Mit "Sellout" kehrt die US-Musikerin dem Pop den Rücken: Jetzt trifft Soul R'n'B und Funk und sie besingt die "Beauty of the World"
London - Macy Gray veröffentlicht ihr neues Album "Sellout" und der Titel ist durchaus ironisch gemeint. Denn die Sängerin hat sich beim Schreiben und bei der Auswahl der Songs nicht von kommerziellen Aspekten leiten lassen. "Bei meinen letzten beiden CDs hatte ich mich zu sehr nach den Wünschen meiner Umgebung gerichtet. Ich hatte mich zu sehr in Richtung Pop drängen lassen. Dieses Mal habe ich nur meine eigene Ideen umgesetzt und das aufgenommen, was mir gefällt."
Sie bediente sich unterschiedlicher Stilrichtungen, mischte Soul mit R'n'B und Funk und setzte auch ihren Willen durch, was das musikalische Personal betrifft. Für die Studioarbeit konnte sie Kollegen wie Kaz James und die Velvet Revolver bzw. ehemaligen Guns N' Roses-Mitstreiter Slash, Duff McKagan und Matt Sorum gewinnen, "alles alte Freunde von mir".
Nach Grammy Stille
Wenn Macy Gray spricht, ist sie sofort als die Frau zu identifizieren, die vor gut elf Jahren mit der Single "I Try" und ihrem Debütalbum "On How Life Is" Furore machte. Heiser, rauchig, manchmal ein bisschen kaputt kratzig, oder mit einem leicht quengeligen Unterton auf jeden Fall immer sehr eigen. Damals wurde die heute 42-Jährige mit Jazzsängerinnen wie Billie Holiday und Nina Simone verglichen, ihr wurde eine große Zukunft prophezeit. 2001 ergatterte sie tatsächlich für "I Try" einen Grammy. Doch dann wurde es ruhiger um Macy Gray.
Sie nahm weitere nicht so erfolgreiche Alben auf, kümmerte sich um ihre drei Kinder, spielte in Filmen wie "Training Day", "Spider Man" und "Scary Movie 3" mit und arbeitete an ihrem eigenen Modelabel, das sich "an normale Frauen mit weiblichen Kurven" richten soll. Nach einem Schlag aufstehen und weitermachen - das ist ihre Devise. Die resolute Sängerin und alleinerziehende Mutter lässt sich durch Misserfolge nicht beirren.
Duett mit einem der letzten Crooner
Für das Stück auf den neuen Album "Real Love" holte sich die Künstlerin Bobby Brown als Duettpartner vor das Mikrofon, "weil er einer der letzten Crooner ist. Wir bekommen ja leider kaum noch Männer zu hören, die uns Frauen richtig anschmachten können. Ich vermisse diese Art von direkten Liebesliedern sehr", lamentiert sie, "heutzutage werden Liebesgeständnisse in banale Dancesongs gequetscht. Und wenn Frauen Liebeslieder schreiben, stellen sie sich von vornherein allzu gern als Opfer dar, die einer unerwiderten Liebe hinterher trauern. Oder als verwundbare Wesen, die nur danach trachten, den Mann ihrer Wahl dazu zu bringen, ihr etwas Aufmerksamkeit zu schenken."
Erfahrungsdichte
Macy Gray, die als Natalie Renee McIntyre in Canton im US-Staat Ohio zur Welt kam, lässt uns in ihren Songtexten an ihren eigenen Lebenserfahrungen teilhaben. Zum Beispiel im Song "Kissed It", "einem Stück über eine Beziehung, die eigentlich unmöglich ist, die zerstörerisch wirkt und nur durch einen Faktor am Leben gehalten wird: Sex." Weiter will sie das Gesagte nicht erläutern.
Der erste Single "Beauty in the World" entstand, "als ich sehr deprimiert im Bett lag und aus dem Zimmer nebenan meine kleine Tochter lachen hörte. Da wurde mir klar, dass wir uns nicht durch alltägliche Nervereien davon abhalten lassen sollten, die Schönheit in allen Dingen zu sehen. Als ich den Song schrieb, dachte ich auch an eine uralte Schildkröte, die in ihrer Gestalt und Bewegung hässlich und schön zugleich ist." Die aufmunternde Botschaft kam rüber, inzwischen haben verschiedene Werbeagenturen und Filmfirmen ihr Interesse an der weiteren Verwertung des Stücks bekundet. (APA)