Arbeitswelt

Ein letzter Wisch und weg

Sandra Ernst-Kaiser, 21. Juli 2010, 07:00
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    foto: apa/ralf hirschberger

    Die Reinigungsbranche floriert - die dort Beschäftigten sind mit prekären (Arbeits-)Verhältnissen konfrontiert.

20 Stunden putzen pro Woche für 500 Euro im Monat ist der Alltag von Reinigungskräften in Österreich – Die Reinigungs-Branche ist ausgelagert, feminisiert und ethnisiert

"Ich kenne hier alles, jedes Eck, den Geschäftsführer, die Frauen in der Kantine, alle die hier arbeiten", sagt Irina* über ihr "Objekt". Irina arbeitet seit sechs Jahren bei der Reinigungsfirma ASSA und betreut ein Objekt. Es ist ein Spezifikum der Reinigungs-Branche, dass Reinigungskräfte zu Personen in den zu betreuenden Gebäuden eine stärkere Verbindung als zu ihren ArbeitskollegInnen haben, und gleichzeitig Loyalität zu zwei Firmen aufbauen (müssen).

Anzutreffen war Irina in ihrem Objekt im ASSA-Sozialraum. Auf etwa sechs Quadratmeter, ausgestattet mit einem kleinen Tisch, zwei Stühlen und Regalen mit Reinigungsutensilien, sitzt die Migrantin in ihrer ASSA-Schürze auf einem der zwei Drehstühle und trinkt genüsslich ihren Automatenkaffee.

Nach 19 Jahren "weggeschmissen"

Bei zwei Firmen war Irina bisher als Reinigungskraft beschäftigt. Bei der ersten Firma, ISS, arbeitete sie 19 Jahre lang für 40 Stunden pro Woche. Ihr Entgelt bei ISS betrug 9.000 Schilling netto. Das Ende dieses Arbeitsverhältnisses war "unschön", erzählt Irina. Die Reinigungsfirma ISS - sie zählt mit über 7.000 Angestellten zu den größten Reinigungsfirmen Österreichs - weigerte sich, ihr die Abfertigung auszuzahlen. Durch die Gewerkschaft versuchte sie ihre Ansprüche geltend zu machen, blieb aber ohne Erfolg. Die aus Kroatien stammende Österreicherin fühlte sich nach 19 Jahren Loyalität zu ISS "weggeschmissen". Gekündigt, erklärt Irina, wird man bei solchen Firmen unter anderem, wenn "Objekte verloren gehen", also die Verträge mit den Reinigungsfirmen nicht verlängert werden.

Ausgelagert, feminisiert und ethnisiert

Kaum eine Firma hat noch eigens angestellte Reinigungskräfte. Das sogenannte Outsourcen hat längst auch in dieser florierenden Branche Einzug gehalten. Putzen ist eine ausgelagerte, stark feminisierte und ethnisierte Branche. Bei ASSA etwa arbeiten fast ausschließlich Frauen mit Migrationshintergrund, aus "allen möglichen Ländern", schildert Irina. Männer werden für "Spezialaufträge" herangezogen, bei Fensterreinigungen etwa. In Österreich geborene ÖsterreicherInnen sind, wie sie ausführt, sehr wohl auch bei ASSA tätig, allerdings in den höheren Positionen. Reinigungskräfte, die in Banken oder Versicherungen arbeiten, müssen vor ihrer Einstellung ihre Fingerabdrücke abnehmen lassen. Im Falle einer rechtswidrigen Handlung in den jeweiligen Objekten soll so festgestellt werden, dass ASSA-Mitarbeiterinnen damit nichts zu tun haben.

"Reinigung ist Schwerarbeit"

Irinas Arbeitstag beginnt um sechs Uhr früh und endet um 14 Uhr. Die Arbeitszeit ist relativ knapp bemessen in Anbetracht des Aufgabenbereichs. Dabei muss sie sich an ein strikt vorgegebenes Programm halten, das am Ende der Woche in Form eines Protokolls abgegeben werden muss. Sie arbeitet in einem Objekt mit mehr als 300 MitarbeiterInnen. Arbeitszeiten sind aber von Objekt zu Objekt verschieden. Einige KollegInnen von Irina arbeiten drei Stunden am Morgen und drei Stunden abends. Die Zeit dazwischen ist "Leerzeit die es zu überbrücken gilt". Irinas Tätigkeit umfasst Müll wegbringen, Böden kehren, saugen, waschen, Tische putzen, Computer entstauben, Fensterbänke sauber halten, WC-Reinigung, WC-Papier nachfüllen, mehrere Geschirrspüler ein- und ausräumen und Grundreinigungen, die in bestimmten Intervallen überall gemacht werden müssen. Mühe bereitet ihr vor allem das Wegbringen von Altpapier in den dafür vorgesehenen großen Säcken, die bis zu 20 Kilogramm schwer sind. "Reinigung ist Schwerarbeit", fasst Irina zusammen. Einmal im Monat bekommt sie dafür 500 Euro auf ihrem Konto gutgeschrieben.

