Lernt gefälligst sprechen!

Birgit Tombor, 15. August 2010 17:00
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    Foto: Markus Hammer

    Eltern gehörloser Kinder, die auf Eigeninitiative hin Gebärdensprache lernen, sind in der Minderheit, weiß Stefanie Euler, Job Coach für gehörlose Personen in Wien. Warum das? "Weil sie auffällig ist. Also lieber versuchen, dass sich das Kind anpasst und spricht. Außerdem wird ihnen gesagt: Wenn sie gebärden lernen, dann wird das Kind faul, dann möchte es nicht mehr sprechen. Man macht den Eltern zusätzlich Angst."

Stefanie Euler ist Job Coach für gehörlose Personen und erklärt, warum sie diese Maxime im Gehörlosen-Bildungssystem für falsch hält und welche Hürden vielen eine adäquate Ausbildung so schwer machen

Wenn im Allgemeinen Krankenhaus in Wien bei einem Kleinkind die Diagnose Gehörlosigkeit gestellt wird, drücken MedizinerInnen den Eltern meist prompt den Folder über das Cochleaimplantat (CI) in die Hand. Das ist der eingebaute Hörappart, durch den der Hörnerv verstärkt wird samt Elektrodenband, das die Impulse via Sender ans Gehirn schickt - und das so wieder "hören" kann.

Taub? Tabu!

Stefanie Euler, Gebärdensprachendolmetscherin und Job Coach für gehörlose Personen, bestätigt, dass das Implantat die Geräuschwahrnehmung wieder möglich macht - und nach jahrelangem Training auch wieder das Sprechen. Von Gehörlosen selbst wird das künstliche Ohr bzw. die Idee, die dahinter steht, mitunter kritisch gesehen, auch deswegen, weil man kein Wort über die Möglichkeit der Gebärdensprache verliert. "Taub sein wird als Behinderung definiert, die repariert werden muss, man muss wieder hören und lautsprechen können", sagt Euler. Weil sich durch diese Sichtweise alles auf den mühsamen Spracherwerb für das gehörlose Kind konzentriert, fehle oftmals ein Familienleben, wie Hörende es kennen: Dass man sich über alles Mögliche austauscht und den Kindern erklärt: "So funktioniert die Welt".

"Wir kriegen direkt mit, wieviel den Jugendlichen oft fehlt", schildert Euler ihren Arbeitsalltag, in dem sie und ihre Kolleginnen als Arbeitsassistentinnen und begleitende Stütze im Job auch viel Pädagogik hineinbringen müssen: "Bei Jugendlichen ist es noch möglich, ein bisschen zu erziehen, aber bei Erwachsenen wird's dann oft schwierig. Weil sie sich Verhalten angelernt haben, mit dem sie Jahre lang durchgekommen sind, und plötzlich anstehen und Probleme kriegen. Zu sagen: 'Versuch es doch mit dem Verhalten oder der Strategie', funktioniert nicht so einfach."

Betreuung hin zur Selbstständigkeit

Euler ist seit Beginn des WITAF*-Projekts Job Coaching 2003 als psychologisch und pädagogisch geschulte Helferin für gehörlose und schwerhörige Personen am Arbeitsmarkt im Einsatz. Die Einrichtung betreut jene, die es alleine nicht schaffen, einen Arbeitsplatz zu bekommen: "Wir bieten das Service an, dass wir in die Firmen kommen und den gehörlosen Neuling in ihrem/seinem Arbeitsalltag eine Zeit lang und regelmäßig begleiten, bei der Einschulung unterstützen oder auch bei  Krisen Lösungsversuche anbieten. Wir erklären den Firmen, worauf sie achten müssen und wie sie sich an die Bedürfnisse des Gehörlosen anpassen sollten. Wir schauen darauf, dass tatsächlich alle Informationen beim Gehörlosen ankommen und stehen natürlich auch den Firmen als Anlaufstelle bei etwaigen Fragen zur Verfügung."

Euler betont, dass sie viele Gehörlose kenne, die eine solche Unterstützung nicht gebraucht haben und nie brauchen werden, weil sie sich sehr gut zurecht finden in der hörenden Welt. "Es gibt aber auch viele, bei denen es an der Sprache hapert, oder am Verständnis. Diejenigen brauchen Hilfe, vom Bewerbungsschreiben angefangen bis hin zum Einarbeiten."

