Teenie-Serie trifft Musical trifft den Emo-Nerv: Die US-Show "Glee" zeigt eine musikalische Tour de Force für Highschool-AußenseiterInnen
Der Superstar der Highschool und seine Superbraut, die Anführerin der Cheerleader-Truppe. Der schwule Modefreak. Die selbstbewusste Black Diva. Der schüchterne Rolli-Fahrer. Die jüdische Miss-Know-It-All. Der feministische Kampfkoloss. All diese Stereotypen gibt es in der US-Fernsehserie "Glee", die 2009 mit einem großen Knall beim Fernsehpublikum in den Staaten eingeschlagen hat. Sie führt die Idee Joss Whedons von "Buffys" "Once more, with Feeling"-Episode bzw. "Dr. Horrible's Sing-Along-Blog" in eine ganze Serie über: Storytelling über Musik, Songs, Performance. Ein serielles Musical mit Hitpotenzial, voll ausgeschöpft.
"Glee", das ist der Musical-Club an einer US-amerikanischen Highschool, deren Mitglieder am untersten Rand der Reputations-Hierarchie rangieren, noch nach den Dungeons & Dragon-Nerds. Denn "Glee" ist "schwul" und nur was für "Tunten" bzw. Geek-Mädchen.
Die treibende Kraft hinter dem Club ist der Lehrer Will, der in seiner Schulzeit ein Glee-Star war. Seinen Traum von der Musik-Karriere hat er aus Vernunftgründen an den Nagel gehängt - aber eigentlich hatte er nur nicht genug "guts". Durch sein Engagement für den Glee-Club will er Versäumtes aufleben lassen - bis er selbst auch eine Gruppe, die "Acafellas", auf die Beine stellt. Verheiratet mit einer materialistischen Frau, die ihm zu allem Überdruss vormacht, schwanger zu sein, findet er in der zwangsgestörten Schulpsychologin eine Seelenpartnerin.
Kurt, der seine Homosexualität lange verheimlicht hat, verzichtet seinem alleinerziehenden Vater, der als Automechaniker mitten in der "normalen", homophoben Gesellschaft lebt, zuliebe auf eine große Rolle in der Glee-Show, die traditionell von einer Frau gesungen wird. Und wird neben seinem Glee-Engagement überraschend der Kicker des Football-Teams.
Rachel, die zwei Väter hat, ist überambitioniert und packt eine/n mit ihrer phantastischen Stimme, wo's mitunter weh tun kann: Ihr Drang, ein Star zu werden, stößt ihre KollegInnen aber immer wieder vor den Kopf und sie selbst auf ihre Grenzen hin. Als sie erkennt, dass sie sich nicht besser fühlt, wenn sich alles nur um sie dreht, sondern mit den anderen zusammen arbeitet, verhilft ihr das noch zu besseren Performances.
Sue Sylvester, die schroffe, egomane Feministin, die die "Cheerios", die siegverwöhnten Cheerleaders der Highschool leitet, versucht alles, um den Glee-Club vom Erfolgskurs abzubringen. Als sie in ihre Mädchentruppe eine Kleine mit Down-Syndrom aufnimmt - nachdem sie sich alle Minderheiten des Glee-Clubs unter den Nagel gerissen hat, weil das schulpolitisch gut kommt - wird ihr das als weiterer Schachzug ausgelegt. Was die ZuschauerInnen im Gegensatz zu den ProtagonistInnen aber wissen, ist, dass ihre große Schwester ebenfalls Down Syndrom hat - Sues Affinität ist echt.
Quinn ist die schöne Cheerleaderin an der Spitze der Nahrungskette - bis es die Runde macht, dass sie schwanger ist. Von Finn, dem Quarterback, der zwar keinen Sex mit ihr hat, aber dafür auch keine Ahnung, dass das Wunder der Fortpflanzung bei einer Ejaculatio praecox im Whirlpool ohne Weichteilkontakt seine Grenzen hat. Der Erzeuger ist sein bester Freund, der auf seine weitreichenden sexuellen Abenteuer nicht verzichten will und für Quinn deswegen als Partner nicht in Frage kommt. Als Vater ihres Kindes kommen beide nicht in Frage - und hier kommt Wills Frau Terri mit unechtem Babybauch wieder ins Spiel.
All diese HauptprotagonistInnen sind die Anderen, die AußenseiterInnen. Das
Großartige an der Show - die übrigens von einem Herrn namens "Anders"
produziert wird - ist: Die Rollen scheinen festgelegt, aber der
Rollentausch, die Verhandlung, wer wem gegenüber wie zu sein und was zu
machen hat, geschieht immer wieder neu - und macht auch klar, dass das
Umfeld bereit sein muss, einen Menschen in einer neuen Rolle zu
akzeptieren. Sonst sind das nur kurze Ausbrüche ohne Nachhaltigkeit.
Die Plotverstrickungen in bester Teenie-Serien-Manier machen schon für sich Laune auf mehr von "Glee"; die Showeinlagen mit Gesang und Tanz geben dem Paket erst den herzerwärmenden Schliff. Die Musik als Ventil zur Weltflucht, zum Sprengen der oktroyierten Rollen, zum Fallen lassen, als sinnstiftendes und zusammenbringendes Medium, ist Stilmittel der Erzählung, die den Charakteren und ihren Geschichten die emotionale Dimension anpinnt; oft wird auch mit dem Kitsch-Hammer nachgeholfen, was der trockene Humor einer Sue Sylvester dann wieder rausreißt.
Und nein, keine Sorge: Man muss kein Musical-Fan sein, um diese essenziellen Szenen gut zu finden. "Glee" bringt einer/m so selbstverständlich die Freude daran bei, dass man selbst bei ausgetrampelten Balladen nicht die Augen verdreht, sondern mitsingt. Wenn die bulligen Footballspieler einen auf "Single Ladies" machen und beim Feld-Karaoke verlangen: "Put a Ring on it", dann macht das Spaß. Wenn Kayne Wests "Gold Digger" ausgegraben wird oder der Journey-Klassiker "Midnight Train" in die kleine Welt der Highschool gebrüllt: Das geht alles. Das geht alles gut. (bto/dieStandard.at, 28.7.2010)