ich möchte sie nicht in eine Richtung schieben - sie sollen das ganz für sich entscheiden."
Aus dem Bauch heraus
Ihre eigenen Entscheidungen trifft die erfolgreiche Weinbäuerin meist aus dem Bauch heraus, mit Fingerspitzengefühl und Vorsicht. Aus Vor- und Umsicht hat sie sich nach einem gescheiterten Versuch auch gegen den Bioweinanbau entschieden - obwohl es zu ihrer Einstellung passen würde. Ihre Weingärten pflegt Heidi Schröck so, wie sie auch sich selbst behandeln würde: "Wäre ich krank, würde ich eine Mischung aus Homöopathie und klassischen Heilmethoden wählen. Den Reben spritze ich auch hin und wieder ein Fenchelkonzentrat zur Stärkung hin, ich arbeite aber auch mit konventionellen Methoden. Als Alleinerzieherin mit zwei studierenden Kindern und als Chefin des Betriebs trage ich große Verantwortung - dass zwei von zehn Ernten schiefgehen können, kann ich mir nicht leisten."
Die Renovierung des schönen alten Hauses am Hauptplatz habe sie sich vor zwei Jahren geleistet: "Um das Geld hätte ich ein neues Haus kaufen können - aber das hätte ich nie gewollt. Ich genieße es jeden Tag, die Harmonie aus Neuem und Altem zu sehen." Das passt zu ihrem Sinn für Tradition: "Tradition ist für mich das, was durch meine Füße geht, meine tiefen Wurzeln, aus denen ich schöpfen kann. Ich muss mit der Zeit gehen, aber das Wissen um das, was meine Familie gemacht hat, was mir alte, erfahrene Bauern raten, fließt unbewusst in meine Arbeit ein. Oder mit Gustav Mahler gesagt: 'Tradition bedeutet nicht, Asche zu bewahren, sondern Feuer am Brennen zu erhalten.'" (Isabella Lechner, dieStandard.at 4. Juli 2010)