Ihre Nachmittage verbringt sie mit privater Versorgungsarbeit. Zuerst die Tochter von der Schule abholen, dann Kochen und in den eigenen vier Wänden aufräumen. Die Hausaufgaben der Tochter kontrollieren und schließlich muss auch ihr Vollzeit beschäftigter Mann versorgt werden. "Ich arbeite den ganzen Tag sehr hart und bekomme dafür 500 Euro, das ist einfach nicht fair". Eine Vollzeitstelle als Reinigungskraft kann Irina jedoch aufgrund der privaten Versorgungsarbeit nicht annehmen. Abgesehen davon sind Vollzeitstellen in der Reinigungsbranche rar.

Resignation und Zufriedenheit

Irina zeigt sich mit ihrer jetzigen Firma zufrieden, relativiert aber stets durch Vergleiche mit ihrem Ex-Arbeitgeber ISS. Dort werden ihrer Aussage nach MitarbeiterInnen "schikaniert und permanent ausgetauscht: Eine kommt, die andere geht, eine kommt, die andere geht", erzählt sie aufgebracht. Bei ASSA fühlt sie sich relativ sicher. Eine andere Firma kommt für sie deshalb derzeit nicht in Frage. "Putzfrauen verdienen überall gleich wenig, und jetzt in der Wirtschaftskrise bin ich froh, überhaupt eine Arbeit zu haben", führt Irina resignierend aber zufrieden aus.

Mit der Gewerkschaft hat Irina abgeschlossen. Nachdem sie ihr nicht helfen konnten, ihre Abfertigung bei ISS einzufordern, fragt sie nach dem Sinn dieser Interessensvertretung. Auch wenn ihr die Forderung nach 1.300 Euro Mindestlohn gut gefällt, ist sie von der Gewerkschaft "sehr enttäuscht worden. Ich habe so viel Geld verloren und die Gewerkschaft konnte nichts für mich tun", resümiert sie dieses Kapitel. Kämpferisch fordert sie aber, dass "Frauen viel mehr verdienen müssen", auch wenn der Satz ohnmächtig mit "man kann halt nichts machen" zu Ende geht. (Sandra Ernst-Kaiser, dieStandard.at, 21.7.2010)

*Der Name der Reinigungskraft wurde geändert.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 33
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chimneytop
00
22.7.2010, 20:56
Frau Irina, Sie wagen es…

aufrecht zu gehen, ohne die Gewerkschaft zu fragen? Der protestierende Sekretär hat die Kernbotschaft offenbar nicht verstanden oder mit dem Ego-Filter beseitigt. Stattdessen demonstriert er herzig offenherzig, wofür sich die Gewerkschaft in erster Linie zu interessieren scheint: für sich selbst. Als beleidigtes Opfer unfähiger JournalistInnen und selbstbewusster ArbeitnehmerInnen muss sie das wohl auch. Kommt ja sonst niemand die Wunden lecken. Man weiß nicht, soll man den Mann bemitleiden oder beglückwünschen? Ersteres, weil er selber Opfer struktureller Ausbeutung sein könnte, die er vielleicht gar nicht bemerkt. Was zugleich der Grund wäre, ihn zu beglückwünschen.

michael haim
 
00
23.7.2010, 12:20
was war die kernbotschaft, helfen sie mir schlaumeier???

1. unfair, nicht unfähig war die aussage
2. ja bitte, mitleid, unbedingt. auf meinetwegen wohlformulierte dummheiten antworten zu müssen, ist schlimm.
3. habe ich, genau wie sie, die kernaussage richtig verstanden. eben das ist ja das problem.
4. danke für den glückwunsch, durch ihre strukturelle analyse meiner und unser aller lebenssituation ist mir erst klar geworden, wie schlechts mir geht und wie mies ich bin!
5. helfen kann ich ihnen leider nicht, präpotenz ist unheilbar:)))))und sendungsbewußtsein eine krankheit von tv-geräten

hotzenplotz1001
00
23.7.2010, 18:09
Gewerkschaften sind wichtig, keine Frage, Kollege Haim.

