Regenbogenführung

"Lange unmöglich, über Homosexualität zu forschen"

29. Juni 2010, 17:47
  • Artikelbild: Andreas Brunner von QWien gräbt bei seinen Führungen in der Geschichte 
von Wissenschaft und Homosexualität - etwa anhand von Büsten wie jener 
Joseph von Sonnenfels. - Foto: Der Standard/Heribert Corn

    Andreas Brunner von QWien gräbt bei seinen Führungen in der Geschichte von Wissenschaft und Homosexualität - etwa anhand von Büsten wie jener Joseph von Sonnenfels.

Ein Rundgang durch das Hauptgebäude der Universität Wien verortet die Geschichte der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Lesben und Schwulen - und eröffnet Erstaunliches wie Kurioses

"Welche Wissenschafter schwul waren oder sind, werden Sie nicht von mir nicht erfahren" , nimmt Andreas Brunner gleich vorweg. Der Historiker und geprüfte Fremdenführer bekräftigt: "Die Schlüssellochperspektive interessiert mich nicht." In einer Nische der Aula des Hauptgebäudes der Universität Wien an der Ringstraße steht Brunner vor den marmornen Tafeln, in welche die Namen aller Rektoren der Alma Mater in goldenen Lettern eingemeißelt sind.

Hier beginnt der Rundgang Homosexualität in der Welt der Wissenschaften, der im Vorfeld der 15. Regenbogenparade am 3. Juli gemeinsam von Uni Wien und QWien, Zentrum für schwul/lesbische Kultur und Geschichte, ausgearbeitet wurde. Darin will Brunner zeigen, "dass sich das Haus immer schon mit Homosexualität auseinandergesetzt hat, wenn auch nicht immer im positiven Sinn" .

Brunner zeigt auf einen der vielen Namen auf der Tafel, die heute kaum jemand zuordnen kann. "Roland Grassberger hat als Ordinarius des Instituts für Strafrecht und Kriminologie Gutachten für die ÖVP zur Strafrechtsreform gemacht und sich immer wieder gegen die Aufhebung des Totalverbots von Homosexualität, das bis 1971 existierte, ausgesprochen", schildert er. "Er war Nazi, hat dann eine klassische Nachkriegskarriere gemacht. Und auch dann noch oft eine nationalsozialistische Diktion beibehalten", sagt Brunner und liest zur Untermauerung ein Zitat des ehemaligen Rektors vor.

Wissenschaftliches Tabu 

Dass es in den 1980er-Jahren nur eine einzige Vorlesung gab, die das Wort Homosexualität im Titel führte, erfahren die Teilnehmer des Rundgangs dann in einem Hörsaal. "Es war sehr lange unmöglich, akademisch über das Thema zu forschen, es war wahnsinnig tabuisiert. Und wollte jemand wissenschaftlich dazu arbeiten, wurde ihm automatisch Betroffenheit und damit auch Befangenheit vorgeworfen", sagt Brunner. Erst gegen Ende der 80er-Jahre habe sich in manchen Instituten erstmals Widerstand gegen reaktionäre Lehrende geregt.

Weiter geht es im Arkadenhof: In den hohen Gängen stehen steinerne Büsten berühmter Wissenschafter Spalier und blicken auf die Studenten, die sich in den Liegestühlen im Hof sonnen - wobei keine einzige Büste einer Frau gewidmet ist, wie Andreas Brunner anmerkt. In diesem Teil der Führung gräbt er tiefer in die Historie und gibt so manchem unscheinbaren Steingesicht "einen Teil seiner Geschichte" zurück, wie er sagt.

Von Joseph von Sonnenfels, der entscheidend an der Abschaffung der Todesstrafe im Strafrecht von Joseph II. mitgewirkt hat, über den Gerichtsmediziner Richard von Krafft-Ebing, dessen Kategorisierung von Homosexualität in angeborene und erworbene Formen erheblichen Einfluss auf die Strafrechtspraxis hatte, bis hin zu Sigmund Freud und dessen schwierigem Verhältnis zu seiner lesbischen Tochter Anna - der Guide fördert Erstaunliches wie auch Kurioses zutage. Er berichtet etwa über den Erfinder der Begriffe Homo- und Heterosexualität, fehlgeschlagene Experimente zur Heilung Ersterer sowie über die Gründe, warum das Bayern des 19. Jahrhunderts einen liberaleren Umgang mit Schwulen und Lesben pflegte als das heutige.

Neues Archiv

Über die Sammlung von Frauennachlässen führt Brunner in die Uni-Bibliothek, wo er anhand des Online-Katalogs zeigt, dass es schwierig sein kann, altes Forschungsmaterial zum Thema Homosexualität in den Beständen zu finden, da es oft nicht als solches ausgewiesen ist. Um WissenschafterInnen den Zugang zu Quellen zu erleichtern, hat QWien vergangene Woche ein Archiv eröffnet, das seit Jahrzehnten gesammeltes Material - Literatur, Periodika, Nachlässe und andere Dokumente schwulen und lesbischen Lebens von der Jahrhundertwende bis in die Gegenwart - zugänglich macht.

"Heute gibt es vonseiten der Uni keine Berührungsängste mehr", resümiert Brunner, der seinen Rundgang im Festsaal abschließt. "Es gibt viele Lehrveranstaltungen und zahlreiche Initiativen der Studierenden. Und Homophobie kann nicht mehr ungebrochen transportiert werden."(Karin Krichmayr, Der Standard /Printausgabe 29.06.2010)

Info

Von Dienstag bis Samstag finden täglich einstündige "Regenbogenführungen" an der Uni Wien statt.

Preis: 3 Euro, Anmeldung erforderlich.