Als Job Coach betreut sie über ein halbes Jahr hinweg jeweils zwischen zehn und 14 Personen; Erwachsene, die eine Ausbildung haben, und Hilfe brauchen, eine Stelle zu finden, ebenso wie Jugendliche, die eine Lehrstelle suchen, von SchülerInnen bis zu fast Pensionierten reicht ihre Kundschaft. "Oft ist es auch so, dass wir eine gehörlose Person nur einmal sehen, weil eine rechtliche Frage aufgetaucht ist - und keine Langzeithilfe von Nöten ist."

Doktrin Sprechen lernen

In der österreichischen Gebärdensprache ist Euler ebenfalls firm, 2009 hat sie die kommissionelle Prüfung des österreichischen GebärdensprachdolmetscherInnen-Verbands ÖGSDV abgelegt. Es scheint auf der Hand zu liegen, dass eine mit Gehörlosen arbeitende Person auch deren nicht auf Lauten basierende Sprache sprechen kann. Doch das tut es nicht. Es ist nicht einmal selbstverständlich für die Betroffenen selbst, die Gebärdensprache zu erlernen: "Die Lehrpläne, nach welchen sich die Gehörlosenschulen in Österreich richten, sind sehr alt. Beim Mailänder Kongress 1880 wurde beschlossen, dass Gehörlose lautsprachlich unterrichtet werden müssen. Das oberste Ziel ist: Sie müssen sprechen lernen. Weil gesagt wird, dass man ohne Lautsprechen isoliert wird und man nicht an die hörende Welt anschließen kann."

In Wien gibt aber auch einige Integrationsprojekte an Bildungseinrichtungen, wie zum Beispiel dem Kindergarten in der Gussenbauergasse, in dem man mit dem bilingualen Konzept arbeitet. "Aber die Merheit geht in Gehörlosenschulen, wo sie sprechen lernen", erklärt Euler.

Gebärdensprache verdrängt

Je nachdem, wie begabt das Kind ist - sie lernen, wie sich das anfühlt, die einzelnen Buchstaben zu sprechen, ebenso wie das Lippenlesen - und wieviel Zeit darin investiert wird, zu trainieren, so gut kann es dann letztlich auch sprechen und verstehen. "Ich finde es schade, dass in Österreich auf die Gebärdensprache so oft vergessen wird. Es wird oft gesagt, Gebärdensprache sei etwas für die ganz schwachen Kinder, die es nicht schaffen, zu sprechen. Dabei wäre es eine so gute Ergänzung, das Kind bilingual aufzuziehen. Viel mehr, als es jetzt passiert. Es ist wichtig, eine Sprache zu haben, die man wirklich perfekt beherrscht."

Auch wenn es mittlerweile einiges an Protest gegen die lautsprachliche Ausrichtung an den Gehörlosenschulen gibt, hat sich nur wenig dort geändert. Manche LehrerInnen können bereits Gebärdensprache, aber oft nicht komplett und kompetent. Immer wieder gibt es Schulprojekte, in deren Rahmen bilingual unterrichtet wird, "aber das sind eben nur Projekte mit beschränkter Laufzeit, die, wenn's keine Fördergelder mehr gibt, nicht weiter geführt werden", bedauert Euler.

Angstmache

So muss sie immer wieder feststellen, dass bei ihrer Kundschaft oft keine der Sprachen wirklich ausgebildet ist. Wenn gehörlose Kinder in hörende Familien - egal welcher Gesellschaftsschicht, betont der Job Coach - hineingeboren werden, herrscht auch in den Familien sehr wenig Kommunikation. "Es wird sehr wohl noch als Schicksalsschlag aufgefasst, ein gehörloses Kind zu haben. Es ist Angst da, man möchte nicht, dass das eigene Kind anders als die anderen ist. Ich kenne nur wenige Eltern, die auf Eigeninitiative hin Gebärdensprache lernen. Weil sie auffällig ist. Also lieber versuchen, dass sich das Kind anpasst und spricht. Außerdem wird ihnen gesagt: Wenn sie gebärden lernen, dann wird das Kind faul, dann möchte es nicht mehr sprechen. Man macht den Eltern zusätzlich Angst."

Basis fehlt

Ihrer Meinung nach ist das der falsche Weg, "weil das Kind dadurch sehr viele Informationen nicht mitbekommt. In anderen Ländern wie Schweden kriegen Eltern und Geschwister eines gehörlosen Kindes gratis Gebärdenkurse angeboten. Damit eine Basis da ist, sich auszutauschen." Es gehe sonst viel verloren, veranschaulicht Euler anhand eines Erlebnisses aus ihrer Beratungsarbeit: "Mutter und gehörloser Sohn kommen zu uns und wir gebärden mit dem Jungen. Und da die Mutter nicht mitgebärden kann, nutzt sie die Chance, dass wir übersetzen, was sie ihrem Sohn sagen will: 'Bitte sagen Sie meinem Sohn, dass ich ihn sehr, sehr lieb hab'."