Aber wie wollen gerade Sie vor potentiellen Mitgliedern glaubwürdig erscheinen? Sie bestätigen gerade die großteils (falschen) Vorurteile mit ihrer krausen Argumentation: ,Die Schreiberin als auch die Interviewte müssen sich geirrt, getäuscht oder was auch immer haben.' Abwehr von Kritik - das können Sie am besten. Glauben Sie mir: Wirkliche Hilfe bewegt sich auf einem anderen Pfad - und der hat sehr wohl (neben arbeitsrechtlicher Kompetenz der Beratung) auch etwas mit Mitgefühl zu tun. Gewerkschafter, die so ticken wie Sie, schaden der Gewerkschaft mehr als Sie für möglich halten, indem Sie mit technisch-juristischen Festlegungen reagieren. Auch das zeugt von sozialer Kälte!

hirtermadl
00
23.7.2010, 08:40
protestierender sekretär

recht hat er! es ist legitim, auf lückenhafte recherchen hinzuweisen.
glückwunsch herr haim!

hotzenplotz1001
00
24.7.2010, 10:22
„Lückenhafte Recherche“? Weil ein ehemaliges Gewerkschafsmitglied mit der Gewerkschaft unzufrieden ist?

Wollen Sie sagen, es gäbe gar keine unzufriedenen Mitglieder? Oder worauf wollen Sie hinaus? - Sie sollten die Bedenken der Bevölkerung ernst nehmen, sonst laufen Ihnen auch die restlichen Gewerkschaftsmitglieder davon! Und damit hätte der Neoliberalismus gewonnen. Das wäre dann ein unverdienter Sieg dank konservativer Gewerkschafter, die nicht mehr in der Lage sind, geistig ihren Arsch zu bewegen. Grüß Gott in der Gegenwart! Wacht auf Genossen! Der ÖGB gehört zeitgerecht reformiert und entparteipolitisiert. Sonst ist's aus mit der Arbeinehmervertretung - und zwar bloß wegen der Indolenz der ÖGB-Alteingesessenen. Selbstverschuldet. Für Parteisoldaten haben die Menschen keinen Bedarf. Das fraktionierte Denken bei Euch gehört weg.

michael haim
 
05
22.7.2010, 08:20
da stimmt was nicht, frau irina und frauernst kaiser

bei der ASSa sich sicher fühlen und mit der gewerkschaft abschließen ? 19 jahre und dann ohne abfertigung ? oder meinen sie 6 statt 9 monate abfertigung bei 19 statt 20 jahren? bei mir (vida sekretär reinigung)waren sie jedenfalls nicht, frau irina, und frau ernst kaiser hat auch gar nicht gefragt was da los war, wies das gibt etc.. das wäre eine anständige recherche gewesen. und fair wäre, das hier richtig zu stellen, dass sich sowohl schreiberin als auch interviewte geirrt, getäuscht oder was auch immer haben. bis dahin bleibe ich von diestandard enttäuscht.

David Axelrod
00
21.7.2010, 23:48

So sieht ein LeistungsträgerIn aus und nicht irgendein Versicherungsmakler oder Banker, die für mich nur unnötige Mittelsmänner sind.

wirdeinlichtleinseinamendedestunnels
00
21.7.2010, 23:23
"Männer werden für "Spezialaufträge"..."

Z.b Im dritten haben nur putzmänner ein grosses, altes privatwohnhaus saubergemacht, ohne jeden spezialauftrag.

Chris Quast
43
21.7.2010, 19:14

500 netto ?, für 20 stunden nicht die schwerste, und eher unqualifizierte arbeit finde ich jetzt so auf die schnelle nicht sooo wenig.

Mycroft Holmes
02
21.7.2010, 22:15
6,25 Euro die Stunde finden Sie "nicht so wenig"?

Toeris
00
22.7.2010, 09:32

Dafür gehen viele Menschen arbeiten, die eine Berufsausbildung haben.
Ein kleiner Fleischhauer kann einer Verkäuferin im Laden gar nicht mehr zahlen, weil er sonst gleich zu sperren kann.

Hafner
23
21.7.2010, 16:35
vor allem die Ethnisierung ist eine Schweinerei ...