Link

QWien

Uni Wien - Regenbogenführungen

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20 Postings
Toeris 
07.07.2010 22:59

Ach ja, und das "goldene Wienerherz" sieht man dann ja auch hier:
http://diestandard.at/127733759... en-bleiben

a grünes stricherl 
30.06.2010 14:54
die homophobie nimmt seit einiger zeit leider wieder zu ...

manfredo 66
30.06.2010 12:30

Regenbogenführungen.
Ich packs nicht. Was es alles gibt.

Kremser
30.06.2010 08:52
"Und Homophobie kann nicht mehr ungebrochen transportiert werden."

Wie auch? Ist ja nur ein Hirngespinst!

a grünes stricherl 
30.06.2010 15:10
wie kommens drauf?

Timagoras 
30.06.2010 12:53
"Homophobie .... Ist ja nur ein Hirngespinst!"


gehen'S mal mit einem gleichgeschlechtlichen menschen händchenhaltend durch bestimmte gegenden in Hamburg-St.Georg oder Berlin-Neukölln, und dann reden wir nochmal über "hirngespinste" ...

a grünes stricherl 
30.06.2010 14:51
zum thema st.georg in hamburg muss ich anmerken dass es einen sehr speziellen platz gibt an dem man massiv angepöbelt wird..

das ist btw derselbe platz an dem man auch wegen des tragens einer kippa beschimpft werden kann.

anmerken muss ich allerdings dass speziell die älteren herren nicht selten beruhigend auf die jüngeren einzuwirken versuchen.

überdeutlich homophobie findet sich in hamburg auch auf der veddel / wilhelmsburg .. neuwiedenthal usw.

Toeris 
30.06.2010 14:32

Ist das anders als bei uns im 15, 16, 17 Bez. in Gürtelnähe?

Der Spruch, den ich einem sehr jungen Familienmitglied einmal erklärt habe, um was es überhaupt geht dabei, weil er ihn 1:1 aus der Schule mitgebracht hat, war:
Bist du schwul oder was?
Da wird gedankenlos und unreflektiert infiltriert, ohne dass es die Eltern oder die Familie so richtig wahrnimmt.

G e o r g
30.06.2010 13:33

Das ist aber einfach - böse (hier: homophob) sind wieder einmal die anderen, die "Fremden". Dann muss man sich bequemerweise nicht um die eigene Homophobie kümmern, oder gar die in der Mehrheitsgesellschaft kritisieren.

Timagoras 
30.06.2010 14:56
"Das ist aber einfach - böse (hier: homophob) sind wieder einmal die anderen, die "Fremden""


wovon (und von welchen "fremden") reden Sie???

G e o r g
30.06.2010 16:33

Ich nehme an, du zielst darauf ab, dass diese beiden Stadtteile überdurchschnittlich hohe Anteile an Einwohner mit Migrationshintergrund haben. Oder habe ich mich getäuscht?

Timagoras 
30.06.2010 18:24
"Ich nehme an, du zielst darauf ab, dass diese beiden Stadtteile ..."


ich ziele darauf ab, dass es in diesen beiden stadtteilen überdurchschnittlich viele gewalttätige übergriffe gegen homossexuelle bzw. überdurchschnittlich viele homophobe pöbeleien gibt.
das sind fakten, die durch polizeiberichte und statistiken belegt sind.
nicht mehr und nicht weniger.

wenn Sie daraus ein "migranten-problem" machen wollen, ist das Ihre sache ...

G e o r g
30.06.2010 19:41

Ich nehme meine Anschuldigung zurück.

zwergleviathan
30.06.2010 16:25
naja die "deutsche" Perspektive auf die "dummen Ösis" ist ja auch ein schönes Beispiel

das ich gerne serviere wenn sie das andere net verstehen;

"die "Ösis" haben ihre Schuld am WK2 nicht aufgearbeitet" kommt meist aus deutschen Mündern; wohlweislich vergessend, daß dort immer noch ab und zu Asylantenheime spontan zu brennen beginnen
oder daß ganze Dorfgemeinschaften Migranten durch den halben Ort prügeln

ebenso schönes Beispiel für die Hybris, der die meisten "Weltverbesserer" anheimfallen

indem sie sofort eine Gruppe von "Feindbildern" angreifen tun sie ganu jenes, was sie anderen unterstellen

ob ihre Feindbilder nun aus deren sexueller Orientierung entstehen oder deren Meinung, tut nichtsmehr zur Sache

soetwas wie Fromms "positive Gewalt" gibt es nicht, wer otherism anwendet ist xenophob

Schottentor U-Bahn
30.06.2010 13:26
Hamburg-St. Georg???

Da fällt man wohl eher auf, wenn man NICHT schwul ist.

Timagoras 
30.06.2010 15:26
dann sind sie wohl nicht ganz auf dem neuesten stand:


http://www.ndr.de/nachricht... he112.html

http://www.hh-heute.de/mahnwache... ansaplatz/

und das ist kein einzelfall, in letzter zeit kam es in Hamburg-St.Georg immer öfter zu massiven übergriffen gegen homosexuelle oder gegen entsprechende einrichtungen wie beratungszentren und bars etc.

http://www.bpb.de/themen/7Z... limen.html

Schottentor U-Bahn
01.07.2010 10:30
Gut, gebe zu, dass ich das nicht wusste!

Jetzt bin ich baff. Und das in St. Georg!

a grünes stricherl 
30.06.2010 14:53
speziell an einem punkt in st georg allerdings

sollte man wenn möglich nicht hand in hand gehen ...

ps. gehört als ganzes aber zu meinen lieblingsbezirken in hamburg.

Tethys
30.06.2010 10:22

Homophobie ist durchaus real,

Anna Bolika
30.06.2010 07:14
danke andi

weiter so lg

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