Bildungssituation "heikles Thema"

Gehörlose könnten zwar einen Teil der Sprache von den Lippen ablesen, "es ist aber nicht so, dass es die Sprache voll ersetzt", führt Euler aus: "Ein Viertel bis ein Drittel der Laute können abgelesen werden, der Rest muss sich gedacht werden. Das ist sehr viel Kombinationsarbeit. Und Raterei. Aber vor allem ist es eines: Sehr anstrengend. Bei Vorträgen oder längeren Gesprächen ist Lippenlesen kein Wundermittel, weil die Konzentration einfach nachlässt. Und dann die Hälfte nicht verstanden wird."

Die Gebärdensprache hingegen stellt die Sprache dar, die ohne Hindernisse verwendet werden kann: "Da versteht die gehörlose Person wirklich alles. Vorausgesetzt, sie hat die Gebärdensprache gut gelernt." Das versucht Euler als Job Coach auch den Firmen zu erklären: "Auch wenn die Gehörlosen auf Nachfrage nicken, dass sie alles verstanden haben, ist es gut möglich, dass dem nicht so ist." Auch auf schriftlichem Kommunikationsweg ist das nicht immer gegeben: "Die Bildungssituation von Gehörlosen ist ein heikles Thema", sagt die Expertin. "Es ist schwierig für sie, eine adäquate Ausbildung zu bekommen, weil sich in den Gehörlosenschulen in ganz Österreich auf das Sprachtraining konzentriert wird und dadurch die Wissensvermittlung in den Hintergrund rückt. Schriftsprache wird oft nur mangelhaft beherrscht."

Das Resultat: Euler betreut sehr viele Personen, die nicht schriftsprachkompetent sind. "Es ist sehr, sehr selten, dass ein/e Gehörlose/r die Lautsprache perfekt spricht und versteht. Wenn ein/e Jugendliche/r dann in die Berufsschule kommt, nur die Hälfte versteht und auch nicht lesen kann, kann er/sie es nie schaffen. Wir organisieren auch DolmetscherInnen für die Klassen - aber wenn die Gebärdensprache auch nicht gut erlernt wurde, dann hat man nicht einmal das als sprachliches Mittel, über das man Wissen und Entwicklung vorantreiben kann. Es ist schade, wenn beide Sprachen so verkümmert sind und es wird für die Betroffenen irrsinnig schwer, eine passende Ausbildung zu bekommen und ihre Zukunft gestalten zu können."

"Veraltetes Konzept"

Rund 70 Menschen haben Euler und ihre Kollegin bislang zur Selbstständigkeit und zu Berufsperspektiven verholfen: Bei so vielen läuft es mittlerweile gut am Arbeitsplatz. Hauptsächlich kommen die Schützlinge in Handwerksberufen unter: "Es gibt integrative Lehrstellen in der Schneiderei, Tischlerei oder beim Schlosser. Wir haben aber auch viele HilfsarbeiterInnen bei uns, die im Reinigungs- oder Küchenbereich Stellen finden. Bei Personen mit Ausbildung schauen wir drauf, dass sie auch in ihren Bereichen arbeiten können."

Aus der Halbjahresstatistik des Job Coachings geht hervor, dass gleich viele Männer und Frauen in Betreuung waren, aber auch, dass die Mehrheit der Ausbildungslosen und Billigst-LöhnerInnen Frauen sind. Außerdem werden viele Frauen an Schneidereien vermittelt, ein Bereich, der sich im "Aussterben" befindet, stellt Euler fest, weil eine Auslagerung der Textilberufe ins billigere Ausland passiert. Aber die Gehörlosenschulen nehmen diese Stellen kontinuierlich ins Visier: "Ein veraltetes Konzept", meint Euler. "Ich würde mir wünschen, dass neue Zweige geöffnet werden und Gehörlose andere Berufsbilder kennen lernen." Im IT-Bereich zum Beispiel, aber das sei mühsam und oft nicht von Erfolg gekrönt, weiß der Gehörlosen-Coach.

Alltägliche Diskriminierung

Denn die Ressentiments gegenüber Menschen, die nicht hören, sind stark: "Es beginnt schon bei den Vorstellungsgesprächen, dass Arbeitgeber meinen, sie könnten keine/n Gehörlose/n einsetzen, weil man telefonieren muss. Obwohl es mittlerweile Bereiche gibt, wo man gut via E-Mail kommunizieren kann. Nur sind viele Firmen nicht bereit, es zu versuchen, weil sie meinen, das könnten sie den Kunden nicht zumuten." Auf Baustellen hieße es meist, es sei viel zu gefährlich für jemanden, der nicht hört. "Die Gefahr wird leicht überbewertet dargestellt, meiner Meinung nach. Eigentlich sollte eine Baustelle für jeden sicher sein."

