Zum Hören: O-Töne der fragilen Dichterin Nelly Sachs - Auskünfte über sie von Aris Fioretos, Hans Magnus Enzensbergers und Katharina Schubert
Vier Quadratmeter groß war der Arbeitsbereich Nelly Sachs'. Der zugleich Schlaf- und Essbereich war in der kleinen Einzimmer-Parterrewohnung in Stockholm, in der die 1891 in Berlin geborene deutsch-jüdische Lyrikerin seit 1940, seit ihrer fast wundersamen Flucht mit ihrer Mutter aus Deutschland, wohnte. Acht Jahre später bezog sie eine nur wenig größere Wohnung im selben Haus und blieb dort bis zu ihrem Tod 1970. 1966 erhielt sie den Literaturnobelpreis, heuer hat der Suhrkamp-Verlag eine neue kritische Gesamtausgabe ihrer Werke begonnen - die hierzulande kaum bekannt sind. Weil sie hermetisch sind? Das Gegenteil stimmt, das führt ein berührendes Hörporträt vor. In elf chronologisch angeordneten Themenstationen faszinieren am stärksten die O-Töne der fragilen Dichterin, die neben ihrem Freund Paul Celan zu den wohl sprachmächtigsten Poeten nach der Shoa zählt. Und die unverdrossen, trotz Schicksalsschlägen und gesundheitlichen Komplikationen an ihren mystischen und doch oft klaren Poemen schrieb. Aris Fioretos gibt erläuternde biografische Auskünfte. Sehr lebendig wird Nelly Sachs in den Erzählungen Hans Magnus Enzensbergers, des Freundes, der sie förderte, lektorierte. Katharina Schubert, lange am Burgtheater tätig, hat pathosfrei Gedichte eingelesen. Eine gelungene Einladung, Nelly Sachs zu entdecken. (Alexander Kluy, DER STANDARD, Printausgabe 31.7./01.8.2010)
"Nelly Sachs. Schriftstellerin. Berlin/Stockholm". Sprecherin: Nelly
Sachs u.a. € 19,10/78 min. Verlag speak low, Berlin 2010