Gedenken an die Verfolgung sexueller Minderheiten im Dritten Reich - Temporäres Kunstprojekt im öffentlichen Raum
Wien - Sie bluten aus den Ohren, ihr Blick ist starr, der Mund weit aufgerissen, würgend und schreiend. So sehen die Menschen auf jenen Bildtafeln aus, die am Morzinplatz im ersten Wiener Bezirk auf zwölf meterhohe Holzstäbe montiert sind. Im Rahmen einer temporären Kunstaktion soll das Projekt der Kärntner Künstlerin Jasmin Doujak an die Verfolgung sexueller Minderheiten im dritten Reich erinnern. Bei der Eröffnung am Freitag sprach Antidiskriminierungs-Stadträtin Sandra Frauenberger von "einem nachdenklichen, aber kräftigen Gedenken gegen Hetze, Hass und Stigmatisierung".
Bereits 2006 hätte am Morzinplatz, dem einstigen Standort der Gestapo-Leitstelle, ein Mahnmal für homosexuelle und transgender Opfer des Nationalsozialismus entstehen sollen. Das mit einem Wettbewerb ausgeschriebene Projekt "Rosa Platz" von Hans Kupelwieser konnte jedoch aufgrund der Tiefgarage unter dem Platz technisch nicht umgesetzt werden; auch ein zweiter Entwurf des Künstlers war nicht realisierbar. Nach einer Idee der Kunsthallen-Initiative "Kunst im öffentlichen Raum" (KÖR) soll der Platz nun "bis zur Auslosung eines neuen permanenten Denkmals temporär von nationalen und internationalen KünstlerInnen bespielt werden", so der Kurator Matthias Herrmann.
Statisches Mahnmal mit Beweglichkeit
Drei Monate lang sollen jeden Freitag um 17 Uhr zwölf Freiwillige jeweils eine Stunde lang die Bildtafeln präsentieren. So soll ein statisches Mahnmal durch eine temporäre Mahnwache ersetzt und sowohl Beweglichkeit als auch die menschliche Komponente direkt miteinbezogen werden, so Herrmann. Das Motiv, schreiende Menschen auf kornblumenförmigem, blauem Hintergrund, hat eine besondere Bedeutung. Laut Herrmann soll Blau die Lieblingsfarbe und die Kornblume die Lieblingspflanze Hitlers gewesen sein. Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny betonte bei der Eröffnung, dass das Projekt nicht nur zum Gedenken und Erinnern dient, "sondern dass es auch ein Zeichen für Offenheit in der Gegenwart darstellt".
Erinnern als Prozess
Die Künstlerin Ines Doujak begreift Gedenken und Erinnerung als einen nicht
abgeschlossenen, sondern stets auf Erneuerung und Veränderung
basierenden Prozess. Demzufolge begegnet die Künstlerin dem Gedenken
mit einer Mahnwache und schafft damit ein Projekt, das sich durch
Beweglichkeit auszeichnet. (APA/red)