Auch der Arbeitsdruck samt einer erforderlichen Schnelligkeit bei Tätigkeiten wird ins Feld geführt und von vornherein gesagt, "da kommt die/der Gehörlose nicht mit, wie soll man mit der/dem kommunizieren, die/der kann das doch nicht." Die Vorbehalte tauchen überall dort auf, wo aufs Hören viel wert gelegt wird, zum Beispiel im Traumberuf vieler Burschen, auch gehörloser: Automechaniker. Verschiedene Motorschäden könnten nur hörend erkannt werden, heißt es. "Da haben wir auch ein paar Gegenargumente: Wir stellen klar, dass Gehörlose sehr gut fühlen und Schwingungen spüren können, wenn sie die Hand statt dem Ohr einsetzen, und so erkennen können, woran es hapert. Sie erfahren eben sehr viel durch ihre anderen funktionierenden Sinne." Oft sei dies aber vergebliche Müh': "Die Chefs davon zu überzeugen, ja überhaupt einmal soweit zu bekommen, in die Richtung zu überlegen, dass man es einer/m Gehörlose/n doch eine Chance geben könnte, ist sehr schwer."

Rückzug

Gesetzlichen Diskriminierungsschutz hätte man, sagt Euler, "nur kommt es oft gar nicht so weit, dass der greifen würde, weil man die gehörlosen Personen gar nicht in die Betriebe hineinbringt." Mittlerweile darf man zwar in AMS-Inseraten nicht mehr anführen, dass man keine Gehörlose haben will - was früher durchaus gangbar war. "Aber wenn man bei den ausgeschrieben Stellen anruft und jemanden vermitteln will, der nicht hört, heißt es dann eben übers Telefon: 'Na, Gehörlose, ah na, is nix.' Das wird sofort abgeblockt."

Diese Erfahrungen der Zurückweisung und des Ausschlusses führen dazu, dass viele Menschen nicht zugeben, dass sie schlecht hören, und Gehörlose sich aus dem öffentlichen Leben zurückziehen - müssen. "In Österreich leben an die 10.000 Gehörlose, dann kommen noch viele Schwerhörige dazu, und die Dunkelziffer wird hoch geschätzt. Es gibt viele Gehörlose, die versteckt leben und nicht registriert werden."

Kampf um Bildung

Diejenigen, die sich nicht unterkriegen lassen und sich bis zum Studium vorarbeiten, müssen viele Hürden nehmen. Sie bekommen vom Bundessozialamt ein geringfügiges Budget, mit dem sie GebärdensprachdolmetscherInnen anfordern können, "nur reicht das gerade Mal für ein, zwei Vorlesungen im Semester - und das ist einfach viel zu wenig." Es sei nicht mehr Geld da, heißt es von den Zuständigen. Punkt. "Da kommen dann auch die DolmetscherInnen unter Druck, weil von ihnen verlangt wird, billiger zu werden." Nur wovon dann leben? "Man kann diese qualitative Arbeit nicht zu einem Spottpreis anbieten." Es wird viel gekämpft, von Seiten der Studierenden und der DolmetscherInnen, um die Situation zu verbessern. "Es ist so mühsam. Du müsst für jeden Antrag kämpfen, um jeden Euro. Es werden viele Steine in den Weg gelegt, und gerade in der Bildung ist das fatal: Es gibt so viele Leute, die schlechte Bildungschancen haben, aber so viel Potenzial. Wenn das brach liegt, verkümmert das mit der Zeit."

Gehörlosen mehr Gehör schenken

Euler sieht es als ihre Aufgabe, das nicht soweit kommen zu lassen und will zwei Welten zueinander führen: Die der Gehörlosen und der Hörenden. Was bei ersterer ein besonderer Punkt ist: "Ich seh' sie mittlerweile nicht als Behindertengruppe sondern als eigene Minderheitengruppe mit eigener Kultur, mit eigener Sprache, der man die benötigte Anerkennung und Respekt entgegenbringen muss. Sie sollte selbstverständlicher vorkommen und behandelt werden, insbesondere im Bildungswesen wäre mir das wichtig. Dieser Gruppe sollte mehr Gehör geschenkt werden. Weil sie so leicht verschwindet."