... man sollte mehr autochtone Österreicherinnen zwingen, in diesem Bereich zu arbeiten, damit die Quote wieder stimmt.

siliconvalley
01
22.7.2010, 02:39

hast Dich schon beworben?

Der, der es besser weiß
11
21.7.2010, 21:36

Na dann fang einmal mit dir selbst an.

Pygar
 
10
21.7.2010, 19:44

Solche Leute wie dich sollte man zwingen nachzudenken, bevor Blödsinn geschrieben wird.

Nope
11
21.7.2010, 17:07
"mehr autochtone Österreicherinnen zwingen"

Wie stellen Sie sich das denn so ungefähr vor? Die braven Hausfrauen daheim von der Polizei abholen lassen und zum Putzen zwangsverpflichten? Gehts noch?
Aber solange es keine Männerquote bei den autochtonen Putzfrauen gibt, wär Ihnen das eh recht, gell?

Beamen bei Magnetstürmen
03
21.7.2010, 12:59

Wie ist es möglich dass eine Beschäftigte nach 19 jahren bei einer kündigung keine abvertigung bekommen hat. Sie wird ja nicht einvernähmlich das dienstverhältnis aufgelöst haben.

Schopfinger
01
21.7.2010, 22:54
doch, genau das ist bei Hilfsarbeiter(innen) gängige Praxis

Leider lassen sich diese Leute leicht einscheuchtern und über den Tisch ziehen, und die tollen Manager sind dann auch noch stolz auf diese Schweinereien ... habe leider als "gewerbliche" Führungskraft schon so viel Scheisse erlebt, dass es für ein Buch reichen würde :-(

Topaxi
04
21.7.2010, 19:08

Genau diese Frage stellte ich mir beim Lesen des Artikels auch. Leider geht nicht hervor, ob die Dienstnehmerin gekündigt hat oder der Dienstgeber.

Wenn sie selbst gekündigt hat, dann ist der Gewerkschaft bezüglich der Abfertigung kein Vorwurf zu machen, außer jenem der sinnfreien Intervention.

Wenn ihr allerdings gekündigt wurde oder das Dienstverhältnis im Einvernehmen gelöst wurde, und sie trotz Konsultierung der Gewerkschaft die Abfertigung nicht erhielt, dann stellen sich sehr wohl gewisse Fragen bezüglich der Kompetenz der Arbeitnehmervertretung.

sapere aude
00
21.7.2010, 20:24
Hätte auch mehr infos

Wenn gewisse rechtliche Voraussetzunge fehlen, kann weder die Gewerkschaft noch der beste Anwalt etwas machen.

facialtime
00
21.7.2010, 14:00

du bekommst die abfertigung nur nciht wenn du, selber kündigst oder fristlos entlassen wurdest, oder unberechtigt vozeitig ausgetreten bist, sprich kündigung dienstgeber oder einvernehmliche lösung schädigen die abfertigung nicht

stefan81
00
21.7.2010, 13:45

"einvernähmlich"? :)

obibiber
02
21.7.2010, 10:41

alle andren können nicht arbeiten, wenn sie im dreck ersticken => reinigungskräfte entlasten jene, die nicht auch noch putzen müssen (eine gesellschaftlich tätigkeit mit niedrigem stellenwert) => manager_innengehälter für putzpersonal oder die manager_innen investieren 20% ihrer arbeitszeit in putzarbeit (sollte im vertrag festgeschrieben werden ohne eine möglichkeit, diese arbeiten auf andre personen weiterzuverschieben).
diese aufwertungsstrategien sollten freilich nicht beim putzpersonal stehen bleiben, sondern sich auf niedriglöhne und prekäre arbeitsverhältnsse im allgemeinen erstrecken.

Beamen bei Magnetstürmen
00
21.7.2010, 12:57

Ja eh, wenn die aneren - höherqualifizierte - dann auch bereicht sind um diesen Betrag weniger zu verdienen funktionierts.

obibiber
01
21.7.2010, 16:42

naja, in dieser konkurrenz-besitzanreicherungslogik, wie sie im moment vorherrscht (ich nenn sie jetzt mal verkürzt kapitalismus) geben die leute nix her, das heißt, dass eine umverteilung nicht ganz freiwillig passieren kann. die frage ist aber, was wer unter gerechtigkeit verstehen will. ich verstehe unter massiver ungerechtigkeit, dass eine person im vergleich zu einer andren ums zb 1000 fache mehr einnimmt + besitzt. das steht in keinem verhältnis mehr, das ich auch nur mehr irgendwie als gerechtes definieren würde...

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