20 Stunden putzen pro Woche für 500 Euro im Monat ist der Alltag von Reinigungskräften in Österreich – Die Reinigungs-Branche ist ausgelagert, feminisiert und ethnisiert
"Ich kenne hier alles, jedes Eck, den Geschäftsführer, die Frauen in der Kantine, alle die hier arbeiten", sagt Irina* über ihr "Objekt". Irina arbeitet seit sechs Jahren bei der Reinigungsfirma ASSA und betreut ein Objekt. Es ist ein Spezifikum der Reinigungs-Branche, dass Reinigungskräfte zu Personen in den zu betreuenden Gebäuden eine stärkere Verbindung als zu ihren ArbeitskollegInnen haben, und gleichzeitig Loyalität zu zwei Firmen aufbauen (müssen).
Anzutreffen war Irina in ihrem Objekt im ASSA-Sozialraum. Auf etwa sechs Quadratmeter, ausgestattet mit einem kleinen Tisch, zwei Stühlen und Regalen mit Reinigungsutensilien, sitzt die Migrantin in ihrer ASSA-Schürze auf einem der zwei Drehstühle und trinkt genüsslich ihren Automatenkaffee.
Nach 19 Jahren "weggeschmissen"
Bei zwei Firmen war Irina bisher als Reinigungskraft beschäftigt. Bei der ersten Firma, ISS, arbeitete sie 19 Jahre lang für 40 Stunden pro Woche. Ihr Entgelt bei ISS betrug 9.000 Schilling netto. Das Ende dieses Arbeitsverhältnisses war "unschön", erzählt Irina. Die Reinigungsfirma ISS - sie zählt mit über 7.000 Angestellten zu den größten Reinigungsfirmen Österreichs - weigerte sich, ihr die Abfertigung auszuzahlen. Durch die Gewerkschaft versuchte sie ihre Ansprüche geltend zu machen, blieb aber ohne Erfolg. Die aus Kroatien stammende Österreicherin fühlte sich nach 19 Jahren Loyalität zu ISS "weggeschmissen". Gekündigt, erklärt Irina, wird man bei solchen Firmen unter anderem, wenn "Objekte verloren gehen", also die Verträge mit den Reinigungsfirmen nicht verlängert werden.
Ausgelagert, feminisiert und ethnisiert
Kaum eine Firma hat noch eigens angestellte Reinigungskräfte. Das sogenannte Outsourcen hat längst auch in dieser florierenden Branche Einzug gehalten. Putzen ist eine ausgelagerte, stark feminisierte und ethnisierte Branche. Bei ASSA etwa arbeiten fast ausschließlich Frauen mit Migrationshintergrund, aus "allen möglichen Ländern", schildert Irina. Männer werden für "Spezialaufträge" herangezogen, bei Fensterreinigungen etwa. In Österreich geborene ÖsterreicherInnen sind, wie sie ausführt, sehr wohl auch bei ASSA tätig, allerdings in den höheren Positionen. Reinigungskräfte, die in Banken oder Versicherungen arbeiten, müssen vor ihrer Einstellung ihre Fingerabdrücke abnehmen lassen. Im Falle einer rechtswidrigen Handlung in den jeweiligen Objekten soll so festgestellt werden, dass ASSA-Mitarbeiterinnen damit nichts zu tun haben.
"Reinigung ist Schwerarbeit"
Irinas Arbeitstag beginnt um sechs Uhr früh und endet um 14 Uhr. Die Arbeitszeit ist relativ knapp bemessen in Anbetracht des Aufgabenbereichs. Dabei muss sie sich an ein strikt vorgegebenes Programm halten, das am Ende der Woche in Form eines Protokolls abgegeben werden muss. Sie arbeitet in einem Objekt mit mehr als 300 MitarbeiterInnen. Arbeitszeiten sind aber von Objekt zu Objekt verschieden. Einige KollegInnen von Irina arbeiten drei Stunden am Morgen und drei Stunden abends. Die Zeit dazwischen ist "Leerzeit die es zu überbrücken gilt". Irinas Tätigkeit umfasst Müll wegbringen, Böden kehren, saugen, waschen, Tische putzen, Computer entstauben, Fensterbänke sauber halten, WC-Reinigung, WC-Papier nachfüllen, mehrere Geschirrspüler ein- und ausräumen und Grundreinigungen, die in bestimmten Intervallen überall gemacht werden müssen. Mühe bereitet ihr vor allem das Wegbringen von Altpapier in den dafür vorgesehenen großen Säcken, die bis zu 20 Kilogramm schwer sind. "Reinigung ist Schwerarbeit", fasst Irina zusammen. Einmal im Monat bekommt sie dafür 500 Euro auf ihrem Konto gutgeschrieben.
Ihre Nachmittage verbringt sie mit privater Versorgungsarbeit. Zuerst die Tochter von der Schule abholen, dann Kochen und in den eigenen vier Wänden aufräumen. Die Hausaufgaben der Tochter kontrollieren und schließlich muss auch ihr Vollzeit beschäftigter Mann versorgt werden. "Ich arbeite den ganzen Tag sehr hart und bekomme dafür 500 Euro, das ist einfach nicht fair". Eine Vollzeitstelle als Reinigungskraft kann Irina jedoch aufgrund der privaten Versorgungsarbeit nicht annehmen. Abgesehen davon sind Vollzeitstellen in der Reinigungsbranche rar.
Resignation und Zufriedenheit
Irina zeigt sich mit ihrer jetzigen Firma zufrieden, relativiert aber stets durch Vergleiche mit ihrem Ex-Arbeitgeber ISS. Dort werden ihrer Aussage nach MitarbeiterInnen "schikaniert und permanent ausgetauscht: Eine kommt, die andere geht, eine kommt, die andere geht", erzählt sie aufgebracht. Bei ASSA fühlt sie sich relativ sicher. Eine andere Firma kommt für sie deshalb derzeit nicht in Frage. "Putzfrauen verdienen überall gleich wenig, und jetzt in der Wirtschaftskrise bin ich froh, überhaupt eine Arbeit zu haben", führt Irina resignierend aber zufrieden aus.
Mit der Gewerkschaft hat Irina abgeschlossen. Nachdem sie ihr nicht helfen konnten, ihre Abfertigung bei ISS einzufordern, fragt sie nach dem Sinn dieser Interessensvertretung. Auch wenn ihr die Forderung nach 1.300 Euro Mindestlohn gut gefällt, ist sie von der Gewerkschaft "sehr enttäuscht worden. Ich habe so viel Geld verloren und die Gewerkschaft konnte nichts für mich tun", resümiert sie dieses Kapitel. Kämpferisch fordert sie aber, dass "Frauen viel mehr verdienen müssen", auch wenn der Satz ohnmächtig mit "man kann halt nichts machen" zu Ende geht. (Sandra Ernst-Kaiser, dieStandard.at, 21.7.2010)
*Der Name der Reinigungskraft wurde geändert.