Kleine Schritte mit großer Wirkung

Es hänge so viel von der hörenden Welt ab, ist Euler überzeugt, von deren Rücksichtnahme und Bereitschaft, etwas "anderes" zuzulassen und ihre Möglichkeiten zu weiten. Oft kann das schon über kleine Dinge passieren, wie dem Einsatz von Untertiteln im Fernsehen oder der Präsenz von DolmetscherInnen, wie nun auch in der ORF-"Zeit im Bild" um 19.30 Uhr. "Wichtig wäre, mehr Aktuelles zu dolmetschen und für die breite Masse zugänglich zu machen." Apropos öffentlich-rechtliches Staatsfernsehen: Was von Seiten des Gehörlosenbunds ÖGLB erreicht wurde, ist die Abschaffung der vollen GIS-Gebühr für Gehörlose. 

Um das Leben von Betroffenen angenehmer und barrierefreier zu gestalten, gibt es Maßnahmen wie bei den Wiener Linien, die Haltestellen-Digitalanzeigen eingeführt haben. "Da sitzt eine engagierte Dame im Beirat", weiß Euler. Es gibt vereinzelt auch schon Displays in den U-Bahn-Garnituren, aber das ist alles eine Frage des Geldes. Auch bei Homepages, die mit Gebärdensprach-Videos versehen werden. "Das Internet ist für Gehörlose eine tolle Erfindung. Sie chatten irrsinnig viel, es gibt auch eigene Gehörlosenchatrooms, wo 'gehörlosisch' geschrieben wird. Die Grammatik ist eine andere als bei der deutschen Sprache, es ist eine eigene Schriftsprache."

So wird es Schritt für Schritt besser, ist Euler optimistisch, auch wenn manche Veränderungen von der hörenden Welt nicht immer begrüßend aufgenommen werden: "Weil diese 'Maxln' stören, die neben der Nachrichtensprecherin 'herumfuchteln'", erzählt sie von so mancher Beschwerde. Sie selbst ist als selbstständige Dolmetscherin im Einsatz, dort, wo man erkennt, dass sie gebraucht wird, und sie organisiert Gebärdensprachkurse für Firmen, zumindest, um die Basics der Kommunikation und Zwischenmenschlichkeit zu vermitteln.

Misstrauen

Diese Bereiche sind oft von Missverständnissen geprägt, auch von Seiten der Gehörlosen, meint Euler: "Ich stelle oft ein gewisses Misstrauen gegenüber der hörenden Welt fest. Das ist ein sehr häufiges Problem in Firmen. Die Gehörlosen machen sich viele Gedanken, was geredet werden könnte, was womit zusammenhängen könnte, weil sie auf sich zurückgeworfen werden. Die größte Gefahr ist eben, wenn man Gehörlosen zu wenig Informationen gibt, was so in den Firmen abläuft und sie sich dann selber Sachen zusammenreimen, die nicht stimmen." Dieses Misstrauen müsse sie als Coach abbauen, und dafür sorgen, dass die Gehörlosen die Infos auch kriegen, die sie brauchen - was letztlich beiden Seiten zu Gute kommt.

Feminisiertes Berufsfeld

Was allerdings einseitig ist: Das Geschlechterverhältnis unter den BetreuerInnen. "Es vermischen sich zwei typisch weibliche Berufsbereiche, Sprachen und Soziales. Wir haben es ziemlich schwer, Männer in unser Team zu bringen", resümiert Euler über die Frauenquote im WITAF von 100 Prozent, "obwohl es sehr wichtig wäre, weil wir sowohl Frauen wie Männer betreuen, und manche einen männlichen Betreuer wollen und brauchen." Immer wieder hätten auch Männer mitgearbeitet, "nur haben die sich früher oder später als Dolmetscher selbstständig gemacht oder andere Jobangebote angenommen. Seit mindestens fünf Jahren sind wir nur Frauen." Es sieht laut Euler auch nicht so aus, als ob sich das ändern würde, von den Bewerbungen her: "Es gibt zwar Männer, die sich vorstellen, aber entweder können sie die Gebärdensprache nicht oder machen von sich aus einen Rückzieher, wenn man ihnen sagt, wie viel sie verdienen würden. Fast keiner kann das Gehalt akzeptieren. Und so bleiben die Frauen über." (bto/dieStandard.at, 16.8.2010)


Links

*WITAF - Wissen, Information, Tradition, Aktuelles, Forderungen von Gehörlosen für Gehörlose

Österreichischer Gehörlosenbund

equalizent - Qualifikationszentrum für Gehörlosigkeit, Gebärdensprache, Schwerhörigkeit und Diversity Management

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 67
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nietsche
19.08.2010 09:41
Cochlea Implantat nicht für jede Person geeignet

Wenn man sich etwas ausführlicher mit dem Thema "Cochlear Implantat" beschäftigt, dann kommt man auch drauf, dass es nicht für jede hörgeschädigte Person geeignet ist. Es müssen einige anatomische Voraussetzungen gegeben sein.

Rainer M.
19.08.2010 06:17
Wie kann man sich anmaßen jemand offensichtlich behinderten etwas vorzuenthalten...

.. wie weit ist sie politische Korrektheit entartet, dass sie Menschen ein normales Leben vorenthält. Gerade als Kind und vor allem Kleinkind, verbinden sich noch die Synapsen und das Kind lernt zu hören und zu sehen. Wenn ich doch die technischen Mittel habe taube hörend zu machen und blinde sehend, dann hat das nichts mit Nichtakzeptanz zu tun sondern Nächstenliebe. Gehörlose mussten zwangsläufig eine "Subkultur" bilden, da sie sonst nicht überlebt hätten, man konnte ihnen einfach nicht helfen. Mittlerweile ist deren Sichtweise antiquiert und fundamentalistisch. Der Spaß mit Toleranz endet wenn taube Eltern einem Kind das hätte hören können Hilfe verweigern damit es eines von ihnen wird. Ungesunde überschwängliche Toleranz ist....

nietsche
19.08.2010 08:22
Synapsenbildung auch durch Gebärdensprache möglich

Wenn ein gehörloses Kleinkind ohne Gehör und mit Gebärdensprache aufwächst, können sich ebenfalls die Synapsen verbinden. Da dann die Informationen in Gebärdensprache dem Kind weitergegeben werden. Voraussetzung ist natürlich, dass die Umgebung auch die Gebärdensprache beherrscht und anwendet.

Rainer M.
19.08.2010 06:27

.. der Sargnagel unserer Gesellschaft, ein Mensch der nicht hören kann ist ein halber Mensch, ebenso einer der nicht hören kann. Dadurch ist er nicht weniger wert, sondern hilfsbedürftig, und wie soll man etwas vermissen, das man nicht kennt, ein blinder vermisst nicht die Schönheit eines Sonnenaufgangs, oder das komplexe Farbenspiel der aufgehenden Sonne in der Wüste. Ein tauber nicht die Schönheit klassischer Musik oder einer rockigen Ballade. Man kann diesen Menschen mittlerweile dank fortschreitender Technik diese Momente schenken, aus politischen Intrigen und Machtspielchen neu auf die Welt gekommenen Menschen dieses Recht abzusprechen damit sie in eine aussterbende Subkultur integriert werden ist der falsche Weg.. Ethisch unvertretbar

NewAtair
19.08.2010 11:16
Ich fühle mich von Ihnen echt angegriffen,

wenn Sie schreiben, dass ein Mensch der nicht oder nur schwer hört ein halber Mensch ist. Und dazu noch hilfsbedürftig!

Vielen Dank für ihre Einstellung, denn genau diese Sichtweisen machen den Gehörlosen und den Schwerhörigen die größten Probleme!

Und wer definiert die Ethik? Was für sie Unethisch ist, ist für andere nicht Unethisch und umgekehrt.

Rainer M.
19.08.2010 11:33

ich verstehe nicht wie das jemand angreifen kann, Intoleranz einem Leiden gegenüber haben anstelle gegenüber dem Menschen der das Leiden hat ist nichts verwerfliches. Kinder sollten NIEMALS ein Sinn verweigert werden nur weil es die Eltern wünschen, damit sie genauso eingeschränkt sind das ist Verstümmelung des Kindes.
´
Ich weiss nicht inweit Sie selbst betroffen sind, aber überlegen sie sich ein Leben ohne Geschmackssinn oder visueller Wahrnehmung oder Gehörssinn. Es gibt viele Menschen die eher den Freitod wählen nach Verlust eines dieser Sinne als weiterleben zu wollen. Und nur weil man etwas nicht kennt heißt es nicht das man es nicht misst. es ist nur eine andere Art des vermissens...

karina becker
19.08.2010 13:27

ich kann mir dieses politisch korrekte, die Realität verweigernde Geschwafel nicht erklären. Unlogisch ist es auch: Denn wenn es sich nur um eine andere Kultur handelt, ist es doch ganz einfach: Die Gehörlosen bleiben unter, gründen ihre eigenen Firmen, schaffen Arbeitsplätze füreinander und das Problem (das ja laut Fr. Euler eh nur eines der Hörenden ist) ist gelöst.

In ein paar Jahren wird uns sicher erklärt werden, blinde Menschen sind überhaupt nicht behindert, sondern haben "eine eigene Kultur des Sehens". Und die Sehenden sollen Braille-Schrift lernen und sich die Augen verbinden.

peter kadlec
20.08.2010 10:03

Die Behindertenverbände sind sich untereinander teilweise spinnefeind, Sie würden sich wundern, genau wie die Fraktion der Verteufler des Cochlea-Implantats fleissig auf die Befürworter verbal einschlägt. Kann man hier im Forum doch wunderbar nachlesen.

nietsche
20.08.2010 09:29
für die Hörenden sicherlich die einfachste Methode

..genau. Dann müssen wir hörenden keine Rücksicht mehr nehmen, brauchen uns nicht mit gehörlosen abgeben. Gebärdensprache brauchen wir nicht mehr erlernen. Das wäre doch eigentlich echt angenehm. Wäre ja auch super, wenn das alle Behinderungsgruppen so machen würden und gleich alle Minderheitengruppen überhaupt. Und vielleicht könnten sich die alle auch ein anderes Land suchen. Damit wir durch sie nicht gestört wären. Ach wäre das schön!! und so bequem!!!!!!

peter kadlec
20.08.2010 10:08
Wäre ja auch super, wenn das alle Behinderungsgruppen

Ja, was jetzt? Jetzt sind die Tauben doch behindert?

NewAtair
20.08.2010 10:56

Ich glaube, sie haben den Sarkasmus bzw. die Ironie nicht verstanden.

NewAtair
19.08.2010 13:18
Wissen sie was ...

... ich bin seit meiner Geburt an fast taub, und ich kann es nie NIE vorstellen, "vollhörend" zu sein, auch wenn ich telefonieren kann.

Und genau solche Einstellungen wie Ihre machen das Leben uns Gl/Sh schwer. Das ist. die Tatsache! Nicht umsonst gilt gerade bei den Gl/SH: Man ist eigentlich nicht behindert, sondern man wird behindert. (in unserem Fall in Form von fehlenden nicht-akustischen Informationen, wie Untertitel, Relay-Services, ungeduldige Mitmenschen, usw.)

Rainer M.
19.08.2010 15:31
Ich möchte ihnen nicht nahetreten...

.. aber auch wenn Sie es noch so ungern hören, aber sie sind BEHINDERT und das in keinster Weise negativ aufzufassen sondern als in den raumstehende Tatsache. Sie erklären ihre Behinderun ja selbst, anstelle, dass sie gesunden wollen, wird beklagt warum die Welt nicht "taubenfreundlicher" wird. Das ist eine Symptombekämpfung aber nicht die Ursachenbeseitigung. Spinnt man das ganze weiter geht es wieder um Toleranz, den man muss sie aushalten und diejenigen denen sie begegnen müssen von ihnen ausgehalten werden nur das man ihre Defizite zum Teil wenn früh genug erkannt und die anatomischen Voraussetzungen vorhanden sind nahezu vollständig ausgleichen kann. Jemand der sehbehindert ist trägt eine Brille warum sie kein Implantat ?

nietsche
20.08.2010 09:23
Und was ist mit den Gehörlosen, die man nicht implantieren kann???

Nicht jede Person ist für ein Implantat geeigent. was ist mit denen? Haben die nicht ein Anrecht drauf, dass die Umwelt sich einbißchen an ihre Bedürfnisse anpasst?! Müssen wir alle in dieser Welt alle Sinne beherrschen, der Norm entsprechen? Diese Reparatur-Mania geht mir mächtigen auf den Geist. Ein Cochlear-Implantat einsetzen ist wirklich etwas anderes als sich die kurzsichtigen Äuglein lasern zu lassen. Und es bleibt oft auch nicht bei einer einmaligen OP. Und dann das lange Hören lernen. Es wird immer gehörlose Menschen geben. Und die müssen in der hörenden Welt Platz finden.

Rainer M.
20.08.2010 10:24

Natürlich sollte man was kaputt ist reparieren so gut es geht, und man kann nur besser werden wenn man sich auch mit noch nicht perfekten Lösungen zufrieden gibt. Derzeit experimentiert man mit Stammzellen die bei manchen Arten der Ertaubung helfen könnten disee zu heilen. Niemand soll oder muss stumm sein müssen. Und umso früher man mit einer Therapie anfängt umso wahrscheinlicher ist es dass sie erfolg hat.

NewAtair
20.08.2010 10:40

Sein wann sind Gehörlose stumm? Ich glaube, sie haben sich noch NIE mit der Gebärdensparche beschäftigt!

Rainer M.
20.08.2010 11:08

Ehrlichgesagt wollte ich taub schreiben, asoziiere halt mit taub auch stumm. und nur weil man sich artikulieren kann heißt es nicht das man Töne von sich gibt. Es ist ehrlichgesagt erschütternd wie resistent menschen sein können obwohl es nur eine verbesserung ist die man herbeiführen möchte.

taub sein ist ein nachteil, eine behinderung, und verkompliziert den alltag für alle. ES IST JEDOCH NICHTS SCHLIMMES, aber man sollte versuchen etwas das nicht funktioniert zu richten/heilen. und ich finde es schrecklich das man neugeborenen die möglichkeit des hörens teils verwehrt weil taube eltern sich einbilden ihr kind müsste so behindert sein wie sie dass sie eine familie sein können... taube wissen nicht wie schön musik ist, sehr traurig.

NewAtair
20.08.2010 12:28

Bitte, bitte hören sie mit dem Mitleid udn Bedauern auf. Denn genau solche Menschen machen uns Gl/Sh das Leben schwer.

Bitte lesen Sie mal das Buch von Oliver Sacks durch!

peter kadlec
20.08.2010 14:44
Wissen Sie was,

Sie sind wirklich auf Provokation aus, denn Sie versuchen Ihre Sichtweise als die einzig Wahre zu verkaufen.

NewAtair
20.08.2010 14:59

Sie brauchen mir als Schwerhörigen diese Bücher nicht nennen, da ich diese gelesen habe.

Auch wenn ich Musik höre (und das tue ich sehr gerne, aber ich liebe auch die Stille), fühle mich von diesen Büchern NICHT angesprochen, da in meinen Augen der Hörsinn zu sehr überbewertet wird.

Dieses Paradoxon können viele "Vollhörende" nicht verstehen. Ohropax reicht da nicht. Das Kapitel "Spätertaubte" ist ein eigenen Kapitel und auch nicht das Thema von diesem Theard bzw. Artikel.

peter kadlec
20.08.2010 15:10
da in meinen Augen der Hörsinn zu sehr überbewertet wird.

Sie bezeichnen sich selbst als schwerhörig und behaupten gleichzeitig, dass der Hörsinn in den Büchern eines MUSIKERS überbewertet wird. DAS ist Paradox.

peter kadlec
20.08.2010 13:18

Bitte lesen mal folgende Bücher von Joachim-Ernst Berendt:
1. Das Leben ist Klang
2. Vom Hören der Welt
3. Ich höre - also bin ich

NewAtair
20.08.2010 14:37

Wissen sie was,

sie sind wirklich auf Provokation aus, denn für uns spielt das nicht wirklich eine Rolle bzw. Sie versuchen Ihre Sichtweise als die einzig Wahr zu verkaufen.

Lesen Sie mal das Buch von Sacks durch, bevor Sie auf diesen Terrain wagen.

Rainer M.
20.08.2010 19:47
Der Mensch hat 2 Copingstrategien..

... die eine ist vermissen der Sache die er nicht erreichen kann die andere ist diese Sache auch wenn er sie noch so gerne hätte zu verteufeln... irgendwie hab ich das Gefühl dies findet bei einigen Gehörlosen statt... So wie sie es schildern, hören ihre Ohren den Schall aber nicht die Botschaft, es gibt keinen schöneren Ohrengenuss wie der Wind durch die Bäume weht, ein schönes Klavierkonzert beispielsweise dir Nocturnes, oder das flüstern des liebenden Menschens mit den Worten "ich liebe dich", Sie wirken eher so feindseelig weil sie sich nicht integrieren können in einer Welt die 100 prozentig ist, ihnen jedoch etwas fehlt... der mensch der ein leiden hat gehört geheilt, er soll nicht vor der situation kapitulieren.

NewAtair
19.08.2010 16:19

Ich glaube mir kreist der Hut ...

Sie scheinen nicht zu verstehen, dass die Medizin(technik) nicht zu 100% komensieren kann.
Lesen sie bitte nochmals mein Posting durch.

Und es gilt: Hören ist nicht gleich Verstehen!

<ironie>
Genausogut könnte man wieder zulassen, dass alles nur in 6pt Serifenschrift gedruckt werden darf. Ich persönlich hätte kein Problem damit, denn damit spart man Papier, Tinte und Platz.
</ ironie>

Ich sehen schon, dass die meisten Österreicher noch einen enormen Aufklärungsbedarf haben und Österreich in diesem Thema noch einen sehr langen Weg vor sich hat (Im Gegensatz noch vielen Staaten, vor allem die nördlichen, der EU).

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